Warum The Man manchmal eine Frau ist

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Es gibt im Angelsächsischen den Ausdruck «The Man». Gemeint ist damit der Mann an der Macht, weiss, heterosexuell, reich, angejahrt. The Man ist der 1-Prozent-Mann, der Boss, der Unterdrücker, Sexist und ewige Profiteur, der zum Zwecke der Gewinnmaximierung Firmen zerschlägt und stückweise verscherbelt und dabei Angestellte auf die Strasse stellt. The Man ist all das, wogegen junge, zornige Menschen sich im Furor der Gerechtigkeit auflehnen, der Mann, der weg muss. Dann sollte eine neue, bessere, gerechtere Welt möglich sein. The Man ist der Böse.

Ich bin auch The Man, habe ich gerade erfahren. Und Sie, die das lesen, mit grosser Wahrscheinlichkeit auch. Das entnehme ich der Diskussion um das jüngste Buch der Radikalfeministin Laurie Penny und ihren Thesen. Denn ich bin weiss, Mittelschicht, habe Kinder, einen guten Job. Zudem habe ich ein Buch geschrieben, das Mütter dazu ermuntern soll, im Arbeitsleben zu bleiben, ihre Männer in die Familienpflichten einzubinden, für sich zu fordern, was ihre Männer haben: Arbeit, Geld, Macht, Beteiligung an der Gesellschaft. Genau das aber, so Penny, habe mit echter Emanzipation gar nichts zu tun, sondern sei eine elitäre Haltung und darauf ausgerichtet, die «neoliberale Ordnung» fortzuschreiben. Ein gefälliger, schmerzfreier Feminismus, der sich an die Mittelschicht richte und für sie spreche. Ein Feminismus, der «perfekte» Frauen produzieren wolle, erfolgreich, schön, schlank, gesund und reproduktionsfreudig. Derweil alle die armen, farbigen, queeren, hässlichen und dicken Frauen keine Fürsprecher hätten und nicht gehört würden. Ihnen würden die Leistungen gekürzt, während das Idealbild der schlanken, schönen Karrierefrau zum Fetisch geworden sei und mithelfe, das Herrschaftssystem von The Man zu zementieren.

The Man regiert die Welt: Szene aus The School of Rock. Quelle: Youtube

Die Ironie bei der Sache ist, dass Frau Penny mit ihrer Kritik an den Elitefeministinnen in dieselbe Kerbe schlägt wie manch frustrierter Internet-kommentator, der sich von Karrierefrauen in die Ecke gedrängt fühlt. Glücklicherweise tut sie das aber aus ganz anderen Gründen. Nicht weil sie zur alten Ordnung zurückwill mit den klaren Rollen und der stabilen Hierarchie. Sondern weil sie eine Revolution will, die Rassen-, Klassen-, Geschlechterhierarchien auflöst und den Neoliberalismus ablöst.

Natürlich bin ich ein bisschen beleidigt, dass Frau Penny meine feministischen Bemühungen entlarvt als Bewerbungsschreiben für den Posten von The Man. Aber sie artikuliert ein Unbehagen mit einer Spielart des Feminismus, das ich seit längerem teile. Dieser permanente Aufschrei privilegierter Frauen nämlich, die sich grundsätzlich im Nachteil sehen, aber versäumen, das System zu analysieren, das Ungleichheiten und Benachteiligungen erst produziert. Denn die Bruchlinien verlaufen zwar auch zwischen den Geschlechtern, aber viel mehr noch zwischen den Klassen, den Ideologien und Kulturen.

Mit einer Revolution alleine ist es nie getan. Das wirklich harte Stück Arbeit kommt danach, wenn es darum geht, etwas an die Stelle des Alten zu setzen. Es ist einfach, wütend zu sein, Dinge zu zerstören und die Fehler bei anderen zu sehen. Schwierig ist es, Konflikte auszutragen und etwas Neues zu schaffen. Schwierig ist es, die eigenen Fehler zu sehen. Danke deshalb an Frau Penny, dass sie den Finger auf den wunden Punkt legt. Und daran erinnert, dass auch Frauen The Man sein können.

Bild oben: Will sämtliche Hierarchien auflösen: Die britische Feministin Laurie Penny. Foto: facebook/literaturhaus zürich

22 Kommentare zu «Warum The Man manchmal eine Frau ist»

  • David Stoop sagt:

    Immer wenn es um das Thema des extremen Feminismus geht, fällt mir auf, dass die Diskussion etwas masochistisches hat.
    Stets werden die gerade erfolgreichen Frauen kritisiert, was sie alles falsch machen und warum sie keine echten Feministinnen sind, warum sie nicht emanzipiert sind ect. Es wird ein Rollenbild erstellt, welches Frauen zu erfüllen haben, wollen sie „echte“ Frauen sein.
    Ist es am Ende nicht etwas pervers, Emanzipation vom Mann als Unterordnung unter Alpha-Frauen und deren Rollenvorgaben zu definieren?

  • Ott sagt:

    Ich habe nichts von Penny gelesen, deshalb meine Frage: Hat sie denn irgend eine konkrete, plusminus realistische Vision, was nach der Revolution kommen soll?

  • Marcel Zufferey sagt:

    Also ich finde es schon diskriminierend, dass im Text von Frau Binswanger nicht auf alle 60 Geschlechteridentitäten- und Orientierungen explizit eingegangen wird, die derzeit auf Facebook verfügbar sind. Andererseits habe ich mich auch schon gefragt, was eine Sheryl Sandberg allen Frauen (!) auf dieser Welt eigentlich genau zu sagen hat. Ich meine, allen Frauen, ausser Journalistinnen, Irgendwas-mit-Medien-Aktivistinnen, Politikerinnen und Gleichstellungsbeauftragten.

  • Lichtblau sagt:

    Da würde man sich gerne beim allzeit sachlichen und informierten Zufferey bedanken, aber die Antworten-Funktion funzt nicht. Schade.

  • Widerspenstige sagt:

    Ach ja, da wäre noch Laurie Penny’s Manifest…Es IST das System, das neue Spielregeln erfordert und somit das Gerangel – ob nun von Frau oder Mann sei dahin gestellt! – um die besten Plätze obsolet macht. Wer das mal für sich gecheckt hat, kann ruhiger die eigene Kugel schieben und sich langsam aber sicher dem Müsiggang hingeben…Entspannen Sie sich und geniessen Sie das Leben, Frau Binswanger!

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