Gesundheit als moralische Aufgabe

Oder: Wer krank ist, macht sich verdächtig.
Wer Burger isst, gefährdet seine Gesundheit – und soll das gefälligst nicht auch noch geniessen. Foto: iStock

Wer Burger isst, gefährdet seine Gesundheit – und soll das gefälligst nicht auch noch geniessen. Foto: iStock

Wissen Sie, was hedonistische Psychophysik ist, meine Damen und Herren? Das ist die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, nach welchen Gesetzmässigkeiten wir zum Beispiel bestimmte Gerichte schmackhaft finden und andere nicht. Oder Gerüche als angenehm. Oder Töne als Wohlklang. So ungefähr. Der Begriff begegnete mir letzte Woche bei einem Symposium der Fachhochschule St. Gallen, das sich unter anderem mit der Frage befasste, ob die psychosoziale Gesundheit das leitende Paradigma und den entscheidenden Wirtschaftsfaktor unserer Zeit verkörpere.

In der Tat erscheint ja «Gesundheit» in unserer polyvalenten, hochfragmentierten Gesellschaft als einer der wenigen Werte (neben «Nachhaltigkeit»), auf die sich alle einigen können, als eine der wenigen verbliebenen Leitvorstellungen der Multioptionsgesellschaft. Doch was ist heutzutage gemeint, wenn von «Gesundheit» die Rede ist? Oft genug ein Leben, dessen wichtigster Wert seine Länge zu sein scheint. Das liegt daran, dass wir uns überhaupt in Richtung einer Gesellschaft bewegen, die Qualität zugunsten von Quantität vernachlässigt. Die allgegenwärtige Quantifizierung scheint mir geradezu ein Hauptmerkmal unserer zeitgenössischen Öffentlichkeit zu sein. In virtuellen sozialen Netzwerken, zum Beispiel, ist die schiere Anzahl sogenannter Freunde wichtiger als die Qualität der unterstellten Bindung.

Die Vermessung des eigenen Körpers

Und bei vielen normativen Massgaben zur individuellen Daseinsgestaltung scheint nun eben die schiere Länge des Lebens sein einziger Wert zu sein: Man soll sich korrekt ernähren/benehmen/bewegen, weil das mutmasslich das Leben verlängere, egal welche Qualität ein solcherart extendiertes Dasein dann (noch) aufweist. Auch mit Hinsicht auf das zeitgenössische Selbstbild des Individuums manifestiert sich das, was ich das quantitative Paradigma nennen möchte: etwa in der sogenannten Quantified-Self-Bewegung beziehungsweise dem Self-Tracking, also der kontinuierlichen Erfassung möglichst vieler Daten über den eigenen Körper mit mobilen, oft nanoelektronischen Gerätschaften.

Das spätmoderne Subjekt kann sich mit einer grossen Auswahl digitaler Accessoires behängen, die seine Wach- und Schlafrhythmen aufzeichnen, seinen Herzschlag, die Schrittzahl, den Kalorienverbrauch und so weiter. In der guten alten protestantischen Tradition der Selbstoptimierung bleibt bei all diesen Phänomenen die persönliche Verbesserung stets das erklärte Ziel – wenn sie auch nun anscheinend auf rein quantitativem Wege erreicht werden soll.

Dies impliziert aber auch, dass «Gesundheit» zu einer Art moralischen Prüfung wird: Sichtbar gesund zu sein, erscheint als der Beweis dafür, dass man sich stets massvoll und diszipliniert verhält und verhalten hat. Medizinische Befunde wie der Blutzuckerspiegel oder der Körperfettanteil oder die Leberwerte werden zu moralischen Prüfmarken, Daten werden zu Statussymbolen und zu Denkmälern für Aktivitäten und moralische Richtigkeit, zugleich auch zu Denkmälern des permanenten schlechten Gewissens und der Entäusserung der eigenen Person ins Gegenständliche – oder hier: ins Virtuelle, Post-Gegenständliche: Das labile spätmoderne Ich, ausgesetzt, selbstbezüglich und leicht kränkbar, wird süchtig nach vermeintlich objektiver Validierung.

Als Healthism bezeichnen Wissenschaftler den Zwang, mutmasslich alles für die Gesundheit zu tun. Wer krank ist, hat versagt. Auch moralisch. Denn Krankheit ist kein Schicksal mehr. In den berühmten Worten des New Yorker Ernährungswissenschaftlers Paul Marantz: «Wenn sich jemand einen Cheeseburger an die Lippen hält, ist das ja mittlerweile moralisch gleichbedeutend damit, sich eine Pistole an die Schläfe zu setzen.»

Der Körper im Mittelpunkt

Warum aber wollen wir alle gesund sein? Weil es anscheinend nichts Höheres mehr gibt. Der Philosoph Georg Lukács hat bereits 1963 von der «transzendentalen Obdachlosigkeit» der Moderne gesprochen, und die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer schreibt in ihrem Buch «Das Leben als letzte Gelegenheit»: Am Beginn der Moderne wird das Leben als biologische Lebensspanne konstituiert. Es wird zur einzigen und letzten Gelegenheit für die Anhäufung von Lebenskapital, von Erfahrung, von Sinn. Zwar steht das Heilsversprechen der Identitätsgewissheit und Selbstverbesserung nicht mehr im Dienste der Entsagung und Gottgefälligkeit; es ist nicht mehr Gott, der die Optimierungsaufgabe stellt.

Die Erlösungssehnsüchte sind im Diesseits einzulösen. Doch das verlangt nicht weniger asketische Selbstdisziplin, die Bereitschaft, Gratifikationen zu verschieben und mehr und härter (an sich) zu arbeiten. Wenn es nun keinen Sinnhorizont gibt, der über das nackte Leben hinausgeht, wird Gesundheit zum absoluten Ideal. Wenn Gott tot ist, steigt die Gesundheit zur Göttin auf, hat Nietzsche gesagt. Denn wie im Ideal der Jugend, so äussert sich auch im absoluten, unbedingten Wunsch nach Gesundheit eine Tendenz, Sehnsüchte, die früher übernatürlich oder metaphysisch hiessen, in die Physis, den Körper zu projizieren. Hier zeigt sich ein Paradox: Wir leben in einer digitalisierten und entkörperten Welt – und der Körper steht trotzdem im Mittelpunkt.

17 Kommentare zu «Gesundheit als moralische Aufgabe»

  • Peter sagt:

    Vielen Dank für den schwierigen Text, den ich erst nach mehrmaligem Lesen verstanden habe. Macht aber nichts, war aber sehr interessant.
    Wir armen Menschlein haben, nachdem wir Gott verloren haben, neue Götter gefunden. Viele Götter.
    Warum habe ich jetzt bloss unbändige Lust auf Odenwälder Kartoffelsalat, mit Frikadellen und einem Pils?

  • Thomas Bachmann sagt:

    Gesundheit als Normalzustand, 69% leiden unter Rückenschmerzen. In welcher Fernsehserie sieht man Protagonisten mit Rückenschmerzen, sofern es nicht Teil der Handlung ist?

  • Fredi sagt:

    Die Gesundheit als Religionsersatz oder eher als Projektionsfläche hemmungslos ausgelebter Individualität und Selbstdarstellung. Nichts geht schneller und einfacher als gesund zu leben, auf Facebook jedenfalls, digitale Beweise sind innerhalb von Sekunden im Web. Selbstkasteiung, Disziplin, Sinngebung, Vorbildfunktion durch Sport und was auch immer die persönlichen Narzismen projezieren. Ernährungsneurotisches Verhalten von vegan, glutenfrei über Diäten bis hin zu exotisch teuren Produkten, wie Antilopen- und Kobefleisch. Exzessiv ausgelebte Allergien, die keine sind.
    Wie schwierig ist es doch heutzutage ein normaler Mensch zu sein, unauffällig und durchschnittlich.
    Wir sind eine Gesellschaft, die sich weigert, sich mit seelischen und unterbewussten Inhalten auseinanderzusetzen.

    • Florian Keller sagt:

      Veganismus ist kein ernährungsneutrotisches Verhalten, sondern die ethische Position gegen artspezifische Diskriminierung (Speziesismus) und für Tierrechte. Diese wirkt sich nicht nur auf die Ernährung, sondern auch auf das restliche Konsum- und Freizeitverhalten aus, z.B. kein Leder, Wolle, Seide, kein Reiten, keine Stierkämpfe, Zirkusse, Zoos usw.

      • Fredi sagt:

        Veganismus ist positiv besetzt: Rücksichtnahme, Tierschutz, Klimaschutz, Verantwortung, Selbstdisziplin, Engagement. Es ist attraktiv sich als besserer Mensch zu bekennen, in einer Gesellschaft, in der sich Werte- und Ordnungssysteme (Religion, Familie u.a.) verlieren. Hinzustehen als besserer Mensch dient einerseits einem narzistischen Wohlbefinden andererseits muss die Radikalität hinterfragt werden. Hinter diesem positiven Label verstecken sich durchaus neurotische und depressive Erkrankungen, insbesondere wenn sie sektiererhaft und als Glaubensersatz äussern. Ess- und Angststörungen lassen sich hervorragend hinter diesem positiven Vorhang verbergen.
        Vegan leben muss nicht gesund sein.

      • Florian Keller sagt:

        Als ob der Glaube an frei erfundene Götter irgendeinen Ersatz bräuchte. Wie gesagt, es ist eine ethische Position. In einer Gesellschaft, in der Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere die Norm darstellt, mag die Verneinung dieser Norm als radikal empfunden werden. Was nichts an der ethischen Notwendigkeit ändert.

    • Fredi sagt:

      Eine ethische Diskussion und Auseinandersetzung zum Thema Veganismus wird sehr rasch in einer zentralen Frage enden: wem geben wir mehr Raum und müssen wir uns der Tierwelt unterordnen? Hier geht es um wesentlich mehr als, esse ich Tiere oder nicht. Bis dato erkenne ich nur dogmatische Glaubensbekenntnissen, die nicht der Vernunft des Handelns entsprechen. Das sprengt dann aber diesen Blog. Ich würde mich jedenfalls nicht allzufest auf die Ethik abstützen.

      • Florian Keller sagt:

        Ganz simpel: Sind Tiere empfindsame und bewusste Individuen und verfügen ein Interesse an ihrem Leben, ihrer Freiheit und Unversehrtheit? Nein? Dann spricht aber auch nichts für irgendwelche „Tierschutzmassnahmen“. („Freiland“, „Bodenhaltung“ etc.) Falls ja, verbietet sich jede Form der Gewalt an und Ausbeutung von ihnen von selbst. Die Wissenschaft spricht für Ersteres.

  • Meinrad sagt:

    „Wer krank ist, hat versagt. Auch moralisch.“ Schimmert hier das extreme Naturrecht des Kallikles in Platons „Gorgias“ durch? Dort ähnelt in der Schwäche die Inkulturation der Kinder der Domestikation der wilden Tiere. Der Starke lässt sich aber nicht domestizieren. Konrad Lorenz zieht einen ähnlichen Vergleich, wenn er im Sittlichen Merkmale als gut und edel sieht, die durch Domestikation verloren gehen. Alle Eigenschaften des „Helden“ sind solche Merkmale.

    In der Bibel fragen die Jünger Jesus, ob bei einem blind Geborenen dieser selbst oder seine Eltern gesündigt hätten. Jesus verneint beides (Joh 9,1-3). Nicht die Sünde, nicht das Versagen ist „schuld“.

    Werte entspringen zwar Einzelmotiven, sind aber immer auch zu gewichten und in der Richtung zu lenken.

  • Philipp N sagt:

    Vielen Dank für diesen sehr lesenswerten Text! Ich hatte kürzlich eine hitzige Diskussion mit einem Politwissenschaftler, der ernsthaft die Lebenserwartung in einem Land als ultimativen Performance-Standard vorschlug. Quantitativ einwandfrei, qualitativ ein Alptraum!
    Wird spätestens jedem klar, wenn wir in einigen Jahrzehnten unser Bewusstsein digitalisieren können…

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