Ruiniert endlose Auswahl den Musikgeschmack?

Über kulturellen Geltungskonsum.
Der Song wird zur Währung, Unterschiede hinlänglich. Foto: Getty Images/ Montage: Raisa Durandi

Der Song wird zur Währung – doch der Snobismus bleibt. Foto: Getty Images/ Montage: Raisa Durandi

Ich bin sehr für Auswahl, meine Damen und Herren. Auswahl in der Konsumgesellschaft gilt mir als Zeichen von Kultur und Zivilisation. Immer, wenn ich beispielsweise aus den USA in die Schweiz zurückkomme, fällt mir die bei uns kleine Auswahl auf. Bei, immerhin, beträchtlicher Kaufkraft. Seltsam. Hierzulande gibt es nicht mal fettarme Frischmilch.

Auswahlmöglichkeiten bedeuten für das konsumierende Subjekt Möglichkeiten auch der Selbstdarstellung, der Selbstschöpfung, der Emanzipation durch Konsum. Das kann man positiv sehen wie der Kulturwissenschaftler Norbert Bolz in seinem «konsumistischen Manifest». Oder man kann eher die soziale Bedingtheit von Geschmacksentscheidungen betonen, wie Pierre Bourdieu in «Die feinen Unterschiede» (übrigens eines der wenigen Werke, bei denen der Titel der deutschen Übersetzung besser ist als der des Originals: «La distinction»).

In ebenjenem Werk schreibt Bourdieu: Nichts sei ein deutlicheres Zeugnis der kulturellen Klasse eines Menschen als sein Musikgeschmack. Faszinierende These. In der Tat ist es ja so, dass sich der kulturell und popkulturell versierte Mensch in seiner Lebenserfahrung darüber definiert, welche Art von Musik er hört – und nicht hört. Je eigenartiger, je esoterischer, je schwerer zu kriegen und also weniger middle-of-the-road (kurz: MOR, wie der Engländer sagt); desto besser.

Oder jedenfalls war das früher so. Und dann? Gingen die Türen auf. Das digitale Zeitalter hat (beinahe) jedes Stück Musik gleichermassen für alle zugänglich gemacht. Der Streamingdienst Spotify, das grösste Musikarchiv der Welt, umfasst 30 Millionen Titel. Und jetzt? Der amerikanische Autor Tom Vanderbilt stellt in seinem eben erschienenen Buch «You May Also Like: Taste in an Age of Endless Choice» die Frage, wie angesichts einer überwältigenden Auswahl individuelle Geschmacksentscheidungen überhaupt noch möglich sind. Denn Auswahl ist stets ambivalent: befreiend, aber auch verwirrend. Was passiert, wenn von den Pooh Sticks über Wagner und Motörhead bis Jessica Simpson alles gleichermassen verfügbar ist?

Ich sage Ihnen, was passiert. Nämlich zweierlei. Erstens: Der Song wird zur Währung. Der spätmoderne Musikkonsument interessiert sich nicht für mehr Alben. Er interessiert sich auch nicht mehr für Bands. Oder Künstler. Er interessiert sich nur für den einzelnen Song. Zweitens: Der spätmoderne Eklektizismus wird durchaus nicht dafür sorgen, dass kultureller Snobismus verschwindet. Einerseits, weil man MOR immer noch als MOR identifizieren kann. Das Konventionelle bleibt der Feind der Kunst. Und andererseits – weil kultureller Snobismus eine menschliche Konstante ist. Schon die Cro-Magnon-Menschen haben über die Höhlenmalereien ihrer Nachbarn die Nase gerümpft. It’s all part of the fun.

14 Kommentare zu «Ruiniert endlose Auswahl den Musikgeschmack?»

  • Hanspeter Fischer sagt:

    Ich sage Ihnen mal was da so produziert wird ist zum Heulen.
    Nicht was sondern wie es produziert wird ist nicht geniessbar, keine einzige
    Stilrichtung. Jeder der meine digitalisierten LPs anhört dem gehen die Ohren auf.
    Warum werden wieder Plattrenspieler verkauft ?
    Ich geniesse diue Musik als wäre ich im Konzertsaal, sie ist für mich Erbauung
    und spricht alle Sinne an.
    Der Tonbrei einer industriellen cd ist ungeniessbar

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