Selbstoptimierung als Pflicht

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Das letzte Mal, meine Damen und Herren, haben wir an dieser Stelle den von Max Weber begründeten religionssoziologischen Zusammenhang zwischen Wirtschaftsethos (dem «Geist des Kapitalismus») und der «rationalen Ethik des asketischen Protestantismus» gewürdigt. Das hat Spass gemacht, erinnern Sie sich? Und besagter Zusammenhang ist fortgeschrieben worden. Wer Kapitalismus als Koordinationsmodus des sozialen Handeln und als Lebenswelt würdigt, muss bei jener Würdigung die kontinuierlichen Änderungen und Entwicklungen dieser Lebenswelt miteinbeziehen. Spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bedurfte der kapitalistische Geist der religiösen Untermauerung nicht mehr, der Protestantismus als kapitalistische Massenmoral dankte ab und der Kapitalistische Geist selbst stieg, auch in seiner Auseinandersetzung mit anderen Gesellschaftsmodellen, zum Rechtfertigungsapparat und hegemonialen Legitimationsnarrativ auf, wobei dieser Geist zur Sicherung der Loyalität vor allem der Arbeitskräfte stets drei Erfordernissen zu genügen hatte: Er musste erstens Sicherheit bieten und zweitens auch Freiheit, also eine attraktive Lebensperspektive. Sowie, drittens, sittliche Gründe für das eigene Tun.

So jedenfalls lautet die Prämisse der französischen Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Chiapello, die in ihrem bereits im Titel auf Weber bezugnehmenden, 1999 erschienenen Werk «Der neue Geist des Kapitalismus» verschiedene historische Etappen des kapitalistischen Geistes unterscheiden. Dieser Geist entwickelte sich nicht zuletzt unter dem Einfluss der Kritik. Die Autoren differenzieren zwischen einer Sozialkritik, die in erster Linie soziale Ungleichheiten moniert, und einer Künstlerkritik am Kapitalismus, die an der Autonomie und Selbstbestimmung des Individuums ansetzt, ihren Ursprung in der Lebensform der Bohème hat und am Kapitalismus die Entzauberung und Abstumpfung kritisiert. Am Ausgang des 20. Jahrhunderts befand sich der Westen nach Boltanski und Chiapello in einer Phase des globalisierten, hochtechnisierten «Konzernkapitalismus», der vor allem durch die Rezeption und Aufnahme der Künstlerkritik gegenüber früheren Epochen seinen Geist verändert hatte: Bedürfnisse sowohl der Konsumenten wie der Arbeitskräfte nach Selbstbestimmung und Freiheit seien insofern inkorporiert worden, als der neue Geist des Kapitalismus in seinen Management- und Vermarktungsansätzen Eigenschaften wie Autonomie, Spontaneität, Mobilität, Kreativität oder Soziabilität als Erfolgsfaktoren betone.

Das war, wie gesagt, der Stand am Ende des letzten Jahrhunderts. Doch parallel ist noch etwas anderes geschehen: Seit den Siebzigerjahren, also mit Beginn der Postmoderne, die durch die «No Future»-Parole des Punk eingeleitet wurde, hat in der kulturellen Fundamentierung kapitalistischen Wirtschaftens eine Art vollständiger Umwertung stattgefunden. Es handelt sich um eine Entwicklung, die sowohl die Produzenten- wie auch die Konsumentenseite umfasst und mit der durchgreifenden Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche (also mit dem, was der Philosoph Wolfgang Schivelbusch die «digitale Entwirklichung allen tatsächlichen Geschehens» nennt) einen zusätzlichen Beschleunigungsschub erfuhr: Statt der asketischen Fleissübung erfüllt nämlich nun – wenigstens scheinbar – das genau gegenteilige Prinzip die Funktion der kulturellen Basis wirtschaftlicher Regsamkeit: die hedonistische Selbstverwirklichung.

Gegenwärtig leben wir in einer Gesellschaft, die Selbstperfektionierung, die Arbeit am Ich, als Selbstgenuss postuliert; einer der letzten Leitwerte in der irreduziblen Vielfalt der uns allenthalten umgebenen polyvalenten, hochfragmentierten Kontingenzkultur ist: Authentizität, also Echtheit und Aufrichtigkeit der Person (neben «Gesundheit» und «Nachhaltigkeit» einer der letzten Werte, auf den sich alle einigen können). Das Heilsversprechen der Identitätsgewissheit bestimmt das spätmoderne Welterleben, darauf richten sich Selbst und Sinnverlangen. Diese Erlösungssehnsüchte sind im Diesseits einzulösen: Anders als das an der protestantischen Arbeitsethik orientierte Bürgertum, das für Vergnügen eine Entschuldigung brauchte, existiert heute eine ziemlich mobile Mittelklasse, die sich als Teil einer Erlebnisgesellschaft versteht und mit einer dementsprechenden Erlebnisrationalität also Vergnügen und Entspannung geradezu als ihre Pflicht betrachtet.

Und «Pflicht» ist in der Tat das Stichwort für mich, hier noch einen Schritt weiterzugehen und festzustellen: Der Hedonismus und die Selbstvervollkomnung des spätmodernen Subjekts werden von diesem tatsächlich regelmässig ebenfalls nach den Massgaben einer asketischen Arbeitsethik erledigt, sodass mir dafür der Begriff eines «protestantischen Hedonismus» nicht unpassend zu sein scheint. Das spätmoderne Ich agiert als Unternehmer seines selbst. Es betreibt die Selbstoptimierung als Pflicht, die nicht infrage zu stellen ist. Zwar steht diese Selbstverbesserung nicht mehr, wie in der klassischen protestantischen Tradition, im Dienste der Entsagung und Gottgefälligkeit; es ist nicht mehr Gott, der die Optimierungsaufgabe stellt. Doch auch die Selbstoptimierung im Dienste des Diesseits verlangt asketische Selbstdisziplin, die Bereitschaft, Gratifikationen zu verschieben und weniger in den Tag hineinzuleben, stattdessen mehr und härter zu arbeiten – und zwar an sich selbst.

Bild oben: Selbstoptimierung verlangt asketische Disziplin. Zum Beispiel im Bikram-Yoga, das bei fast 40 Grad Lufttemperatur ausgeübt wird. (iStock)

10 Kommentare zu «Selbstoptimierung als Pflicht»

  • Silvia sagt:

    Der Artikel geht überaus klug vor: chapeau! Das spätmoderne Ich agiert als Selbstoptimierung ergo verschiebt auch hedonistische Bedürfnisse im Freudschen Sinne. Zur Folgerung eines „protestantischen Hedonismus‘, den ich nicht bestreite, folgende Ergänzung resp. Problematik: das Ich hat den früheren Kapitalismus nun nach Max Webers Zeiten derart verinnerlicht, dass er nicht mehr erkennbar ist – also ausserhalb einesLegitimatonsprozesses. Er ist zu einem Teil des Ich selbst geworden und entzieht sich dadurch weitgehend der Reflexion – im Gegensatz zum sozial-religiösen Ich damals.

    • Jacques sagt:

      Das arme, verkümmerte Ich. Zivilisationskrankheit? Normalerweise hat es schon genug mit dem Es und dem Über-Ich zu tun. Bei mir nahm das Über-Ich mit seiner Strenge ab. Wohl wegen dem Alter. Und mit dem Es lebe ich inzwischen in friedlicher Koexistenz. Ab und zu nervt Es noch; genauso wie das Über-Ich. Dann suche ich Trost bei Jung oder Adler.

      • Silvia sagt:

        In dem von mir angepeilten Kontext ist nicht die Freudsche Trias Ich-Es-ÜberIch relevant. Es geht vielmehr um den Kontrast zwischen (hedonistischer) Lustbefriedigung und dem Aufschub der Lust, den Freud mit der Kultur im Monotheismus in Verbindung brachte. In dieser Debatte geht es um den Aufschub der Lust im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Protestantismus und Kapitalismus – und dessen heutige Ausformungen als eine Verinnerlichung, wie sie z.B. aufscheint im Drang, seinen eigenen Körper – unter Aufschub der Lust – einer Selbstoptimierung zu unterwerfen. Es ist also eine Kulturkritik!

  • Silvia sagt:

    Eine Präzisierung meines vorausgegangen Kommentars zu diesem anregenden Beitrag vo Philip Tingler: Der ‚protestantische Hedonismus‘ als eine Art von ‚Antihedonismus‘ gerät zu einem Teil unseres Ich und entzieht sich der Reflexion: der Körperkult wird ergo zu einer Art ‚Natur‘ im Sinne des Selbstverständlichen oder des vermeintlich freiwilligen Lustverzichts – wo er sich doch einst zumindest auf eine protestantische Ethik berief, die ausserhalb des Ich war.

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