Der Kunstdiskurs der Woche

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Es ist Biennale in Venedig, mal wieder, und ich sah in der Kulturberichterstattung des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens einen Beitrag zum deutschen Pavillon. Der Einleitungstext ging so: «Schemen. Gespenster. Diesmal wird das Dach des deutschen Pavillons bespielt. Von Olaf Nicolai. Einer wirft. Eine schleift. Imaginäre Arbeiter. Eine imaginäre Werkstatt.»

Dazu sah man Aufnahmen vager Figuren, die auf dem Dach des Pavillons einen Bumerang warfen. Dann erschien im Bild: Olaf Nicolai, Künstler. Ich weiss das, weil es eingeblendet wurde. Der Künstler nun sagte Folgendes:

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Philosophiert über die Ontologie des Bumerangs: Olaf Nicolai, Biennale-Künstler. Foto via facebook.com/deutscherpavillon

«Wenn du nen Bumerang baust, wie bei jedem Gegenstand – vielleicht bei nem Bumerang noch mehr als bei anderen –, manifestieren sich ja die Bedingungen seiner Produktion in dem Gegenstand. Das heisst: Er passt genau für diesen Ort, für den er produziert ist. Und wenn du diesen Bumerang hast, der ideal für diesen Pavillon ist, dann hast du im Grunde genommen den deutschen Pavillon in deinem Bumerang repräsentiert.»

Dies ist, meine Damen und Herren, der grösste Bullshit, den ich diese Woche gehört habe. Und das will was heissen, denn ich arbeite an der Peripherie jener Abteilung des Showgeschäfts, die sich mit Literatur befasst, und da wird regelmässig mehr Unsinn geredet als bei «Germany’s Next Topmodel». Aber diese Woche kriegt das Krönchen: Olaf Nicolai. Wer immer das ist. Wahrscheinlich jemand, der ganz viele Stipendien bekommt. So funktionierts. Vielleicht bei nem Bumerang noch mehr als bei anderen. Bis übermorn.

4 Kommentare zu «Der Kunstdiskurs der Woche»

  • C. Bück sagt:

    Olaf Nicolai macht sich mit seinen Thesen in der „Kunstszene“ keine Freunde – eine so abstruse Geste an der angeblich „wichtigsten“ Kunstveranstaltung darzustellen (einer Veranstaltung mit Anspruch die Touristensaison zu verlängern und Geld zu generieren) passt zu ihm, ist authentisch, bindet den Betrachter ein und vermittelt eine sehr sehr klare Aussage – der verkaufsgeilen Kunstwelt stösst es sauer auf. H. Tingler, ich mag ihren Beitrag.

  • Meinrad sagt:

    Nicolai offenbart sich im Zitat als Meister der petitio principii, des Zirkelbeweises. Das lässt sich durchaus mit dem Wesen eines geworfenen Bumerangs vergleichen. Aber nach der für Kunst elementaren Transzendenz sucht man trotzdem vergeblich. 🙂

  • Tobias Meyer sagt:

    Sie sind einfach „e geile Siech“, echt! Herzlich, Tobi

  • Henry sagt:

    Selbst Beethoven wurde zu Lebzeiten ob seiner Werke angegriffen. Und vor 30 Jahren gab es durchaus weniger geneigtes Publikum, welches
    die Uraufführung eines „Zwölftöners“ durch Wolf-D.Hauschild während dieser erzürnt verließen. Der Hauschild hatte Stil und spielte das Stück gleich nochmals „für die Zuhörer, die dieses wohl nicht verstanden hätten“. Heutzutage fehlt jedoch jeder künstlerische Anspruch auf quasi alles, was sich zeitgenössisch nennt. Ich glaube nicht, daß das in 100 Jahren besser wegkommt. Andererseits hängt es von unserer Entwicklung ab. Kennen Sie den Film IDIOCRACY ?

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