Schrecken der Adventszeit

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Wie fast alles im Leben, ausser vielleicht flüchtigem und emotional unbeteiligtem Sex, so hat auch die Adventszeit nicht nur angenehme Seiten, meine Damen und Herren. Ich meine, ein paar Sachen machen natürlich unbedingt Freude, zum Beispiel Christmas-Crackers oder der Adventskalender. Ein etwas zweischneidiger Brauch dagegen ist der Mistelzweig. Den hängt man über die Tür, und wenn man jemandem unter dem Mistelzweig begegnet, dann muss man sich küssen. So will es die Überlieferung. Leider wird mit diesem hübschen Ritual oft grausamer Missbrauch getrieben, beispielsweise von meiner Tante Doris, die stets unbeweglich unter der Mistel zu verharren pflegt und solange die Lippen spitzt, bis irgendwer durch die Türe muss. Und hier kommen, zur Warnung und Vermeidung, noch fünf weitere Schrecken der Adventszeit:

  1. Krippenspiele

    Die Geschichte ist uralt, weithin bekannt und ziemlich handlungsarm: Ein Ehepaar aus der unteren Mittelklasse hat ein Hotelproblem und kriegt ein Kind. Warum bringt man das bloss jedes Jahr wieder auf die Bühne? Oft auch noch von Laien dargestellt, die ein schauspielerisches Niveau an den Tag legen, wie man es sonst jenseits von Softpornos selten zu sehen bekommt.

  2. Weihnachtsmärkte

    So stellt man sich die Hölle vor: Tinnef, Bienenwachs, Dixi-Klos, heisser Zucker, Trickbetrüger und glühweinselige Vertreter des Angestelltenmilieus.

  3. Weihnachtsmusik

    Nicht nur auf Weihnachtsmärkten – überall! Ich meine: überall. Es flötet und orgelt von allen Seiten. Und man kriegt alles zu hören, vom Bachschen Weihnachtsoratorium über den Christmas Macarena bis hin zum weltanschaulich inspirierten Repertoire der singenden Heilsarmeeposten. Das beste Weihnachtslied aller Zeiten ist allerdings kein kirchliches Stück, sondern «White Christmas» von Bing Crosby. Dicht gefolgt wird dieses Meisterwerk von «Last Christmas» von Wham, einem Meilenstein der Popgeschichte. Wie dem auch sei – irgendwann hat man genug. Genug von der Böhmischen Hirtenmesse und den Brandenburgischen Konzerten. Sogar genug von «White Christmas». Sollte dieser Überdruss eintreten, bevor Weihnachten vorbei ist, möchte ich an dieser Stelle eine etwas weniger bekannte, aber grossartige Nummer empfehlen, einen lange unterschätzten Klassiker, nämlich den Song «Santa Baby» von Eartha Kitt, einer Ikone des Schallplattenzeitalters.

  4. Fernsehen

    Bei Richie, dem besten Ehemann von allen, und mir geht das so: Wir verzehren am Weihnachtstag das Christmas-Dinner (ganzer Truthahn mit Beilagen), dann reissen wir in 90 Sekunden alle 187 Geschenke auf, dann wissen wir nicht mehr, was wir machen sollen, also trinken wir Champagner und versuchen, fernzusehen. Das Problem ist nur: das Programm. Regelmässig läuft «Titanic». Ein Film, gegen den nichts einzuwenden ist, wenn man nichts dagegen hat, dass es Leonardo DiCaprio überhaupt gibt. Falls man jedoch keine Geduld hat, bis das Ding endlich gesunken oder Céline Dions letzter Ton endlich restlos ausgesungen ist, bleibt einem nur der Wechsel in irgendein Weihnachtsstadl, mit volkstümlichen Stars, die offenbar dringend Geld brauchen und deren Bühnenpräsenz mich immer an den Blockflötenchor der Colonia Dignidad erinnert. Also schalten wir weiter. Und dabei ist uns letztes Jahr was Furchtbares passiert: Ich knipste so durch die Kanäle, und auf irgendeinem Kanal sprach soeben, wozu und warum auch immer, Christoph Mörgeli. Nun wollte ich weiterschalten, aber ich verwechselte die Knöpfchen der Fernbedienung, und plötzlich hatten wir: ein Standbild! Ein Standbild von Christoph Mörgeli. Ich meine: mit Haaren und allem!
    «Mach' das weg!», keuchte der beste Ehemann von allen. «Please!»
    «Vielleicht», murmelte ich, «vielleicht ist Fernsehen doch keine Lösung. Wir sollten uns mehr unterhalten. Also, Richie, wie war dein Tag?»
    «Grauenvoll!», erwiderte Rich.

  5. Unmögliche Wünsche

    Ein anderes Ärgernis sind: unmögliche Wünsche. Damit meine ich nicht den Weltfrieden oder volles Haar oder sowas, sondern Zeitgenossen, die sich ungerührt so Sachen wünschen wie einen silbernen Milchtütenhalter oder ein bestimmtes Gewürz, das auf der ganzen Welt nur auf einem entlegenen Marktflecken in Flandern zu kriegen ist. Aber solche Mitmenschen sind mir immer noch lieber als jene Charaktere, die, nach ihren Wünschen befragt, Auskunft geben wie: «Ach, ich will gar nichts!», und Weihnachten sei überhaupt nur noch eine entseelte, kommerzialisierte Massenveranstaltung und fast so schlimm wie die Globalisierung und so weiter. Hören Sie nicht auf diese lebensfeindlichen Miesepeter, liebes Publikum! Ich selbst pflege solchen Menschen immer zu erklären, dass man stets der Beste sein müsse, dass das gegenseitige Geschenkekaufen nichts anderes ist als ein Wettkampf, und dass es hier schliesslich darum geht, seinen Nächsten durch ein besseres Geschenk zu überbieten, auszustechen, zu übertrumpfen. Nachdem ich das erklärt habe, starrt mein Nächster mich bisweilen fassungslos an. Ich werde eben ständig missverstanden. Genau wie Jesus. Mit diesem nachdenklichen Hinweis verabschiede ich mich bis übermorgen.

Im Bild oben: Andrew Ridgeley (l.) und Georg Michael auf dem Cover der Wham-Single «Last Christmas». (Bild: Columbia)