Warum liebt der Mensch Klatsch?

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«Bruce Jenner wears red nail polish for 65th birthday», lese ich neulich so im Internet, meine Damen und Herren, und dann denke ich mal wieder: die Kardashians haben unsere ganze Kultur zerstört. Andererseits las ich vorher bei Sloterdijk: «Das Böse wäre freilich nie in respektable Positionen gelangt, hätte es sich nicht seit jeher darauf verstanden, eine gewinnende Seite vorzuweisen.»

Warum also lieben Menschen Klatsch? Was ist seine gewinnende Seite? Warum interessieren uns Pseudo-Neuigkeiten aus dem Leben wildfremder Leute? Klatsch ist ja nichts anderes als eine besonders gesellschaftsfähige Extremform informationeller Irrelevanz. Klatsch bedeutet, in seiner grundlegenden Definition, das Reden über andere Leute in deren Abwesenheit. Die ausgetauschten Inhalte betreffen in der Regel die fremde Privat- oder Intimsphäre, sind häufig trivial und oft extrem übertrieben, superlativisch zugespitzt oder schlicht nicht zutreffend. Herrlich, nicht wahr? Deshalb liebt die Gesellschaft den Klatsch – je extremer, desto besser. «Alle Literatur ist Klatsch», hat Truman Capote festgestellt, und wenn dieser Standpunkt nun seinerseits ziemlich extrem ist, so liegt darin doch ein Kern von Wahrheit.

Es gibt natürlich wissenschaftlichere, namentlich soziologische und sozialpsychologische Annäherungen an den Klatsch als eigenständige, intersubjektiv geteilte Kommunikationsform. Im Folgenden wollen wir für unsere kleine Betrachtung hier das Phänomen der Nachrede auf zwei grundlegende Aspekte reduzieren, zwei uralte menschliche Bedürfnisse: Identifikation und Abgrenzung. Falls Ihnen das zu abstrakt erscheint, stellen Sie sich Folgendes vor: Sie hören, dass Britney und Kevin sich an der Tankstelle gestritten haben. Ihre erste Reaktion ist: Genau wie ich damals mit Bert (oder Ursula). Das wäre die Identifikation, und Sie fühlen sich gut dabei. Ihr nächster Impuls wäre dann ungefähr folgender: «Die sind so reich und berühmt (nun, jedenfalls Britney) – und trotzdem nicht glücklich.» Das wäre die Abgrenzung: Sie wissen, dass Britney und Kevin in einer anderen Liga spielen (nun, jedenfalls Britney) – aber trotz deren materieller Bevorzugung möchten Sie da nicht hin. Auch das gibt Ihnen ein gutes Gefühl. Der Klatsch, der keinen wirklichen Nachrichtenwert hat und insofern eine extreme Form der Kommunikation darstellt, als dass hier der inhaltliche Aspekt vollkommen hinter den sozialen zurückfällt, erfüllt damit auf der Ebene des Individuums (das sind: Sie) eine wichtige psychohygienische Funktion.

Doch auch auf gesellschaftlicher Ebene hat Klatsch seine guten Seiten: Er ist ein Mittel zur Abwicklung von Feindseligkeiten und Rivalitäten, von Macht- und Statusdifferenzen, ohne dass sich die Betroffenen direkt gegenüberstehen, was die sozialen Kosten zunächst einmal gering hält. Klatsch verbreitet Handlungsanleitungen und Verhaltensregeln und stärkt die Gemeinschaftsidentität und Normkohärenz von Gruppen und Netzwerken. So unnütz ist das Gerede über andere Leute mithin gar nicht. Und was bitte ist denn eigentlich überhaupt nützliches Wissen? Dass man sein Geld sicher anlegen und beim Cabriofahren stets einen Schal tragen soll? Danke.

Und deshalb war Klatsch schon immer eine Ware und ein Geschäft. Nur dass sich heutzutage seine Quellen und Reichweiten potenziert haben und zahllose C- und D-Berühmtheiten ihren Ruf ruinieren, bevor sie überhaupt einen haben. Aber nicht nur die Quellen und Reichweiten von Klatsch haben sich potenziert. Was vor allem zugenommen hat, ist die Penetration des wirklichen Lebens durch eine fiktionale Welt, die dann ihrerseits als «wirkliches Leben» etikettiert wird. Nichts anderes tun sämtliche Pseudo-Reality-Formate, die Prominenz und Pseudo-Prominenz für einen Lebensabschnitt begleiten, von den Kardashians bis zu den Real Housewives of Guadalajara. Dabei handelt es sich, weil die Beteiligten mitwirken, nicht um Klatsch im strengen Sinne. Die Sache hat aber eine direkte Auswirkung aufs Klatschgeschäft: Der Auftritt im Fernsehen wird quasi zu einem Initiationsritual der unserer medial beschleunigten Spektakelgesellschaft. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss zusehen, wie Tara Reid sich eine Tätowierung vom Hintern entfernen lässt.

Im Bild oben: Realityshow «Keeping up with the Kardashians». (Screenshot E!-TV)