Sind Ziele wichtig?

(iStock)

Ich lese gerade ein faszinierendes Buch, meine Damen und Herren, nämlich «Heroic Failure and the British» der Historikerin Stephanie Barczewski, das sich mit dem Topos des heldenhaften Scheiterns als einem nationalen kulturellen Mythos des Vereinigten Königreichs befasst (ein interessanter mentaler Unterschied zu ihren angelsächsischen Brüdern und Schwestern in den Vereinigten Staaten). Das Bild der tapferen Niederlage scheint eng verwandt mit dem ebenfalls zutiefst britischen Ideal der sogenannten «stiff upper lip», das ungefähr so geht: Wird dir ein Arm abgerissen, sagst du: «Nichts passiert, geht schon.»

Scheitern scheint überhaupt populär geworden zu sein. Als Phänomen und Gegenstand, der Betrachtung verdient und erheischt, meine ich. Die Aufmerksamkeit für Niederlagen, der vermeintlich korrekte strategische Umgang mit Versagen und Misserfolg, richtiges Denken über Scheitern, ordentliches Scheitern als Grundlage des Erfolges, die Prinzipien intelligenten Scheiterns, organisationelles Lernen aus Versagen – all das füllt Business-Handbücher und die Selbsthilfepools der Populär- und Vulgärwissenschaften und Blogs und Foren, die behaupten, dass man sein Scheitern umarmen solle und so was. Bis hin zur Einsicht, dass man auch beim Scheitern scheitern kann.

Scheitern – das ist das Danach. Wenn man mit dem Davor ansetzt, kommt man zu: Zielvorstellungen. Denn nur an Zielen kann man scheitern. Das philosophische Problem aber lautet: Ist lediglich die zielgerichtete Bewegung sinnvoll? Zielfixierung ist Ressourcenfixierung: Es geht darum, noch effizienter, vermögender, gesünder, attraktiver zu werden. Der Soziologe Hartmut Rosa sagt in seinem neuesten Buch «Resonanz»: Wir leben in einer Kultur, in der das ultimative Ziel der Lebensführung darin besteht, seine Ressourcenlage zu optimieren. Ressourcen und Optionen haben sich zum Inbegriff des guten, gelingenden Lebens verselbständigt. Die Erweiterung des sozialen und kulturellen Kapitals ist zum Leitmotiv geworden, zum hegemonialen Narrativ des Glücklichseins, wenn man so will; jedenfalls beherrscht das Thema die gängigen Glücksratgeber und die vorherrschenden Indikatoren für Lebensqualität.

Die Alternative dazu wäre, sich mehr auf den Weg und weniger auf das Ziel zu konzentrieren. Man könnte auch Rosas Terminologie benutzen und sagen: Beim Weg geht es um die aktive Stellungnahme zur Welt, um die Art, sich Welt anzueignen oder anzuverwandeln. Denn der Weg, nicht primär das Ziel, entscheidet über unsere Begegnungen; und diese Begegnungen prägen unser Weltverhältnis, unsere praktische, emotionale, körperlich-habituelle und mentale Stellungnahme zur Welt. Dieses Weltverhältnis kann man als gelingend bezeichnen, wenn es Elemente des Ästhetischen, des Spielerischen, des Gemeinsamen und Geteilten enthält. Nach Rosa ist das gelingende Leben durch die Intaktheit von Resonanzachsen, das misslingende hingegen durch deren Abwesenheit oder Verstummen gekennzeichnet. Man kann das auch mit der Maxime des Fotografen Henri Cartier-Bresson ausdrücken: «Man darf nicht wollen. Wenn man etwas will, bekommt man nichts.»

Im Bild oben: Könnte klappen – mit diesem Ziel auf Augenhöhe. (iStock)

7 Kommentare zu «Sind Ziele wichtig?»

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.