Die Katalognase ist die neue Cordhose

IMG_3472

Wir widmen uns ja an dieser Stelle gelegentlich, meine Damen und Herren, den Ungleichzeitigkeiten unserer Gegenwart, und ein Zeichen dieser Asynchronität der Spätmoderne ist auch das Zeichen, das ich für Sie fotografiert habe: der Mann mit Hut aus den Fünfzigerjahren als Symbol des Fussgängers. Ein anderes Bild aus den Fünfzigern hingegen, wir erwähnten es bereits, ist nicht mehr valide: Der Jolly Fat Man (JFM) in den besten Jahren ist in unserer kategorischen Wohlfühlgesellschaft, die ihre Schönheitsideale gerne hinter Gesundheitshysterien versteckt (als ob dies besser wäre), definitiv nicht mehr gefragt. Mit anderen Worten: Früher hatten wichtige Manager einen Bauch, heute haben sie gern Marathonfiguren.

Das Körperbild hat sich also geändert, wenngleich ebenfalls ungleichzeitig: Jenseits des Prekariats sind die einzigen Leute, die sich noch gehen lassen (dürfen): Akademiker, sowohl Natur- wie Geisteswissenschaftler, die interessanterweise immer noch regelmässig ein stark tabuisiertes Verhältnis zur Leiblichkeit haben. Besonders zu ihrer eigenen. In diesem Milieu findet eine stillschweigende Verleugnung und Abwertung des Körperlichen statt, denn Körperlichkeit assoziiert das akademische Milieu offenbar gern mit: sprühgebräunt, tätowiert und bildungsfern. Diese Leibfeindlichkeit ist selbstverständlich oft bloss motiviert durch die übliche Mischung aus rationalisierter Scham und fehlgeleiteter Eitelkeit. Heimlich träumen die Leibfeindlichen von einer Welt ohne Schönheitsstreben. Nun lässt sich das spätmoderne Schönheitsstreben füglich kritisieren; doch der Hauptgrund besagten Träumens scheint zu sein, dass eine Welt ohne Schönheitsstreben so herrlich einfach fürs akademische Milieu wäre.

Wiederum andererseits sind orangefarbene Sprühbräune, sichtbare Implantate und wasserstoffgebleichte Zähne in anderen Milieus, auch jenseits von Essex, zu Statussymbolen geworden und erfüllen ihre Träger mit einem ganz neuen Stolz auf ihr Aussehen: als etwas, zu dem sie etwas beigetragen haben; etwas, wofür sie gelitten, Opfer gebracht haben. Gern signalisiert man sich gegenseitig, dass man sich beispielsweise eine neue Nase leisten kann, auch wenn man dafür per Easyjet nach Osteuropa fliegt, und jeder sieht, dass es sich um eine Katalognase handelt. Ja, die Osteuropäische Beauty-Queen-Nase (OBQN), von Mutter Natur selbst gar nicht hergestellt, wurde quasi zur neuen Cordhose: Ausweis einer Biederkeit, der das Anpassungsinteresse über alles geht. Um Norbert Bolz zu paraphrasieren: Hier zeigt sich jene spätmoderne Inversion der Teleologie vom richtigen Leben zur Selbstbehauptung, die das gute Leben zugunsten des vermeintlich guten Aussehens verdrängt hat. Was sagt das über die Zeiten, in denen wir leben? Think about it. Bis übermorn.

FRANKFURTER BUCHMESSE, FRANKFURTER BUCHMESSE 2013,

Hat wohl nicht nur die Nase aus dem Katalog: Reality-Sternchen Daniela Katzenberger. Foto: Keystone