Tötet Simonetta Sommaruga?

Nationalratskandidat und Chefredaktor der Weltwoche Roger Koeppel zeigt einem Delegierten ein Ausgabe der ''Weltwoche?? der Delegiertenversammlung der SVP am Samstag, 4. Juli 2015 in Kerns. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Frage sei interessant, findet Amir Ali, spannend sogar. Ali ist Redaktor des «Surprise»-Magazins, und als solcher hat er intime Kenntnis der Surprise-Aktion, die am Wochenende für Schlagzeilen sorgte: Das deutsch-schweizerische Künstlerkollektiv «Zentrum für politische Schönheit» ruft mit einem Plakat zum Mord an «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel auf. Spannend findet Ali aber nicht etwa die Frage, ob ein solcher Aufruf legitim ist. Er sorgt sich vielmehr, ob das Künstlerkollektiv – das mit dem Aufruf übrigens auch gleich noch seine neuste Theaterproduktion bewirbt – anderen Beiträgen im Heft nicht die Aufmerksamkeit abgräbt.

Roger Köppel hat sich in den vergangenen Jahren zu einer beispiellosen Reizfigur entwickelt. Was er natürlich weiss und mit Freuden bewirtschaftet. Oft genug zielt er mit seinen Titelblättern, Schlagzeilen und Thesen auf niederste Instinkte. Oder verletzt umgekehrt edle Instinkte. Das kann man schlimm und schrecklich finden. Aber deswegen zum Mord aufrufen?
Vor drei Jahren habe ich über einen SVP-Exponenten geschrieben, der in einem Tweet über die Notwendigkeit einer neuen Kristallnacht, diesmal gegen Moscheen, spekulierte. Es gab eine heftige mediale Reaktion, der Mann verlor seinen Job und seine Reputation. Der Mordaufruf gegen Köppel aber scheint kaum jemanden zu empören. Nein, wer die Geschmacklosigkeit kritisiert, muss sich sogar anhören, Köppel habe das verdient. Von Leuten, die glauben, sie setzten sich für mehr Menschlichkeit ein. Und es ist schliesslich Kunst! Es ist schliesslich Köppel.

Man könne die Kunstaktion vielleicht «als Reaktion auf Köppels Auftritt bei Maischberger» interpretieren, orakelte der «Tages-Anzeiger» über mögliche Motive. Soll damit etwa angedeutet werden, hinter dem Mordaufruf stehe letztlich ein edles Motiv? Und welches wäre das? Oder hat das Künstlerkollektiv selbst nicht eher ganz unedel und aus niederen Motiven Köppels Position als Reizfigur einfach zur Werbung für sein Theater benutzt? Man stelle sich mal den umgekehrten Fall vor: Die «Weltwoche» würde einem Neonazi-Kunstkollektiv Raum geben für ein «Tötet Simonetta Sommaruga»-Plakat. Der Aufschrei wäre gross, und er wäre richtig.

Man kann Köppel für einen Brandstifter und Demagogen halten, man kann ihn mit Argumenten herausfordern und womöglich sogar beschimpfen. Aber Aufruf zum Mord ist eine Handlungsanweisung. Insbesondere, wenn sie nicht im Theaterraum oder im Museum geäussert wird, sondern in einem Kommunikationsmedium. Und es gibt genug verwirrte Geister da draussen, die sie ernst nehmen könnten.

Wäre unser Land ohne Köppel besser und friedlicher? Die Welt nach seiner Ermordung ein besserer Ort? Wer das glaubt, der gehört in die Klapsmühle. Denn Hass mit Hass zu bekämpfen, hat noch nie Frieden gebracht.

Bild oben: Roger Köppel mit einer Ausgabe der «Weltwoche», deren Titelbild Simonetta Sommaruga zeigt.

135 Kommentare zu «Tötet Simonetta Sommaruga?»

  • Anh Toàn sagt:

    „Und es gibt genug verwirrte Geister da draussen, die sie ernst nehmen könnten.“ Also man muss ein verwirrter Geist sein, um diese Aktion als Mordaufruf zu verstehen: Wenn man bei seinen Aussagen Rücksicht darauf nehmen muss, wie sie von verwirrten Geistern verstanden werden könnten, darf man rein gar nichts mehr sagen, wie sollte man wissen, was verwirrte Geister denken?

  • Martin sagt:

    Kunst darf wohl alles? In D hat einer sich negativ über den Tod dieses Flüchtlingsjungen auf FB geäussert. Da kam die Polizei. Aber tausende haben als Kunstaktion die Pose des Jungen auf dem Foto nachgestellt, Künstler haben sogar echte Tote in Berlin beigesetzt. Jetzt kommt ein Künstler, der zum Mord an einem Journalisten aufruft. Anscheinend darf Kunst alles? Ich finde es richtig, dass die Polizei ermittelt. Kunst kann nämlich auch falsch oder gar nicht verstanden werden! Es gibt viele „Künstler“, die in der Klapse besser aufgehoben wären.

    • Roland Grüter sagt:

      Ich bin mit Ihrem Kommentar völlig einverstanden. Diese Leute sind total von Sinnen, harmlos ausgedrückt!

    • Jazzzy sagt:

      @Martin: Ich bin grundsätzlich ihrer Meinung, Aufruf zum Mord geht nicht. Was genauso wenig geht, ist die (teil-) kollektive Beleidigung von Künstlern bzw irgendeiner BEvölkerungsgruppe. Ersetzen Sie in ihrem Posting „Künstler“ durch „Frauen“ oder „Juden“, dann sehen sie, was ich meine.

  • Henri Brunner sagt:

    Ich kaufe seit Jahren alle 2 Wochen das Magazin – aus Solidarität, und weil ich genug Geld habe.
    Mal vor dem Migros, mal vor dem Orell Füssli – und immer erst beim herausgehen.
    Damit ist jetzt Schluss, für immer.
    Dieser idiotische Text von Idioten für Idioten ist ja das eine – aber die Stellungnahme der Redaktion a la Herodes, das geht gar nicht – Du meine Güte, diese Redaktion kann man spülen, null Voraussicht, null Übersicht.
    Für mich war’s das.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.