Richtig? Verkehrt?

Blogmag12

Ich habe ein leicht problematisches Verhältnis zu den öffentlichen Verkehrsmitteln meiner Heimatstadt, also den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ), und «leicht problematisches Verhältnis» ist die diplomatische Umschreibung für: Ich hasse sie im Grunde. Jedenfalls kann ich schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich bereits in Grossbuchstaben I HATE THE VBZ! an Richie getextet habe, den besten Ehemann von allen, der hier, wie so oft, als Blitzableiter fungiert, wie ich bei ihm, wenn er mir textet: I HATE THE VBZ! Die VBZ haben nämlich ein Manierenproblem. Weshalb ich Sie um Verständnis bitten möchte, geschätzte Leserschaft, wenn wir heute im Rahmen dieses landesweiten Magazins ausnahmsweise ein Zürich-Thema im weiteren Sinne behandeln; und vielleicht haben Sie, meine Damen und Herren, in Ihrer Heimatstadt ja ähnliche Erfahrungen gemacht – wobei es gerade ein Punkt des heutigen Artikels sein wird, dass man die geschilderten Phänomene in ihrer Krassheit und Drastik womöglich nur oder doch wenigstens vorzüglich in unserer lieblichen Limmatstadt erlebt.

Der Zürcher Verkehrsverbund, also der Verkehrsverbund des öffentlichen Personennahverkehrs des Kantons Zürich, zu dem auch die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich gehören, gibt sich wahnsinnige Mühe mit seinen Werbekampagnen: «Ein Ticket für alles» und «Ich bin auch ein Schiff» und «Richtig verkehrt» und so weiter. Ausserdem gab es diese lustigen Plakate, die behaupten, die Verkehrsbetriebe Zürich hätten den dichtesten Fahrplan Europas. Ich weiss nicht, welcher Massstab hier zugrunde gelegt wird; ich weiss nur: meine Tram-Linie, die 11, kommt nie. Ich stehe etwa am Zürcher Kreuzplatz und warte auf die 11, und es kommt die 15. Der Bus, Linie 31. Die Forchbahn. Dann wieder die 15. Das volle Demütigungsprogramm. Nur nicht die 11. Egal, was der Fahrplan sagt. Manches Mal, am Kreuzplatz, dachte ich schon, die Linie 11 sei eingestellt worden.

Aber inzwischen, nach jahrelanger Feldforschung, weiss ich: Es steckt System dahinter. Der ganze Zürcher Verkehrsverbund mit all seinen Bus-, Tram- und S-Bahn-Linien arbeitet darauf hin, dass ich die 11 nicht kriege. Denn alle wissen: Die 11 ist die einzige Linie, die mich nach Hause bringt. Nein, ich bin nicht irre, meine Damen und Herren. Vielmehr gilt: Der gesamte ZVV-Fahrplan ist so eingerichtet, dass ich die 11 wegfahren sehe, und wenn nicht, dann wird er eben gedehnt, der Fahrplan. Es gibt dafür verschiedene Belege. Zunächst: Zürich ist die einzige mir bekannte Stadt auf der Welt, in der die öffentlichen Verkehrsmittel regelmässig zu früh kommen. Und damit meine ich nicht, dass es, wie in anderen geschäftigen Metropolen, passieren kann, dass man an die Haltestelle kommt und einem Tram hinterhersieht, das zu spät kam; nein, ich meine den Fall, dass man an die Station rennt und dem Tram hinterhersieht, das man eigentlich haben wollte und das mal wieder zu früh kam. Woher ich das weiss? I just know. Don’t question me. Dafür kommt das anschliessende Tram dann zu spät. So dass man noch länger warten muss.

Weiter: In keiner Stadt auf der Welt ausser in Zürich passiert es einem regelmässig, dass man an ein öffentliches Verkehrsmittel, welches man zu besteigen wünscht, ganz nah ran kommt, ja, dass es geradezu auf einen zu warten scheint – und dann, in der letzten Sekunde, wenn man schon den Finger ausgestreckt hat, verriegelt der Fahrer die Türen und fährt an. Erstens verstehe ich hierbei nicht ganz, wieso die Leute, die schon im Tram sitzen und sehen, dass man angerannt kommt, nicht mal eben auf den Türöffner drücken können. Zweitens verstehe ich noch viel weniger den Lenker (oder die Lenkerin) hinter dem Steuerrad (oder was immer die sonst da haben), der/die einen heraneilenden Fahrgast mit vakantem Blick anschaut, anschaut, anschaut – und dann abfährt. Denn nachdem sie einen stehengelassen haben, die Chauffeure der VBZ, schauen sie regelmässig betont in die andere Richtung und tun so, als hätten sie einen nie gesehen, während man schreiend und fluchend zurückbleibt – oder geht das nur mir so? Und dann fällt mir immer die Szene aus «Modern Family» ein, diese Szene, in der Claire Dunphy einer Parkplatzwächterin erklärt: «Ich kenne Ihre Sorte. Das Leben war nicht freundlich zu Ihnen. Und dann gab Ihnen jemand eine Uniform.»

Eine Frage der Manieren

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Fahrplan! Andere Städte brechen auch nicht zusammen, wenn mal ein Tram oder Bus auf einen Fahrgast wartet. Und glauben Sie mir, ich habe einige besucht, von Ho Chi Minh City über Cape Town und Houston bis Honolulu und Hong Kong und Lima. Wobei ich natürlich dort nirgends öffentliche Verkehrsmittel benutzt habe, ich bin ja nicht verrückt. Aber nehmen wir Westeuropa. Hier habe ich bereits in zwei Städten gelebt, die wesentlich grösser sind als Zürich und gar, jedenfalls nach gängiger Auffassung, auch ein wenig komplizierter, nämlich Berlin und London. Wenn dort ein Busfahrer jemanden heranrennen sieht, wartet er. Ich meine, das ist doch auch – und nicht zuletzt – eine Frage von Manieren, Rücksicht, Höflichkeit, Mensch-zu-Mensch-Sein. Wir beten ja hier keinen Fahrplan an. In Berlin, meiner Geburtsstadt, gerne als ruppig verschrien, obschon der dortige Schlag zwar vielleicht nicht textbuchhöflich, doch stets herzlich ist, – in Berlin also kann es durchaus passieren, dass sogar der U-Bahn-Fahrer die Türen nochmal aufmacht oder der Bus am Flughafen, der schon die Haltestelle verlassen hat, nochmal eben anhält, um einen herbeieilenden Fahrgast mitzunehmen (natürlich wird man dann vom Busfahrer angeschnauzt, aber auf herzliche Art; und mir persönlich sind Busfahrer, die mich anschnauzen, aber immerhin extra anhalten, um mich mitzunehmen, allemal lieber als Tramfahrerinnen, die mich anstarren und dann weggucken und mir vor der Nase wegfahren). In Zürich wird sogar oft genug nicht mal dann gewartet, wenn Fahrgäste nahen, die soeben einem anderen VBZ-Gefährt entstiegen sind. Kurz: Das Ganze ist kein Organisations-, sondern vielmehr ein Manieren- und Entspannungsproblem – und insofern Zürich-typisch. Ich liebe meine Heimatstadt, so malerisch und friedlich am oberen Ende des nach ihr benannten Sees gelegen, aber sie ist mir bisweilen ein bisschen zu analfixiert. Es geht nicht um den Fahrplan. Es geht um irgendeine komische Abstraktion eines Fahrplans. Davon abgesehen sind die öffentlichen Verkehrsmittel in Zürich gar nicht so pünktlich. Sie kommen, wie gesagt, zum Beispiel manchmal zu früh. Und das ist eine ziemlich grobe Form von Unpünktlichkeit.

Nein, ich bin nicht verrückt. Meine Freundin Franziska hat genau die gleichen Erfahrungen gemacht. Allerdings nicht mit der Tram-Linie 11, sondern mit der Linie 2. Und 4. Was soll’s. Die Verschwörung ist eben allumgreifend. Wir werden demnächst mal Oliver Stone anrufen. Bis dahin besteht meine einzige Gegenwehr darin, die Zeit, die ich habe, nachdem ich die 11 wegfahren sah, optimal auszunutzen. Optimal heisst: irgendwie. Zum Beispiel gehe ich, nachdem mir die 11 am Bahnhof Stadelhofen weggefahren ist, zum Globus am Bellevue und hole mir ein Take-away-Essen. Wenn ich dann zurück zur Tramstation laufe, sehe ich die 11 wegfahren. Also gehe ich noch zu Starbucks und hole mir einen Iced Triple Venti Latte. Wenn ich dann zurück zur Tramstation laufe, sehe ich die 11 wegfahren. Denn die Gegenseite schläft nicht. Selbstverständlich zeige ich dem Tramfahrer jedes Mal den Mittelfinger. Dann hat er sich allerdings schon weggedreht, er fixiert mich nur, wenn ich angelaufen komme. Vielleicht drehen sich ja die VBZ-Chauffeure immer deswegen weg, um diesen Wald von Mittelfingern nicht zu sehen? Gisèle Girgis, damals Mitglied der Migros-Generaldirektion, hat mir im Frühling bei einem Abendessen erzählt, dass die Migros-Kassierinnen ein Deeskalationstraining durchlaufen (obschon ich dies gerade heute in der Migros wieder vermisst habe) – und vielleicht gibt es sowas ja auch für die Chauffeure und Chauffeusen des ZVV und sieht so aus: 1. Fahrwillige ranlaufen lassen 2. Im letzten Moment losfahren, bevor sie einsteigen können. 3. Betont wegschauen.

Einmal ist es mir sogar gelungen, der wegfahrenden 11 in aufflackerndem Jähzorn noch einen kräftigen Tritt zu verpassen. Langsam genug fährt sie ja! (Die Trams der Stadt Zürich werden regelmässig von Omas mit Rollator überholt, aber dies ist nun wieder ein ganz anderes Thema.) Der beste Ehemann von allen erklärte mich daraufhin für verhaltensauffällig. Das aber hörte ich gar nicht, denn ich war gerade damit beschäftigt, meinen Ich-habe-gewonnen-Tanz aufzuführen. Was ich allerdings alsbald bemerkte, war, dass mich alle Umstehenden anstarrten, als wäre ich irgendein Irrer. Absurd! Ich meine, ich bin nicht mal halb so irre wie der Typ, der neulich schräg gegenüber von mir im Tram sass und seinem Rentnerfreund von seiner Polypenoperation berichtete. Deshalb empfehle ich dem ZVV als neuen Slogan auf seinen Fahrzeugen: «Ich bin auch ein Irrenhaus.»

Im Bild oben: Ein Zürcher Tram. (Foto: Flickr/bigbirdz)