Der Bachelor, die Riesenbierdose und der gute Eindruck

Beer Abfall 663

Lassen Sie mich den heutigen Beitrag, meine Damen und Herren, ausnahmsweise mit einer kleinen Anekdote beginnen: Neulich war ich zu Gast bei Radio 1, wo ich regelmässig zu der sonntags hier im Blog Mag sowie in der «SonntagsZeitung» erscheinenden Liste interviewt werde, und traf dort in der Studiotür mit einem freundlichen jungen Mann zusammen. Wir begrüssten uns und tauschten unsere Namen aus, und später fragte ich Tamara, meine Moderatorin: «Wer war das?»

«Das war der Bachelor», antwortete Tamara.

So weit zur Beschleunigung unserer Populärkultur. Und nun noch eine Anekdote: Unlängst war ich in Berlin zu Besuch und unterwegs zu einer Verabredung Richtung Savigny-Platz, und da kam ich am Bahnhof Zoo vorbei und passierte eine Truppe von vier Herren, die meine Tante Kitty vermutlich als «entschieden randsozial» einstufen würde. Sie standen dort mit Zigaretten und hielten verschiedene alkoholhaltige Erfrischungen in den Händen – der eine diese Dose Bier, so gross, wie ich noch nie eine gesehen hatte, so gross wie ein Baumstumpf, das muss was kolossal Neues sein auf dem Getränkemarkt. Davon wollte er dem anderen was anbieten, was ja eigentlich nett ist, und hielt also seinem Zechkumpan auffordernd die Monsterdose entgegen. Worauf dieser aber sagte: «Ne! Dit sieht asozial aus!»

Der Erste aber präsentierte ihm weiterhin die Dose.

«Nö!», wiederholte der andere, diesmal mit mehr Emphase. «Aus dem Ding trink ick nich! Dit sieht voll asozial aus!»

Darauf der Erste: «Nimm die jetz, Mann!»

An dieser Stelle mischte ich mich ein.

«Verzeihen Sie, guter Mann», sprach ich näher tretend zu dem, der die Dose zurückgewiesen hatte, «ich weiss Ihren Sinn für den properen Eindruck zu schätzen. Aber, wenn ich Sie darauf hinweisen darf: Sie stehen hier am helllichten Tag in einer übel beleumundeten Bahnhofsgegend, umgeben von mutmasslich unbehausten Individuen mit offenkundigen Substanzmissbrauchsproblemen, die augenscheinlich Ihren engsten Bekanntenkreis darstellen – ich denke, Sie können einen Schluck nehmen!»

Verbindlichkeit ist wichtig

– Nee, natürlich hab ich nichts dergleichen gesagt. Sie wissen ja, wie dezent und zurückhaltend ich immer bin. Doch aus dieser gemischten anekdotischen Evidenz eröffnen sich uns drei wichtige Einsichten. Erstens: Nicht bloss für mich, eines der imperialistischsten Elemente der Bourgeoisie, das seit Jahr und Tag für eine Wiedereinführung der Klassentrennung in sämtlichen öffentlichen Verkehrsmitteln kämpft, ist Verbindlichkeit wichtig. Sondern wir können, zweitens, stattdessen mit Freude und Befriedigung konstatieren, dass der tief in der menschlichen Psyche verwurzelte Sinn für den guten Eindruck so robust ist, dass er sich zum Beispiel auch jenseits der bürgerlichen Teile der Gesellschaft hält, etwa in jenem Teil, der vulgärsoziologisch aktuell Prekariat genannt wird.

Auch heutzutage, in der spätmodernen Beschleunigungsgesellschaft, in der sich durch Selfies und Realityfernsehen die Struktur von Bezogenheiten, Verabredungen und Normen geändert hat und die Palette von Zerstreuungsmöglichkeiten – jedenfalls technisch gesehen – ins Unendliche ausgedehnt zu sein scheint, gehört die Orientierung an guten alten Verbindlichkeiten (wie derjenigen, dass man in der Öffentlichkeit keine alkoholischen Getränke aus Dosen konsumiert) offenbar zur Vorstellung von einem gelingenden Leben und ist so robust wie die menschliche Psyche selbst. Man könnte sogar sagen: Die Orientierung an gesellschaftlich vorgegebenen, individuell internalisierten verbindlichen Handlungsanleitungen gehört zum Menschsein überhaupt, zur condicio humana. Man kann das auch ganz profan evolutionsbiologisch herleiten: Die Orientierung an Verbindlichkeiten impliziert, weil sie Konflikte und damit soziale Kosten in Grenzen hält, sowohl für das Individuum wie auch für die Population einen Selektions- und Überlebensvorteil. Und, schliesslich, drittens: Die menschliche Psyche muss robust sein, denn sonst könnte niemand als Zahnarzt arbeiten und später wieder jemanden küssen.

Bild oben: Es ist eigentlich verbindlich, dass man in der Öffentlichkeit keine alkoholischen Getränke aus Dosen konsumiert. Eigentlich. Foto: William Murphy (Flickr)

7 Kommentare zu «Der Bachelor, die Riesenbierdose und der gute Eindruck»

  • Anh Toan sagt:

    Bierdosen-in-der-Öffentlichkeitpotential haben Matratzen auf dem Fussboden. Wie, zumindest erinnere ich mich so, aus der Zeit, als ich noch einen Fernseher hatte, sagte es Max in 2 broke Girls. „We might be poor, but we are no Hippies.“

  • Philipp Rittermann sagt:

    äh. wo gibt es diese riesen-bierdosen?? und auch hier gilt. glücklicherweise gab uns gott die gabe des vergessens. ansonsten man sich wirklich und ernsthaft gedanken über konventionen machen müsste. und jetzt will ich bitte wissen, wo es diese riesen-bierdosen gibt! 🙂

  • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

    Die Orientierung an gesellschaftlich vorgegebenen Handlungsanleitungen gehört tatsächlich zum Menschsein überhaupt. Nur ist dazu in liberaler Manier anzumerken, dass das Gestrüpp an Handlungsanleitungen immer dichter wird, sodass die Orientierung in gleichem Masse schwieriger wird. Kürzlich las ich, dass zwei Drittel aller Steuererlasse auf der ganzen Welt aus Deutschland stammen würden. Im Verhältnis zum Staat ist zudem zu beklagen, dass die Verfahren immer länger dauern und die Zahl der widerspenstigen Staatsangestellten exponentiell zunimmt. Auch das erleichtert die Orientierung nicht.

  • roy sagt:

    Mein Eindruck? Die Dosen GRösse ist der Dealbreaker….

  • Ralph Sommerer sagt:

    Ich war mal an einem Kongress in Budapest und wollte mir vom Apéro noch eine Flasche Bier fürs Hotel mitnehmen, damit ich nicht die Minibar plündern müsste. Leider hat mir der Mann am Buffet die Flasche bereits geöffnet gereicht, sodass ich sie nicht im Rucksack zu transportieren wagte. Also trug ich sie in der Hand als ich an der Haltestelle wartete. Da kam ein Deutscher auf mich zu und sagte mir, ich sei ausserhalb Grossbritanniens wohl der erste Mensch, den er jemals mit offener Bierflasche auf der Strasse herumlaufen sah. Normen sind eben auch nicht mehr, was sie einmal waren.

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