Spätmoderne Entscheidungsprobleme

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Wir haben ja in diesem Magazin, meine Damen und Herren, bereits den Soziologen Heinz Bude erwähnt, dessen neuestes Werk «Gesellschaft der Angst» sich mit den Ängsten unserer übersättigten Gesellschaft befasst, namentlich mit der Angst einer von Statuspanik zerrütteten Mittelklasse, irgendeine falsche Entscheidung zu treffen. «Ich muss auswählen und ich muss ausgewählt werden.» Dieses Dogma einer Null-Fehler-Mentalität durchdringt nach Bude unsere ganze Gesellschaft. Ausbildung, Beruf, Partner, Wohnung: Man will auf keinen Fall als jemand dastehen, der falsche Entscheidungen getroffen hat. Zu diesem Thema passte sehr schön ein Artikel, den ich kürzlich in der «Süddeutschen Zeitung» las und der sich mit der unausgesetzten Überforderung des spätmodernen Konsumenten befasste, der sich andauernd entscheiden muss. «Die fast grenzenlose Auswahl mag Freiheit und Selbstverwirklichung verheissen. Oft genug führt sie aber zu Frustration und Überforderung», war dort zu lesen. Und weiter: «Psychologen sprechen von ‹Entscheidungsüberlastung›. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass das Steinzeithirn, auf das der moderne Konsument leider nach wie vor angewiesen ist, bereits mit der Auswahl eines mittleren Supermarkts überfordert ist. Das Ergebnis: Stress und diffuses Unwohlsein.» Und: «Die Ware dient nicht mehr nur dem Konsumenten. Heute verlangt die Ware Aufmerksamkeit und Zeit.»

Dazu wurde auch mal wieder der Ökonom Fred Hirsch zitiert mit seinem Konzept der «tyranny of small decisions», wonach schon die Order eines Kaffees heutzutage mit belastend vielen Optionen verbunden wäre. Immerhin konzedierte der Verfasser des Artikels: «Aber wer will schon zurück in die Zeit, als man bei der Post zwischen zwei Telefonen wählen konnte – die sich nur in der Farbe unterschieden?» Well, dazu kann ich nur sagen: Wir leben immer noch in dieser Zeit. Jedenfalls wenn es um die Auswahl von Festnetzgeräten bei der Swisscom geht. Damit wurden der beste Ehemann von allen und ich unlängst konfrontiert: Unser Festnetzapparat hatte endgültig den Geist aufgegeben, und in Ermangelung brauchbarer Optionen mussten wir uns auf die Schnelle für ein Gerät entscheiden, das die Swisscom «Rousseau» nennt. Der Grund dafür ist durchaus unklar. Wenn Sie mich fragen, wäre «Jackie Collins» passender, denn das Ding ist weiss. Kein wirklicher Fortschritt gegenüber dem Tritel Zernez.

Dieses Telefon namens Rousseau widerlegt durch seine pure Existenz Adorno und seinen späten Schüler Christoph Menke, einen wichtigen Vertreter der sogenannten dritten Generation der Frankfurter Schule, der unter Hinweis auf Adornos Klage über die «Warenförmigkeit des Schönen» argumentiert, dass in der «kapitalistischen Logik der bürgerlichen Moderne» der ästhetische und der ökonomische Wert zusammenfielen, wofür Menke einen aktuellen Beleg nicht zuletzt in der Kapitalanhäufung auf dem Kunstmarkt findet. Dieses Telefon jedenfalls liefert ihn nicht.

Der einzige Fortschritt an diesem Telefon ist, dass Anrufe jetzt «Ereignisse» sind. Jedenfalls verpasste Anrufe. Die werden als «Neue Ereignisse» angezeigt. Siehe oben. Damit aber widerlegt das Telefon namens Rousseau nicht nur Adorno, sondern reiht sich ein in die spätmoderne Jagd nach Ereignissen, verbindet also gleichsam Gerhard Schulzes Konzept einer Erlebnisgesellschaft, deren Subkulturen über milieuspezifische Erlebnismuster durch innenorientierte Lebensauffassungen integriert werden, mit der Tragik trivialer Resonanz und erfahrungsarmer Erlebnisse in der postindustriellen Beschleunigungsgesellschaft nach Hartmut Rosa. Mit Heinz Budes Panikgesellschaft lässt sich das alles sowieso prima verbinden. Und nun muss ich gehen. Sonst verpasse ich wieder ein Ereignis.