Was Frauen wirklich Lust macht

Entdeckt ihre Lust: Ana mit Christian Grey im Film «Fifty Shades of Grey». Bild: Youtube

Die Geschichte der Lustpille für die Frau tönt wie eine über schlechten Sex: Es hat sehr lange gedauert, bis sie gekommen ist, und am Ende ist niemand richtig befriedigt. Drei Anläufe hat es gebraucht, bis die amerikanische Arzneimittelbehörde das Medikament Flibanserin vergangene Woche zugelassen hat. Die kleine rosa Pille soll eine Störung behandeln, für die man eigens den schönen Namen Hypoactive Sexual Desire Disorder erfunden hat – zu Deutsch: Hypoaktive Sexualfunktionsstörung oder umgangssprachlich: Schatz, nicht heute, ich habe Kopfschmerzen.

Flibanserin wird unter dem Stichwort «Viagra für die Frau» gehandelt, doch das ist irreführend. Viagra wirkt gegen Erektionsstörungen, also wenn Lust da wäre, aber der Körper keine Erektion hinbekommt. Flibanserin hingegen behandelt keine klar definierte körperliche Dysfunktion. Es soll auf die grösste erogene Zone der Frau wirken: das Hirn, also dort, wo Lust entsteht.

Das birgt einige Schwierigkeiten – das Hirn und das weibliche Begehren haben vieles gemeinsam: Sie sind komplex und weitgehend unverstanden. Deshalb bringt die Lustpille ein paar ganz praktische Probleme mit sich: Erstens muss sie wie ein Psychopharmakon über längere Zeit regelmässig eingenommen werden und ist nicht besonders gut verträglich. Testpersonen klagten häufig über Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit. In Kombination mit Alkohol kann sie sogar zu Ohnmacht führen, weswegen bereits befürchtet wird, die rosa Pille könnte als Vergewaltigungsdroge missbraucht werden. Fachleute kritisieren zudem die eher bescheidene Wirkung: Die Probandinnen berichteten, dass sie zwar schon mehr Sex hätten, aber nur ein- bis eineinhalbmal mehr – pro Monat.

Dass das Medikament nur so schwach wirkt, könnte daran liegen, dass sich das weibliche Begehren isoliert schlecht beeinflussen lässt. Neuere Studien deuten nämlich darauf hin, dass es weitgehend kontextabhängig ist. Dabei spielt die Lebenssituation der Frau eine entscheidende Rolle, der Partner, das Gefühl, begehrenswert zu sein.

Was bringt also Flibanserin? Für chronisch unlustige Frauen ist die Pille sicher einen Versuch wert: Wenn sie bereit sind, sie täglich einzunehmen, die Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen und dazu noch über einen längeren Zeitraum auf Alkohol zu verzichten. Ihre Partner freuen sich sicherlich auch, wenn die Frau ein und ein halbes Mal mehr pro Monat mit ihnen ins Bett will – wobei das mit dem halben Beischlaf noch geklärt werden müsste.

Allerdings gibt es für Betroffene auch Alternativen. Sie könnten es damit versuchen, sich einfach mal zu betrinken und mit einem anderen Mann ins Bett zu gehen. Das dürfte ihre Unlust bedeutend schneller und ohne körperliche Beschwerden beheben. Mag sein, dass diese Therapie auch Nebenwirkungen hat, aber die Probleme würde sie sicherlich nachhaltiger lösen.

Bild oben: Anastasia Steele entdeckt mit Christian Grey im Film «Fifty Shades of Grey» ihre Lust – und deren Grenzen.

62 Kommentare zu «Was Frauen wirklich Lust macht»

  • Robin sagt:

    Ein guter Text. Ich teile Ihre liberale Grundhaltung Frau Binswanger. Über Sexualität nachzudenken und zu sprechen, ohne sich moralisch dagmatische Schranken aufzuerlegen, hat das Potential viele Probleme zu lösen. Ausgangspunkt sollte dabei sein, die eigenen Bedürfnisse, Wünsche oder Phantasien dem Partner ebenfalls zuzugestehen.

  • Mermoud sagt:

    Frau Binswanger,
    Unter der Motto:
    Du wird dich die Finger verbrennen!!
    Lerne, möglichst keinen Verbrennung zu bekommen!!
    Man verbrennt sich eh mal den Finger!!
    Liebe Gruss
    Llo

  • Stefan Effenmann sagt:

    In einer grundsätzlich repressiven Gesellschaft, eben nicht nur sexualrepressiven Gesellschaft wird es immer ein Problem mit der Lust geben. Kommt dann noch ein ökonomisch orientiertes Denken wie „was bringt mir die oder der“, wo liegen da die Vorteile für mich und lerne ich keinen Umgang mit zärtlicher Ironie und bin sprachlich nicht zu einem Pillow Talk in der Lage, braucht man sich über nichts zu wundern. Da wird die Aufforderung zum Ehebruch zu etwas Lächerlichem. Wie wäre es denn mal mit einem lustbetonten Rütteln an den Denkmustern? Zu gefährlich? Könnte Sie den Job kosten?

  • feelgood sagt:

    Erstaunlic dass sich hier in erster Linie Männer zu Wort melden…wahrscheinlich können sie und ihr Ego es nicht ab, dass es Frauen gibt, die sowas brauchen…!!
    Müssten doch alle völlig entzückt über die holde Männlichkeit sein..dass es aber auch Frauen gibt, die zB. bedingt durch die Wechseljahre, unter ihrem Libidoverlust leiden…weiß keiner.
    Nur; muss es Chemie sein, wo es schon längst die pflanzliche Lustpille (Lissilust) für die Frau gibt?
    Antwort ist eindeutig: NEIN

  • Henry sagt:

    Ein interessanter Text. Wenn ich die 1 1/2 mal „mehr“ auf’s Jahr hochrechne, hieße dies, es würde zumindest 18 mal ein, zumindest versuchter, Koitus per annum stattfinden. Für langjährig verheirateten Paaren kann dies, bei besagter Aktivität, eine Steigerung von mehreren hundert Prozent bedeuten. Die hierfür allerdings erforderliche Menge an Alkohol für den oder auch die Kombattanten mag ich lieber gar nicht einschätzen.

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