Gehören Sie dazu?

Ein paar Hilfestellungen zur Schichtensprache
LONDON, ENGLAND - JULY 02: Spectators look on in centre court on day six of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the All England Lawn Tennis and Croquet Club on July 2, 2016 in London, England. (Photo by Julian Finney/Getty Images)

Wer gehört hier dazu – und wer nicht? Zuschauer in Wimbledon. Foto: Julian Finney (Getty Images)

Was konstituiert Zugehörigkeit? Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sphäre der Gesellschaft? Wird man dadurch einer sozialen Kohorte oder Klasse zugehörig, dass man beispielsweise von Zigaretten, Alkohol und der Hoffnung auf einen Lottogewinn lebt? Diesfalls wären grössere Teile des sogenannten Literaturbetriebs und des sogenannten Prekariats ununterscheidbar. Darüber liesse sich diskutieren. Plausibler scheint mir allerdings ein anderes Kriterium der sozialen Stratifikation: die Sprache. Der sogenannte Code.

Jedes Milieu hat seinen Code, jede Sphäre ihre Themen und Floskeln, was man besonders deutlich merkt, wenn man sich lediglich als Gast in ihr aufhält. Falls Sie also so angenehm in den Strom der Charaktere und Geschehnisse eintauchen wollen, meine Damen und Herren, ist es nur wichtig, so zu reden, als würde man dazugehören. Deshalb folgt hier für Sie ein kleines Phrasen-Kompendium für ausgewählte Zirkel. Vorgestellt wird jeweils die dominante Floskel (auch bekannt als sogenannte Hegemonial-Platitüde). Sinngemässe Variationen und adaptive analoge Anwendungen sind nicht nur möglich, sondern erwünscht. Sie werden sehen: Es ist ganz leicht! Und sollten Ihnen doch einmal die Worte fehlen, dann tun Sie einfach das, was Nancy Mitford als letzte Möglichkeit der Aristokratie bezeichnet hat: Schweigen. Good luck!

  1. Fashion Week (egal, wo)

    «Armani ist eben Armani.»

  2. Wagner Festspiele, Bayreuth

    «Nicht zu fassen, was der Clan sich da wieder geleistet hat.»

  3. Salzburger Festspiele

    «Die beste Buhlschaft war doch damals Senta Berger.»

  4. America’s Cup (egal, wo)

    «Das beste Revier war doch immer der Øresund.»

  5. Centre Court, Wimbledon

    «Ich bin immer noch nicht über Serena und diese Geschichte mit dem Hundefutter hinweg.»

8 Kommentare zu «Gehören Sie dazu?»

  • Jacques Taittinger sagt:

    Woodstock:= „Sex, Drugs and Rock n‘ Roll“. Rauchen und trinken, aber nie einen Lottgewinn. Höchstens die Aussicht auf Eierkuchen …

    • Jacques Taittinger sagt:

      Natürlich entwickelten sich in dieser heterogenen Subkultur auch gewisse Schichten: Von der puzzigen Marie Christine von Opel (Schicki-Micki Aristokratie) bis zu den „normalen“ Trampern/ Freaks. (gemeines Fussvolk).

  • Robin H. sagt:

    Und ich war letzte Woche wiedermal (möglichst beiläufig) in der MET….
    (Metropolitan Opera)

  • Peter Dietiker sagt:

    Nichts gegen den Öresund! :-)) Aber beim America’s könnte man noch folgendes anfügen: Team Oracle ist eine höchst unsportliche Bande. Und: Das Rennen um die alte Kanne ist auch nicht mehr, was es mal war.

  • Kristina sagt:

    Gibt es hiervon auch eine Übersetzung für Autisten?

  • Mike sagt:

    „Hegemonial-Plattitüde“ wird wohl mein Lieblingsausdruck 2016. Danke, Herr Tingler. Danke

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