Das eine Kleid

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Neulich war mal wieder Uta Ranke Heinemann im Fernsehen. Frau Ranke Heinemann ist inzwischen 85 und die Tochter des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Gustav Heinemann; aber vor allem ist sie Religionswissenschaftlerin und eine lebhafte Kritikerin der katholischen Kirche. Sie war im deutschen Fernsehen zu Gast bei Frau Maischberger in einer Talk Show, in der es um die Frage gehen sollte, wieviel Religion der Mensch zum Leben brauche. Zunächst jedoch wurde in besagter Sendung wieder einmal demonstriert (als ob es dafür noch einer weiteren Demonstration bedurft hätte), wie geistfeindlich und vormodern jede Form von Fundamentalismus ist (übrigens auch der kategorische Atheismus). Neben Frau Ranke Heinemann ausserdem anwesend war unter anderem die Schweizerin Nora Illi, die im Alter von 18 Jahren zum Islam konvertierte und vollverschleiert erschien. Über Nora Illi, die den Titel «Frauenbeauftragte» des radikalen «Islamischen Zentralrats Schweiz» trägt, ist im Anschluss an besagten Auftritt in deutschen und schweizerischen Zeitungen viel geschrieben worden. Von mir an dieser Stelle daher bloss ein Zitat von Alice Schwarzer aus einem Essay für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (und der erschien bereits im Juli 2010): «Der Ganzkörperschleier aber hat in einer Demokratie nichts zu suchen. Er raubt den weiblichen Menschen jegliche Individualität und behindert sie aufs Schwerste in ihrer Bewegungsfreiheit. Burka und Niqab sind zutiefst menschenverachtend. Nicht nur für die in ihren Stoffgefängnissen eingeschlossenen Frauen – auch für die Männer, denen ja unterstellt wird, sie würden sich auf jede Frau, von der sie auch nur ein Haar oder ein Stück Haut erblicken, wie ein Tier stürzen.»

Die Burka ist quasi eine Möglichkeit, immer das Gleiche anzuhaben. Und dies bringt uns zurück zu Frau Ranke Heinemann. Um die es mir heute eigentlich geht. Frau Ranke Heinemann trug im Fernsehen wieder dieses türkisgrüne Lederkostüm. Beziehungsweise nur noch die Jacke dieses Kostüms, der Rock hat wohl irgendwann aufgegeben. Denn Uta Ranke Heinemann, kurz: URH, trägt dieses Teil seit rund einem Vierteljahrhundert. URH – das entspricht ungefähr auch dem Laut, den ich angesichts praktisch jeder anderen Person in einem türkisgrünen Lederkostüm von mir geben würde. Aber nicht bei Frau Ranke Heinemann. Ihr Kostüm ist eine Rüstung, ein Markenzeichen, es ist berühmt in Deutschland, berühmter noch als der kanariengelbe Pullunder von Hans Dietrich Genscher oder Helmut Kohls Strickjacke. Genauer: Es ist notorisch. Frau Ranke Heinemann hat es seit jeher immer an, bei jedem Auftritt, jeder Debatte, jedem Kampf gegen Dogmen und Doktrinen. Dazu immer die Ohrringe. Und auch das Halstuch kam mir bekannt vor. Hingegen wusste ich bis zur Sendung von Frau Maischberger nicht, dass es zu dem Ensemble in Türkis auch noch eine Handtasche gibt, obschon auch diese offenbar immer dabei war, jedenfalls hob URH besagte Handtasche im Laufe der Sendung, als es um Fälschungsvorwürfe gegen den Westdeutschen Rundfunk ging, mal hoch mit den Worten: «Ich habe immer meine Tasche dabei!»

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, meine Damen und Herren, aber ich finde das erfrischend. Ich finde es grossartig und famos, dass in unseren überstilisierten Zeiten jemand beharrlich ein Garderobenkonzept an den Tag legt, das wir sonst nur noch von Cartoonfiguren und Diktatoren kennen und das vielen selbsternannten Geschmack-Experten und Internetdandies ganz furchtbar vorkommt: immer dasselbe anzuhaben. Oder das Gleiche, wie Sie wollen. Und das bringt uns auf die Frage: Wieviele Anziehsachen braucht eigentlich der Mensch? Wir sprechen hier ja nicht von Klassikern, also zeitlosen Stücken, die über der Mode stehen, nee, wirklich nicht, dieses starkgrüne Deux-Pièces von Frau Ranke Heinemann ist kein Klassiker, beim besten Willen, es ist ein typisches und per se ziemlich schreckliches Relikt aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, mit Puffärmeln und Ziernähten und allen Zumutungen dieser wenig diskreten Ära, und trotzdem demonstriert und verkörpert es am Körper von URH eine überzeitliche Einsicht, die wir ja auch hier immer wieder predigen (selbst wenn manche Leute das nicht fassen wollen und mich für einen ganz, ganz schlimmen Internetdandy und Stilterroristen halten – oder, wie das der ätzende Denis Scheck mal ausdrückte: «Geschmacksterrorist»), die Einsicht nämlich, dass bei Fragen der Mode die Persönlichkeit alles ist. Sofern man eine hat. Wie Frau Ranke Heinemann.

Es geht nicht ums Was, sondern ums Wie – und der Grundirrtum aller Stilschnösel liegt darin, sich immer nur aufs Was zu konzentrieren. Oder, mit anderen Worten: Man kann nur dann die Mode überschreiten, wenn man ihr nicht zum Opfer fällt. Oder, mit nochmal anderen Worten: Mode ist was für Leute, die nicht wissen, was sie anziehen sollen. Ich glaube, das ist von Cecil Beaton, aber nageln Sie mich nicht drauf fest. Nichts jedoch geht über jene Damen und Herren, die wissen, was zu ihnen passt und dabei bleiben. Vielleicht hat ja Uta Ranke Heinemann auch 25 identische Kostüme im Schrank, fünfundzwanzig Mal dieses Monster aus türkisgrünem Nappa – und damit hätte sie doch mehr Stil und Eigenart als all jene Rummelplatzfiguren, die wir betrüblicherweise sonst meistens im Fernsehen zu sehen kriegen. Sie hat ihre ganz eigene Zeitblase kreiert, sie ist ein Solitär, und ich finde das wundervoll und beruhigend, dass es noch solche Exemplare gibt wie Uta Ranke Heinemann. URH!