Wo bleibt das Negative?

Seelenfrieden für 2.95.
«Deine Dosis an Selbstwertgefühl»: Die Aarg-Sonderausgaben von «Cuore». (PD)

«Deine Dosis an Selbstwertgefühl»: Die «Aarg»-Sonderausgaben von «Cuore». (PD)

Sie erinnern sich gewiss, meine Damen und Herren, an die berühmte Frage, mit der sich der Satiriker Erich Kästner konfrontiert sah: «Herr Kästner, wo bleibt das Positive?» Die Frage bestimmt den Menschen und das Menschsein, offenbar, und sie leitet augenscheinlich keine Epoche so sehr wie die unsrige. Jedenfalls wenn man, was man nicht muss, dem Philosophen und Medientheoretiker Byung-Chul Han folgt, der in der Forderung nach einer «Transparenzgesellschaft» zugleich das Dogma einer «Positivgesellschaft» erkennt: Negatives (in jedem Sinn des Begriffs) kann und darf es nicht geben, weil es nicht transparent gemacht werden könne. Transparent werden die Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie ihre Singularität ablegen. In ihrer Positivität, die mit einem Beschleunigungsdruck einhergeht, sei die Transparenzgesellschaft eine «Hölle des Gleichen»: Es gibt keine Negativität der Anders- und Fremdheit oder Widerständigkeit mehr.

Das Negative bedeutet nun allerdings auch das Nichtrealisierte und Nichtrealisierbare, die verworfenen Möglichkeiten des eigenen Daseins und Selbst – oder, in ökonomischer Diktion: die Opportunitätskosten. Und als solches ist es in unserer spätmodernen Mediengesellschaft allgegenwärtig. Die grosse spanische Illustrierte «Cuore» beispielsweise bringt jeden Sommer eine «Aarg»-Sondernummer heraus, die ausschliesslich aus Bildern besteht, die die schönsten und reichsten Menschen der Welt mit ihren tatsächlichen oder mutmasslichen Makeln oder wenigstens in unglücklichen Posen und Momenten zeigen. «100 Prozent frei von Photoshop», verspricht das Magazin, und: «Deine Dosis an Selbstwertgefühl».

Man soll sich also besser fühlen, indem man realisiert, dass andere auch nicht so super dran sind, sogar wenn sie ein super Leben zu haben scheinen: Ein Mechanismus, der zur condicio humana wohl ebenso gehört wie die Sehnsucht nach dem Positiven und von dem zahlreiche Industrien leben. So werden Statusrivalitäten gewaltfrei, also mit vergleichsweise geringen sozialen Kosten, gelöst. Dieses seelische Komfortbedürfnis nach Legitimität des eigenen Glücks bleibt in seiner Befriedigung allerdings ambivalent. Denn es sind nicht die edelsten Instinkte, an die hier durch das Negative appelliert wird: Nicht nur für schlichtere Gemüter liegt eine gewisse Beruhigung darinnen, das verächtlich zu machen, was sie nicht haben oder fassen können.

Vielleicht sollte man sich also lieber auf das Negative als philosophische Kategorie besinnen. Das Negative eröffnet Perspektiven und Potenziale, anknüpfend an Techniken der Negation und des Infragestellens, die auf Denktraditionen sowohl der Antike wie auch der alten indischen Philosophien zurückgehen; «via negativa» heisst die aus dem Platonismus stammende philosophische Methode, sich dem Wesen der Dinge über das zu nähern, was sie nicht sind. Die Kunst negativen Denkens besteht also nicht nur in der gelegentlichen Entscheidung zum Nichthandeln, sondern auch in der Erkenntnis, der Verwerfung, dem Seinlassen all dessen, was «nicht ist». Die Negation bringt Selbstvergewisserung; der Weg des Verzichts, des Weglassens, des Reduzierens gehört ebenfalls zur menschlichen Ganzheit. Innerlichkeit, Transzendenz, Spontaneität und Ereignishaftigkeit, die das Leben überhaupt ausmachen, sind nicht nur auf das Positive bezogen. Darinnen gerade liegt die Freiheit des Menschen. Und nun entschuldigen Sie mich. Ich muss mir eine «Aarg»-Ausgabe kaufen und die Gewichtszunahme von Robbie Williams inspizieren. Seelenfrieden für 2.95.