Lektionen in Power Dressing

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Ich habe dieses Lalique-Aquarium auf dem Bild oben an der Zürcher Bärengasse für Sie aufgenommen, meine Damen und Herren, weil es sich dabei möglicherweise um eine dystopische Metapher für die Richtung unserer polyvalenten Konsumgesellschaft handelt. Vielleicht auch nicht. Bitte schreiben Sie mir, ob Sie dieses Aquarium für 3295 Franken kaufen würden. Komplett mit 29 Fischen. Es interessiert mich aufrichtig. Danke.

Da wir davon reden: Habe ich «Veep» schon mal erwähnt? Falls nicht (und auch falls doch): Ich will Ihnen «Veep», diese fabelhafte politische HBO-Sitcom mit der immer fabelhaften Julia Louis-Dreyfus, die für ihre Darstellung der fiktiven US-Vizepräsidentin Selina Meyer gerade den dritten Emmy bekam, unbedingt ans Herz legen. Julia Louis-Dreyfus hat ein umwerfendes Talent für die Verkörperung von Charakteren, die so egozentrisch sind, dass ihnen regelmässig das Gespür dafür abgeht, wie strapaziös sie für ihre Mitgeschöpfe sein können. HBO hat im Frühling die vierte Season von «Veep» geordert. Und unter Mitwirkung von Michelle Obama, Nancy Pelosi und Joe Biden gab es einen famosen Auftritt (oder Nichtauftritt) von Selina Meyer am diesjährigen White House Correspondents’ Dinner.

Wie Frau Louis-Dreyfus kürzlich in einem Beitrag für «Vogue» darlegte, lässt sich aus «Veep» zugleich eine stilistische Lektion für weibliches Power Dressing im 21. Jahrhundert dechiffrieren: Stilettos, Scarlet, Spanx. Also: turmhohe Absätze, figurbetonte Kleider in Primärfarben sowie Schwarz und Weiss, kräftiges Augen-Make-up, nicht zu lange, züchtig frisierte Haare. Und gerne: Arme frei. Solange es sich um «Power Arms» handelt. Für die spätmoderne Karrierefrau sind definierte Arme wichtig. Siehe Madonna. Deren Arme von Liz Lemon freilich in einem berühmten Diktum als «Gollum Arms» charakterisiert wurden: «You can be like Madonna, and cling to youth with you Gollum arms. Or you can be like Meryl Streep and embrace your age with elegance.»

Mit Rückblick auf die Mode der Neunziger schrieb Julia Louis-Dreyfus übrigens in ebendemselben «Vogue»-Stück: «I’m horrified that my Elaine outfits from ‹Seinfeld› might have become a cult fashion obsession.»

Das lässt sich auch als dystopische Metapher lesen. Bis übermorn.

7 Kommentare zu «Lektionen in Power Dressing»

  • Jacob Tolmeyn sagt:

    Im Zusammenhang mit Gerigate stiess ich auf den Ausdruck „unzüchtige Bilder“ und fühlte mich unmittelbar in die 1950er versetzt. Umso mehr freut mich der hier verwendete Begriff „züchtig“. Das Lalique-Aquarium würde ich nicht kaufen, weil es nicht in mein Haus passt, über welches sich ein gasteshalber anwesender Freundling einmal echauffierte, es sei sehr spartanisch eingerichtet. Naja, Hauptsache echauffiert. Übrigens: Wie ältere Menschen bisweilen einen Rollator als Gehhilfe brauchen, hat jedes dieser farbmässig fehlassortierten Fischlein eine Stütze als Schwimmhilfe. Bis öbermorn!

    • Philipp Rittermann sagt:

      also ich würde das auch nicht kaufen weil
      a) mir gepfählte kunstfische nicht gefallen
      b) weil 3tausendschtutz gegenüber dem materialwert von chf200 einen affront darstellen
      c) weil ich nicht zu faul wäre, richtige aquariums-fische täglich zu füttern, und
      d) weil ich geschmack und stil habe.

  • Lisa sagt:

    Ich würde die Fische nicht kaufen, sonst verschluckt sich ja meine Katze noch.

  • Markus Stauffiger sagt:

    Interessant, dass VEEP so gut ankommt und auch Ihnen so gut gefällt. Ich finde alle Rollen extrem unglaubwürdig, ich denke, dass solche Leute nie solche Stellen bekommen würden und leider teile ich den Humor auch nicht.

    Aber vielleicht hatte ich nach „The West Wing“ (einer der besten Serien überhaupt, imho) einfach komplett falsche Erwartungen an eine US-Regierungs-Serie.

  • Eduardo sagt:

    „Also: turmhohe Absätze …“ – Diese turmhohen Absätze, dank denen die Karrierefrauen mit künstlicher körperlicher Überlegenheit arrogant von oben herab um sich blicken können, sind ein recht unsympathisches, ja geradezu aggressives Accessoire. Als Geschäftsmann sollte man deshalb zum kleinen Geheimnis von Brad Pitt und George Clooney (beide nur ca. 1,74 Meter gross) greifen und durch hohe Schuhe mit Spezialeinlagen (mit bis zu 7 Zentimetern Stärke) diskret für einen zumindest teilweisen Grössenausgleich sorgen. 😉

  • Eduardo sagt:

    Ach ja, noch zur Hauptfrage: Ein derartiges überaus teures Lalique-Aquarium würde ich nicht kaufen, einzelne Fische (ohne das ästhetisch recht störende Podest) daraus jedoch sehr wohl. Denn wie ich mich anhand der Lalique-Homepage überzeugen konnte, sind diese verschiedenfarbigen Glasfische wunderschön.

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