Die digitale Kluft

An elderly woman sitting at the table and types on laptop.

Irgendwie wird gar nicht mehr über den Generationenkonflikt geredet, meine Damen und Herren. Das mag damit zusammenhängen, dass wir uns, wie in dieser Rubrik schon gelegentlich beschrieben, auf dem Wege in eine alterslose Gesellschaft befinden, die es immer schwerer zu haben scheint, sich mit den Grenzen abzufinden, die der conditio humana nun einmal inhärent sind, zum Beispiel mit dem Tod oder dem Generationenunterschied.

Das, was die Generationen heute wohl am schärfsten trennt, sind nicht Wohlstand oder Technik oder Materialismus oder Werte, sondern: Biografien. Lebensführungen. Die meisten heute Zwanzig-, Dreissig- und Vierzigjährigen werden älter ohne ein kontextübergreifendes Zeitmanagement, ohne lineare lebensgeschichtliche Zusammenhänge, sondern: immer mobil, immer flexibel, mit vielfältigen, parallelen Lebensentwürfen und offenen Biografien. Das erzeugt Unsicherheit. Die Welt wird als instabil erfahren, weil die Stabilitätszeiträume abnehmen. In diesem Zusammenhang ist ein Begriff des Philosophen Hermann Lübbe interessant, nämlich der Begriff der «Gegenwartsschrumpfung»: Wenn man davon ausgeht, dass die Vergangenheit jene Zeit ist, die nicht mehr gilt, und die Gegenwart die Zeit, in der die Dinge bleibende Geltung haben, dann schrumpft die Gegenwart, wenn der soziale Wandel sich beschleunigt.

Die unterschiedliche Erfahrung der Gegenwart war immer schon ein Kennzeichen des Generationenkonflikts, doch nie hat sich diese Unterschiedlichkeit so zugespitzt wie heute: In der digitalen Spätmoderne sind die Generationen getrennt durch die häufig übergangene Tatsache der sogenannten digitalen Kluft, ein Phänomen, auf das der seinerzeitige US-Präsident Bill Clinton bereits 1996 aufmerksam machte: die ungleiche Verteilung von Möglichkeiten des Zugangs und der Nutzung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien, auch in entwickelten Mediendemokratien.

Wenn die Universität Zürich Ende 2011 in einer Studie feststellte, dass drei Viertel der Schweizer Bevölkerung das Internet nutzen, heisst das umgekehrt, dass man immer schon 25 Prozent der Bevölkerung von vornherein ausschliesst, wenn man von einer elektronischen Öffentlichkeit redet. Diejenigen, die das World Wide Web ohnehin schon nutzen, brauchen es indes immer häufiger. Sodass sich die Kluft verstärkt zwischen den digital Versierten, den Digital Natives, und denjenigen, die nur sporadisch oder gar nicht die Medien des elektronischen Austausches einsetzen – und dies sind, nicht zuletzt, die älteren Jahrgänge.

Die ältere Generation trennt also vom Rest der Gesellschaft nicht nur ein anderer Zugang zum Leitmedium unserer Epoche, dem World Wide Web, sondern, damit verbunden, auch eine ganz andere Zeitwahrnehmung in unserer Ära der Sichtbarmachung und Sofortkonfrontation, eine andere psychodynamische Sichtweise von Zeit – und Älterwerden. Man kann sich keinen grösseren Unterschied zwischen Generationen denken als diesen. Und obschon der letzte Generationenaufstand Ende der 1960er-Jahre nun schon ein halbes Jahrhundert her ist, sind die Generationen heute eventuell weiter voneinander entfernt denn je.

Bild oben: Digital Native kann man nicht werden – entweder man ist es, oder man ist es nicht. Foto: Dmitry Berkut (iStock)

5 Kommentare zu «Die digitale Kluft»

  • Eos sagt:

    Mobilität und Flexibilität gehen nicht nur mit Unsicherheit einher, sondern auch mit durchaus erwünschter Herausforderung und Erregung, die eher kontingent auch im Internet gesucht und gefunden werden. Mit dem Alter steigert sich im gewöhnlichen Fall die Neigung zur Sicherheit, die im schlimmen Fall in Einsamkeit mündet, im besseren Fall in realer Vertrautheit mit Verwandten und Freunden. Der Generationenkonflikt ist möglicherweise durch das Web schärfer als in anderen Zeiten. Das Web ist aber nur Symptom, nicht Ursache. Vielleicht kaufe ich (46) mir doch noch ein Smartphone.

  • Kristina sagt:

    So sieht Herr Trump also vor dem Frühstück aus. Oder ist es Hillary? Oder Bernie? Oder Jan? Gar Elizabeth?

  • Martin sagt:

    Es gehört auch zum stilvollen Altern, das man nicht mehr alles braucht. Wer sich bewusst entscheidet im Netz nicht aktiv zu sein, hat dafür mehr Zeit für echte Kontakte und Erlebnisse – denn virtuelles Erleben ist nicht sehr nachhaltig.

  • Ruedi Schneider sagt:

    Ja, die Generationenbeziehungen haben sich in der Schweiz massiv gewandelt. Deshalb gibt es auch ein Engagement in der Schweiz die Generationenbeziehungen zu fördern. Intergeneration ist so ein Akteur. Unter http://www.intergeneration.ch finden sich beispielsweise über 250 Projekte, die verschiedene Generationen verbinden. Tolle Sache! Und zum Stichwort Digitalisierung: Da finden sich auch einige spannende Projekte, wo Jüngere Älteren helfen mit den neuen Geräten und Medien umzugehen.

    Übrigens sagen einige Studien aus, dass es die „Digital Natives“ als solche gar nicht wirklich gibt…

  • M.D. sagt:

    Für meine Grossmutter (95) ist das Internet die Freiheit und das Tor zur Welt. Ob Gespräche via Skype, viele Mailkontakte oder das Lesen von Blogs, sie bringen Abwechslung und halten sie Geistig aktiv. Die Kontakte im Altersheim sind zwar auch vorhanden doch sind viele Menschen nicht mehr an Diskussionen interessiert oder sprechen ständig über ihre Gebrechen. Was es braucht? Die richtige Hardware (grosser Bildschirm, Tastatur speziell für Sehschwäche) und liebe geduldige Menschen die Schritt für Schritt und verständlich erklären.

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