Konsumbotschaften

Je lauter, desto besser?
Blog Mag

Seht her, was ich für einen guten Humor habe: beschriftete Tragtaschen. Montage Nathalie Blaser

Neulich habe ich die sogenannten Nachrichten auf RTL gesehen, meine Damen und Herren. Ich habe weder eine Rechtfertigung noch eine Entschuldigung dafür; es ist einfach passiert. Und zwar sah ich dort eine Angehörige des deutschen Dienstleistungsprekariats, die vom Sofa ihrer Sozialwohnung aus erklärte, warum sie nun die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland gewählt habe. Die Dame war von kräftiger Statur. Auf ihrem T-Shirt prangte in Rheinkieseln die Aufschrift: Never lose your sense of chic.

Ein paar Tage später war ich zu Besuch in Berlin, und im Prenzlauer Berg kam mir jemand auf dem Trottoir entgegen, der sich in Bezug auf nämliche Dame wohl dem exakt entgegengesetzten Pol auf dem soziopolitischen Spektrum zuordnen würde. Dieser Mensch trug ein Oberteil, auf dem zu lesen stand: F*** what people think. Was ja ein Widerspruch in sich ist. Denn wenn man sich nicht schert, warum beschriftet man dann ein T-Shirt damit?

Wir sind in der Tat längstens von dem umgeben, was die amerikanische Kulturwissenschaftlerin und Pulitzerpreisträgerin Alison Lurie als «Legible Clothing», also «Lesbare Kleidung», bezeichnete, womit sie jene uferlos wachsende Kategorie von Anziehsachen meint, die in irgendeiner Form Botschaften tragen. Markennamen, Ideologien, Geschmacksurteile, politische Statements, blanker Unsinn – nicht nur auf der T-Shirt-Brust ist Platz für alles. Geltungskonsum bedeutet die Versendung von Botschaften über das, was man besitzt; das hat bereits der Soziologe Thorstein Veblen, dem wir die berühmte «Theorie der feinen Leute» und ihren Begriff des Geltungskonsums verdanken, vor über 100 Jahren festgestellt. Neuer ist, dass die Botschaften so explizit serviert werden – und bisweilen unfreiwillig selbstironisch. Heute muss alles eine Botschaft haben. Oder wenigstens vortäuschen. Dabei gilt generell das, was Arthur Schopenhauer in «Parerga und Paralipomena» allgemein über den Lärm feststellte: Je dümmer, desto lauter. (Ich paraphrasiere.)

Denn jenseits aller popkulturellen Referenzen heisst «Lesbare Kleidung» schliesslich auch, dass man an beschrifteten Anziehsachen die Souveränität und das Geschmacksvermögen ihres Trägers ablesen kann. Und ein Label als Ersatz für Individualität, der Slogan als Ersatz für den Gedanken, fungiert sozusagen, um einen weiteren Ausdruck Veblens zu zitieren, als Emblem der Leere.

8 Kommentare zu «Konsumbotschaften»

  • Henry sagt:

    Nun scheint ja die Kritik Velbens kopfzustehen, wenn ich mir einen Müßiggänger mit einem Oberteil, welches mit Maos, ersatzweise Che Guevaras, Konterfei verziert oder aus der anderen Ecke mit“ Blut-und Ehre“ Insignien bedruckt ist, vorstelle. Ich meine, wenn ich einen guten 180er Stoff bei meinem Schneider aussuche, mag das vielerlei über mich aussagen. Daß ich auf meine Kleidung achte, eitel bin, als „gut betucht“ wahrgenommen werden will, oder was auch immer. Von mir aus aus auch, wie bei Velben, Negatives, was mit sogenannten sozialen Ungerechtigkeiten konnotiert. Aber das Bekenntnis zu einer totalitären Gesinnung, links oder rechts, macht mich einfach nur zum überredeten Trottel.

  • Anh Toàn sagt:

    Darum liebe ich Vietnam: Da sind die Botschaften in so fehlerhaftem Englisch, dass man nicht wissen kann, was die Botschaft sein soll.

    • Carlos Mexito sagt:

      🙂 Etwas in der Richtung habe ich mir auch soeben gedacht. Die wirklich fantastischen Kombinationen, welche diese Kleidungsstücke in Lateinamerika hervorbringen, könnten sich nicht mal die Coen-Brüder ausdenken. Hier wird eben noch viel eher gratis oder gebrauchte Kleidung mit (zum Teil falsch geschriebener) Werbung getragen. Dann kommt auch das Grosi mit einem „I’m sexy and ready“ T-shirt daher.

  • Peter sagt:

    Auch noch interessant ist die Frage, was der Unterschied zwischen einem Tattoo ist und einem solchen Kleidungsstück. Habe selber kein Tattoo und trage keine solche Kleidung. Kenn mich nicht aus, was man sich so tättowiert, aber ich frage mich, ob man sich solche Sätze wie „i dont need a therapist, i have a dog“ oder „Never lose your sense of chic“ auch tättowieren lassen würde. Also zu „Lesbare Kleidung“ käme noch „Lesbarer Körper“ hinzu, und darum gehts doch bei Tattoos auch.

  • werner boss sagt:

    So ist es und somit haben Sie meine Ansicht über die Kleiderwahl der Nachrichtensprecherinnen und Sprecher anlässlich der amerikanischen Präsidentschaftswahlen bestätigt! Und damit bestätigen Sie Herr Dr. Tingler auch das unser Fernsehen NICHT neutral Bericht erstattet !

  • Meinrad sagt:

    Um an den beschrifteten Anziehsachen, die das Innere verdecken, die Souveränität des Trägers ablesen zu können, müsste der Leser hinter den „sogenannten“ Vorhang des Trägers schauen können, um zu entdecken, ob etwas dahinter sei. Wäre indes nur eine ganz Leeres erblickbar – sei es durch den Leser, sei es durch den Träger – könnte der Träger es immer noch mit Träumereien füllen; die Träumereien wären aber weniger würdig als das ganz Leere (wieso?), und das T-Shirt ein „Emblem der Leere“. (Ich bastle aus Hegel, Phänomomenologie des Geistes, der darüber spottete, dass das ganz Leere von Anderen auch das Heilige genannt wurde.) Gerade Vorhänge sind in den Religionen zu verschiedensten Zwecken verbreitet. Meist verbergen sie das Allerheiligste.

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