Bitte sprechen Sie nach dem Signal

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Ahh, meine Damen und Herren, können Sie sich noch an den Zauber des Telefonbeantworters erinnern? An die ersten Modelle mit diesen kleinen Kassetten? An die Zeiten, so lange sind sie noch gar nicht her, als eine blinkende Anrufliste noch nicht bedeutete, dass sich irgendwelche Callcenter aufdrängen, um irgendwelchen Schrott zu verkaufen, sondern tatsächlich Leben signalisierte, Leben, Überraschung und Gelingen: Man kam nach einem mörderischen Arbeitstag nach Hause, der Beantworter blinkte, und man hatte guten Grund anzunehmen: Das ist sicher der muskulöse Parkplatzwächter, dem man letzte Woche in leicht angetrunkenem Zustand seine Telefonnummer aufgenötigt hatte. Worauf man freudig erregt auf die Wiedergabetaste drückte, und dann hörte man dieses Geräusch, wenn jemand den Hörer auflegt.

Offenbar handelte es sich um einen Anrufer vom Typ I, der berüchtigtsten Sorte, nämlich derjenigen, die nicht imstande ist, auf Beantworter zu reden, aber erst nach dem Piepton auflegt. Diesen Menschenschlag gibt es seit der Einführung von Anrufbeantwortern (respektive seit deren massenhaften Durchsetzung und Verbreitung in den Neunzigerjahren des letzten Jahrtausends, als auch Videorekorder noch eine Zukunft hatten), und sein Anteil an der Gesamtpopulation wird interessanterweise auch im 21. Jahrhundert nicht geringer, obschon ja bekanntlich heutzutage quasi jedes Telefon mit einem Beantworter ausgestattet ist.

Manche Leute schaffen es immerhin noch, vor dem Piepton aufzulegen (Typ II). Sowohl Typ I wie Typ II fühlen sich durch die Aufforderung, auf ein Tonband zu sprechen (was theoretisch ja immerhin vor einem voll besetzten Fussballstadion abgespielt werden könnte), derart exponiert und lampenfiebrig, dass sie in eine panische Kurzschlussreaktion verfallen. Besonders Typ I, der in eine regelrechte Starre fällt (manchmal vergehen bis zu fünf Sekunden, bis nach dem Piepton aufgelegt wird). Offenbar werden manchen Anrufern ihre daseinsmässige Geworfenheit und die Reaktionslosigkeit des schwarzen Raumes just in dem Moment bewusst, da sie den Piepton hören. In den Worten von Karl Jaspers: «Der Mensch findet in sich, was er nirgends in der Welt findet, etwas Unerkennbares, Unbeweisbares, niemals Gegenständliches, etwas, was sich aller forschenden Wissenschaft entzieht: die Freiheit.»

Natürlich gibt es auch in der Spätmoderne immer noch Anrufer, die einfach keine Beantworter mögen (Typ III), weil sie grundsätzlich den persönlichen fernmündlichen Kontakt vorziehen (Typ IIIa; tatsächlich im Aussterben begriffen) oder aus verschiedensten praktischen Gründen gerade keine Nachricht hinterlassen wollen (Typ IIIb). Und dann gibt es noch die Sorte, die anruft, den Beantworter hört, auflegt, sich sammelt, wieder anruft und eine Nachricht hinterlässt (Typ IV). Diese kann dann unter Umständen endlos sein (Typ IVa), und vor dem Auflegen kommt die klassische Frage: «Nimmt das noch auf?»

Was kann man tun? Auf keinen Fall so lustige Telefonbeantworteransagen mit komischen Stimmen oder Musik aufnehmen. So was wirkt durch den Peinlichkeitsfaktor noch schockierender auf Typ I, II und IV. Stattdessen könnte man einfach nur eine Ansage ohne Nachrichthinterlassungsmöglichkeit installieren. Letzteres ist allerdings ziemlich grausam für Leute wie mich (Typ V), die oft genug in der Hoffnung anrufen, niemand möge zu Hause sein, damit man einfach schnell eine kleine Nachricht hinterlassen kann.


Als Anrufbeantworter sogar Stoff für Songtexte boten: «Ring Ring Ring» von De La Soul (1991). Video: Youtube

Foto oben: Manche hinterlassenen Nachrichten können ganz schön irritierend sein. John Favreau im Film «Swingers». (PD)