Liebling, ich habe die Gegenwart geschrumpft

A five-year-old girl plays with an Apple iPAD on a sofa in a living-room in Zurich, Switzerland, pictured on August 17, 2010. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ein fuenfjaehriges Maedchen spielt am 17. August 2010 auf einem Sofa in einem Wohnzimmer in Zuerich mit einem Apple iPad. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Das, was die Generationen heute wohl am schärfsten trennt, meine Damen und Herren, sind nicht Wohlstand oder Technik oder Materialismus oder Werte, sondern: Biografien. Lebensführungen. Die meisten heute Zwanzig-, Dreissig- und Vierzigjährigen werden älter ohne ein kontextübergreifendes Zeitmanagement, ohne lineare lebensgeschichtliche Zusammenhänge. Die Biografien werden zunehmend offen und beweglich, weil sie es sein müssen: immer mobil, immer flexibel, mit vielfältigen, parallelen Lebensentwürfen. Das erzeugt Unsicherheit. Die Welt wird als instabil erfahren, weil die Stabilitätszeiträume abnehmen. In diesem Zusammenhang ist ein Begriff des Philosophen Hermann Lübbe interessant, nämlich der Begriff der «Gegenwartsschrumpfung»: Wenn man davon ausgeht, dass die Vergangenheit jene Zeit ist, die nicht mehr gilt; und die Gegenwart die Zeit, in der die Dinge bleibende Geltung haben, dann schrumpft die Gegenwart, wenn der soziale Wandel sich beschleunigt.

Die unterschiedliche Erfahrung der Gegenwart war immer schon ein Kennzeichen des Generationenkonflikts, doch nie hat sich diese Unterschiedlichkeit so zugespitzt wie heute. Dies bestätigt sich, wenn man einen Blick auf die Allerjüngsten wirft: Nicht nur die Erwerbsbiografien ändern sich nämlich, sondern – auch die Kindheiten. Vor einiger Zeit fand sich im US-amerikanischen Monatsmagazin «The Atlantic» eine Titelgeschichte unter der Überschrift «The Touch-Screen Generation». Es ging darum, dass gerade Klein- und auch Kleinstkinder mehr und mehr Zeit in der Gesellschaft digitaler Gerätschaften verbringen. Tablet-Computer sind – im Gegensatz zu älteren Medien wie dem Fernsehen – interaktiv, und die Wirkungen ihrer zahlreichen speziellen Kinder-Apps auf die soziale und kognitive Entwicklung der kommenden Generation sind weitgehend unklar. Bereits vor über einer Dekade hingegen, nämlich im Jahre 2001, prägte der amerikanische Autor Marc Prensky den Begriff der «Digital Natives», um eben jene erste Generation von Kindern zu bezeichnen, die umgeben von digitalen Möglichkeiten aufwuchs.

Derart also hat die Welt der Sachen sich gewandelt und wandelt sich. Einerseits werden immer mehr immaterielle Phänomene käuflich und damit verdinglicht. Zum Beispiel das reine Gewissen, früher Ergebnis einer moralischen Handlung, heute zum Beispiel die mutmassliche Folge des sogenannten nachhaltigen Konsums. Andererseits werden die Dinge zunehmend anthropomorph: Der Mensch ist umgeben von technischen Artefakten, die bisweilen aufgeladen sind mit immenser Identifikation und Personalisierung und Potenz. Dinge können, was früher nur Menschen konnten. Während die Menschen oft genug schweigen, sprechen die Dinge, sie mischen sich ein in die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen. Dinge initiieren, vermitteln, pflegen und beenden soziale Bindungen, indem bestimmte Kommunikationsformen, etwa E-Mails oder Textnachrichten, an eine mobile Hardware gebunden sind, also zum Beispiel an Tablets oder Smartphones, die hier zur Eintrittskarte in die Kommunikation werden. Zugleich aber fällt diese Form des Austauschs vielen Menschen inzwischen leichter als der direkte, verbale. Und das heisst letztlich, dass Dinge zum Kitt der postindustriellen westlichen Gesellschaften geworden sind – und damit unter anderem eine Funktion übernommen haben, die früher Umgangsformen leisteten: Moderation und Austausch, auch zwischen den Generationen. Die Sachen selbst sind an die Stelle der Form getreten, soziale Vermittlungsfunktionen werden immer mehr von Artefakten übernommen.

Jede neue Errungenschaft der Technologie scheint dabei das Leben besser und leichter zu machen und uns doch zugleich von ihm, dem wahren Leben, zu entfremden, indem sie uns immer weiter in ein Netz aus neuen Ansprüchen, Bedürfnissen und Zwängen verstrickt. Diese Ambivalenz ist, wie die meisten Ambivalenzen, nicht leicht auszuhalten. Sie ist das Zeichen unserer Zeit, das Symptom einer schrumpfenden Gegenwart. Denken Sie mal drüber nach. Bis übermorn.

Bild oben: Eine fünfjährige «Digital Native». Foto: Gaëtan Bally, Keystone.