Die Welt von gestern

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Manchmal, wenn man in Zürich landet, meine Damen und Herren, kommt man am Flughafen an den alten Gates vorbei, die so aussehen wie früher. Sie liegen dort, verlassen, hinter Glas, als handle es sich um ein Museum. So sah der alte Flughafen aus. Bilder sind ein Potenzial, die Grenzen des Denkbaren, Möglichen aufzeigend; Bilder sind Reflexionsebenen von Gesellschaft, in die man ideale Imagination einschreibt, deshalb sehen wir so gerne Bilder des Neuen, aber ich bin alt genug, gelegentlich ganz gerne auf die alten Zeiten zu blicken.

Apropos die alten Zeiten: Ich sass neulich an Bord einer Swiss-Maschine, und deren Kapitän sah genauso aus, wie man sich einen Flugkapitän vorstellt. Das, woran Sie jetzt denken – so sah der Mann aus. Er entsprach in der Tat so sehr dem Klischee eines Flugkapitäns, dass er nur in der Wirklichkeit vorkommen konnte. Wenn man diesen Mann in einem Film einen Flugkapitän hätte darstellen lassen, hätte der erfahrene Kritiker moniert: «Also bitte, das geht zu weit, das ist zu offensichtlich, warum strengen Sie nicht ein wenig Ihre Fantasie an?»

Wir waren startbereit, warteten aber noch auf Anschlusspassagiere. Und warteten. Und warten. Und weil wir in der ersten Reihe sassen, konnte ich aus dem Cockpit hören, wie der Kapitän befand, wir hätten nun lange genug gewartet. Dann machte er die Durchsage: «Ein paar Leute aus Madrid haben sich im Terminal verlaufen, wir fliegen jetzt los.» (Ich paraphrasiere.) Das fand ich irgendwie ziemlich cool von dem Mann. So old-school-common-sense cool, wie es sich für einen Flugkapitän gehört. The right stuff.

Während des Fluges erkundigte ich mich bei Richie, dem neben mir sitzenden besten Ehemann von allen: «Kleines, würdest du lieber in einem Flugzeug Platz nehmen, das von mir gesteuert wird, oder in einem, in dem ich den Service betreue?»

«That’s a toughie», erwiderte Richie, «aber wahrscheinlich würde ich das nehmen, bei dem du im Cockpit sitzt.»

Apropos Service und apropos die alten Zeiten: Auf manche Sachen von früher können wir getrost verzichten, zum Beispiel auf die Prätention und das Getue der sogenannten Nouvelle Haute Fusion Cuisine der Achtzigerjahre, so «Kir Royal»-mässig, «Villa Medici», Sie wissen, was ich meine. Getrost verzichten können wir deshalb auch auf Restaurants, die solchen Schmu und Schmonzes heute ganz todernst noch für zeitgemäss halten, zum Beispiel in Zürich das Maison Manesse. Nein danke, ich muss nicht wissen, wie die Wachtel hiess, die das Ei gelegt hat. Nein danke, ich will keine Lupe, um das acht Monate lang in Dingsda eingelegte Bupkis mit Kuduchas auf meiner Schieferplatte zu finden. Nehmen Sie die paar Hundert Franken, Herr Ober, und packen Sie auch gleich noch Ihre Attitüde mit ein; ich für meinen Teil will lieber ’ne Stulle. Denn ich habe Hunger.