Kein Wasser!

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Wir leben auf einer vergleichsweise glücklichen, zivilisierten Insel, meine Damen und Herren, und nur zu oft vergisst man, wie schnell man auch als leidlich kultivierter Mensch zu den Grundbedingungen des Daseins in ein elementares Urverhältnis zurückversetzt werden kann. Zum Beispiel wenn man für einige Stunden kein Wasser hat. Abgedreht. Da kann man nichts machen. Und das ist noch schlimmer als die Unannehmlichkeiten: Man ist ausgeliefert.

Manchmal hingegen kann man sich selbst helfen. Beispielsweise ist es mir neulich gelungen, meinen iPod wiederzubeleben, der sich plötzlich tot stellte. Reset. Und er ward wiederbelebt. Sehr befriedigend. Wozu mir eine Passage aus «Resonanz» einfiel, diesem famosen neuesten Werk des Soziologen Hartmut Rosa, das ich gerade lese. Darinnen zitiert Rosa unter anderem, was die Soziologen Georg Simmel und Richard Sennett für das Arbeiten festgestellt haben: Den Menschen erfüllt eine Tätigkeit insbesondere dann mit Freude und Erfüllung und Glück, wenn sie ihren tätigkeitsbestimmenden Endzweck in sich selbst trägt: das Backen eines Brots oder das Hacken von Holz oder eben die Reparatur eines Geräts oder Werkzeugs kann in diesem Sinne als ungemein befriedigend erlebt werden. Man erlebt Weltreichweite, Selbstwirksamkeit. Bei anderen Tätigkeiten hingegen, auch das hat mit der Zivilisation zu tun, scheinen die Endzwecke aus dem Blick geraten; zu lang ist die Kette der Zwischenziele geworden. Oder lassen Sie mich das mal so ausdrücken: Stellen Sie sich vor, Hedgefonds-Manager würden auch noch schlecht bezahlt werden. Niemand würde das machen.

So weit dazu. Und dann, als das Wasser wieder da war, streikte plötzlich die Spülmaschine. Worauf ich zu Richie sagte: «Nun müssen wir das Geschirr wegwerfen.»

(iStock)

Bei einer defekten Spülmaschine kann man sich schlecht selber helfen, oder?  (iStock)

3 Kommentare zu «Kein Wasser!»

  • Kristina sagt:

    Ich hoffe Richie hat Freudensprünge gemacht. Man stelle sich vor, da ist eine Schaumparty und das Geschirr fängt an zu rosten.

  • Christian Hofstetter sagt:

    Früher beurteilte ich Rechtsfälle, entschied darüber, schrieb Briefe, nahm an Sitzungen teil, war zunehmend mit mehr Bürokratie wie Controllingberichte etc. beschäftigt. Manchmal, wenn ich den Tag Revue passieren liess, musste ich überlegen, was ich wirklich Entscheidendes getan hatte. Ich kam mehrmals zum Schluss nicht viel. Heute koche ich manchmal für meinen greisen Vater oder bringe ihm einen Rest an Leben in die Stube. Fragen über Sinn oder Unsinn, die ich mir während der Erwerbsarbeit öfters stellte, bleiben mir erspart.

  • Jacques sagt:

    Ein weiterer Sinn der Arbeit – sie lenkt von anderen Problemen ab. Im Sinne, ein grösseres Problem – verdrängt sofort das kleinere. Nun sollte ich endlich mein Holz hacken, der Winter ist schon fast vorbei. Aber nicht gleich übertreiben. Bei Kopfweh nicht gleich die Hand abhacken.

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