Provozierende Klassiker

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Unsere Blogs sind in die Jahre gekommen. Mehr als ein halbes Jahrzehnt schon gibt es den bekanntesten von allen, den Mamablog. Und wenn dieser damals, beim Start im Frühling 2009, ein Pionierprodukt war, so ist er heute, in der Schnellzeitrechnung des Internets, ein Senior.

Aber ein ausgesprochen munterer. Zehntausende Userinnen und User lesen, kommentieren und debattieren jeden Tag in der Blogsektion von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, wo sie mittlerweile nicht einfach den Mamablog, sondern 15 Blogs finden. Und die besten Postings – sie gehören oft auch zu den meistgelesenen, meistkommentierten und meistempfohlenen Artikeln auf unserer Website – schaffen den Sprung über den Mediengraben: Seit Anfang 2014 drucken wir diese regelmässig auf der Seite 2 der Printausgabe ab.

Stimmt, das Netz hat mittlerweile schnellere, interaktivere, heissere Formate hervorgebracht: Twitter, Tumblr, Pinterest. Und wer heute ein Thema diskutieren will, der kann das ausgezeichnet auf Facebook tun, wo 1,32 Milliarden Menschen ego-bloggen (Stand August 2014). Vor diesem Hintergrund ist der Blog ein Klassiker. Doch wie viel Kraft in ihm weiterhin steckt, das zeigen nicht nur Neulancierungen wie der Datenblog. Vielmehr ist gerade der Widerspruch, den Blogs immer wieder provozieren, bestes Beispiel für die Vitalität dieser Erzählform.

Kritik und Konkurrenzdenken

Blogs seien gar kein journalistisches Genre, heisst es da. Blogs seien viel zu subjektiv, zu flüchtig, zu oberflächlich. Ein weiterer Vorwurf: Blogger würden immerzu «ich» sagen, ich, ich, ich. Doch nie recherchieren, nie Fakten prüfen. Und die Themen vieler Blogs, Lifestyle oder Design etwa, seien ohnehin nicht relevant, nicht öffentlich abzuhandeln.

Auch auf dieser Redaktion ist solche Kritik zuweilen zu hören, dann etwa, wenn wir Postings in der Printausgabe abdrucken (Übrigens: dies erlaubt sich auch die «New York Times»). Selbstverständlich gilt es Kritik ernst zu nehmen. Wenn Postings sprachlich holprig, womöglich gar fehlerhaft verfasst sind, wenn sie langweilen statt unterhalten, wenn sie verwirren satt informieren. So dürfen Blogbeiträge nicht sein. So darf überhaupt kein Text sein. Und wir alle, die wir veröffentlichen, müssen daran arbeiten, dass dies möglichst selten geschieht.

Manchmal aber scheint es mir, dass hinter einer grundsätzlichen Ablehnung des Formats eine Verunsicherung steht, die viele Journalisten prägt und in weiten Bereichen des Journalismus herrscht. Tatsächlich stehen die Blogs in vielen Aspekten sinnbildlich für den herausfordernden, oft überfordernden Medienumbruch der letzten Jahre. Blogs sind interaktiv, sie geben dem Publikum eine Stimme – und oft sagt dieses nicht das, was ein Journalist hören möchte. Blogs werden zudem nicht nur von klassischen Journalisten verfasst, sondern oft sehr erfolgreich von branchenfremden Fachleuten. Auch dadurch sieht sich der traditionelle Redaktor mit neuer Konkurrenz konfrontiert.

Gedankenanstoss und Gewinn

Kommt hinzu: Viele Themen, die den etablierten Medien lange nicht der Rede wert schienen, sind in Blogs erstmals öffentlich debattiert worden – und stiessen auf ein enormes Interesse bei der Leserschaft, auch von seriösen Titeln. Sex während der Schwangerschaft, Frauen, die ihre Töchter nicht lieben, Männer, die ständig jammern – der Jubilar Mamablog, dessen Gründer-Autorinnen 2010 zu den Journalistinnen des Jahres gekürt worden sind, ist das beste Beispiel dafür.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Blogs sollen nicht den klassischen Journalismus ersetzen, Blogger nicht Redaktoren ablösen. Im Gegenteil: Dass viele unserer Blogs journalistischer geworden sind über die Jahre, das ist ein Gewinn. Und war die Voraussetzung, Postings in die Printausgabe zu übernehmen. Das eine ist eine Ergänzung des anderen. Und tatsächlich treffen Sie in unseren Blogs immer mehr Printkollegen an.

Das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft unseres Geburtstagskindes.

PS: Auf Anfang 2015 lancieren wir einen neuen Blog in Zusammenarbeit mit der «SonntagZeitung». Mehr über das ambitionierte und spannende Projekt lesen Sie hier.

Happy Birthday, Blogs! 15 verschiedene Blogs, mehrere Tausend Beiträge und weit über eine Million Kommentare: Da stehen wir nach fünf Jahren. Die Blogs gehören heute zum festen Inventar von Tagesanzeiger.ch. Nationale Bekanntheit haben nicht nur die Klassiker wie der Mama- oder der Sweet-Home-Blog erlangt. Auch neuere Blogs, wie etwa «Manage Your Boss» oder «Welttheater», fanden schnell Anklang bei den Leserinnen und Lesern. Grund genug, um nach fünf Jahren Geburtstag zu feiern. In den kommenden zehn Tagen feiern wir unsere Blogs mit speziellen Postings. Und in Videos und weiteren Blogpostings gewähren wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen, porträtieren Autoren – und schreiben über unseren Umgang mit Kommentaren und Kommentarschreibern. Fehlt noch was? Ja! Erst durch die Kommentare von Ihnen, liebe Userinnen und User, entstehen spannende Diskussionen und Debatten. Ein herzliches Dankeschön dafür.
Sie finden alle Jubiläums-Beiträge hier.

4 Kommentare zu «Provozierende Klassiker»

  • Sonja Berger sagt:

    ich bin seit anfang dabei und schätze die tagi-blogs sehr, herzlichen dank an das team! jeden morgen gehe in die blog-section des tages, noch bevor ich mir die news anschaue. sie haben ein angebot geschaffen, das einmalig ist in der schweiz und es befremdet mich, wenn ich lese, dass in der eigenen redaktion offenbar diese aufbau-arbeit nicht von allen geschätzt wird. aber lassen sie sich davon nicht entmutigen. die user geben ihnen recht.

  • Rüdiger sagt:

    Blogs sind genauso wie Foren zum Einheitsbrei verkommen, wie anderen Medien-Medien. Zensur respektiv Nettiketten-Diktatur herrscht. Dies unterscheidet Blogs/Foren von der Realität. Halt ein anderer Elfenbeinturm…aber immer noch ein Elfenbeinturm. So gesehen sind sie nichts besseres/schlechteres.

  • S.R sagt:

    Selbstbeweihräucherung ist immer noch die spannenste Unterhaltung, insbesondere wenn es „Senioren“ tun.

  • Cybot sagt:

    Vom Tagi gibt es auch eine Printausgabe?

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