Geschenke-Knigge

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In genau vier Wochen ist Heiligabend, meine Damen und Herren. Es wird also langsam Zeit. Zeit, sich mit der Geschenkefrage zu befassen. Don’t worry, I made you a list. And I checked it twice.

  1. Geschenke – Richtig aussuchen

    Ich wäre wieder im Vorschulalter, wenn ich all die Zeit zurückkriegte, die ich dafür verbraucht habe, passende, persönliche, einfühlsame Weihnachtsgeschenke zu finden. Natürlich notiere ich mir immer sofort, wenn jemand sagt, er hätte gern mal einen Objektivpinsel oder ihm gefielen Keramikpudel, und natürlich fange ich schon im November an, die Geschenkelisten abzuarbeiten. Und dann gibt es noch einige Regeln, die ich unterwegs gelernt habe, und deren Wichtigste lautet: Lieber was Hübsches kaufen als was Schreckliches basteln. Ja, es hört sich niedlich und irre persönlich an, zum Beispiel einen Kerzenhalter aus Fimo zu Basteln oder ein Nähkörbchen aus Peddigrohr oder einen Bettvorleger aus einem Brei, den man vorher aus Altpapier gewonnen hat. Aber Achtung! Sie glauben vielleicht, Sie wären geschickt im Umgang mit Peddigrohr, Bauernmalerei oder Fimo – doch vielleicht glauben das auch nur Sie? Zum Basteln ist Talent erforderlich. Wie bei aller Kunst: Gute Absicht reicht nicht aus. Um eine alte Chanel-Tüte in ein hübsches Oberteil zu verwandeln, muss man wahrscheinlich Karl Lagerfeld sein. Dies wirft uns zurück an den Anfang. Wir müssen ein Geschenk besorgen. Das Problem hat keine Lösung. Ich kann Ihnen nur insofern weiterhelfen, als dass ich Ihnen den Negativkatalog nenne, also die Killer-Bedingungen, die paar Sachen, die man nie verschenken sollte: Geld, Gutscheine und alles, was mit Teelichten zu tun hat.

  2. Geschenke – Richtig einkaufen

    Das Schönste an Weihnachten ist der Frieden. Danach kommt gleich das Einkaufen. Die Läden sind hübsch dekoriert, überall rieseln der Kunstschnee und sanfte Harfenklänge, überall laufen fröhliche rotwangige Weihnachtsmänner rum, die in Wirklichkeit deprimierte geschminkte Studenten und schwer vermittelbare Arbeitslose sind und achtzehn Franken pro Stunde verdienen. Das Verkaufspersonal ist besonders gut gelaunt, freundliche junge Menschen, die auch achtzehn Franken pro Stunde verdienen, packen einem die Taschen ein, allenthalben herrschen Festtagsglanz und munterer Betrieb, und so lässt sich beim weihnachtlichen Einkaufsbummel die Unschuld der Kindheit nochmals erleben; das Gefühl der Freude, wahllos Dinge an sich zu raffen und lästige Widersacher, die einem den letzten Glitzerwichtel wegschnappen wollen, mit einem simplen Tritt gegens Schienbein ausser Gefecht zu setzen. Und, da ich dabei bin, hier sind noch drei weitere Ratschläge, die Ihre Einkaufsrunde zum garantierten Erfolg werden lassen:
    A. Geben Sie die Kinder irgendwo ab.
    B. Merken Sie sich, wo.
    C. Wenn in gewissen Geschäften Alkohol ausgeschenkt wird, trinken Sie, so viel Sie nur können. Das hilft, um nicht durchzudrehen.

  3. Geschenke – Richtig einpacken

    Viel wichtiger als das eigentliche Geschenk ist dessen richtige Verpackung. Leider wird auf diesen Punkt oft zu wenig Augenmerk und Sorgfalt verwendet. Die wichtigste Regel hier lautet: Hände weg von Klebeband! Die Heiligen Drei Könige hatten schliesslich auch keinen Tesafilm. Verklebte Geschenke sind hässlich und stillos. Am einfachsten und hübschesten ist es, gleich nur noch Schachteln zu benutzen. Noch einfacher ist es, gleich alle Geschenke in jenen Geschäften einzukaufen, wo bereits das Personal alles schon in Schachteln steckt. Wer diesen Ratschlag nutzlos findet, weil er kein Rodeo-Drive-Leben führt wie Candy Spelling und in seiner Einzimmerwohnung auch gar keinen Platz für einen Gift Wrapping Room hat, obschon ein Zimmer dafür ja ausreicht, der muss eben trainieren. Ich selbst verpacke bereits seit Jahren alle meine Geschenke ohne Klebeband, und mittlerweile habe ich eine solche Übung darinnen erreicht, dass ich mühelos auch kompliziertere Gegenstände, etwa eine expressionistische Plastik, ohne einen einzigen Streifen Tesafilm einwickeln kann.

  4. Geschenke – Richtig annehmen

    Wir alle wissen, wie schwierig es sein kann, ein Geschenk selbst für jene Menschen auszuwählen, mit denen man sich leidlich gut vertraut wähnt. Das wissen wir alle. Und deshalb ist es ein Gebot der Höflichkeit, dass man für seinen Teil eine freudig überraschte Miene herstellt, wenn man selbst ein Geschenk auspackt, und es ist etwas, was man weder braucht noch will, wie zum Beispiel eine Nudelzange oder ein elektrischer Nageltrockner. Maria, also die, die damals das Sorgerecht für Jesus hatte, hat schliesslich den drei Weisen auch nicht gesagt: «Och, naja, Weihrauch und Myrrhe ... recht schönen Dank, aber eigentlich hätte ich lieber eine Handtasche ...» Und auch wenn es sich um eine Gitarre oder einen ausgestopften Riesentroll handelt und man durch Blutzuckerabfall eine Panikattacke zu erleiden droht: Man stellt eine freudig überraschte Miene her. Immer. Schon zu Übungszwecken. Denn nächstes Jahr ist es vielleicht eine mobile Trinkwasseraufbereitungsanlage zum Selberbauen oder ein beleuchtetes Nachtsichtgerät oder ein Schachcomputer. Gibt es die überhaupt noch? Egal. Worauf ich hinaus will, ist: Trösten Sie sich nie mit der vermeintlichen Gewissheit: Schlimmer kann es nicht mehr werden. Denn wenn ein Satz nie gestimmt hat, dann dieser. Besonders an Weihnachten. Ohh, und bevor ich’s vergesse: Zeigen Sie Freude besonders bei Weihnachtsgaben, die von Kinderhand gefertigt wurden. Die Kleinen schenken gern selbstgeknetete Schlüsselanhänger oder selbstgeklebte Glasuntersetzer. Das Herstellen von anrührenden kleinen Präsenten ist für die Kinder eine Form der Sozialisation, es hilft den Sprösslingen bei der persönlichen Entwicklung und ist damit auch ein Beitrag zur Suchtmittelprophylaxe. Ausserdem lassen sich diese niedlichen Gaben eines kindlichen Gestaltungswillens später, wenn die Kleinen wieder weg sind, mühelos unschädlich vernichten. Kinder pflegen auch in der Regel nie danach zu fragen, was mit ihren Geschenken passiert ist. Das ist wunderbar.

  5. Geschenke – Richtig loswerden

    Wie wird man Geschenke wieder los, die man niemals haben wollte? Vergessen Sie Geschenktauschbörsen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geschenk auf diese Weise früher oder später zu seinem ursprünglichen Schenker zurückkehrt, ist grösser als die Wahrscheinlichkeit, dass François Hollande sich weiter die Haare tönt, also nahe an einhundert Prozent. Beim Weiterverschenken ist's nicht anders. Umtausch ist bloss in ganz eingeschränkten Fällen möglich und verlangt regelmässig peinliche Ausreden wie «Ich hatte hohes Fieber, als ich diese pastellfarbene Lavendel-Nackenrolle gekauft habe» oder «Der Kassenzettel ist mir ins Moor gefallen». Das Beste ist stattdessen, all diese unwillkommenen Aufmerksamkeiten schliesslich für seinen eigenen seelischen Haushalt und sein psychisches Gleichgewicht nutzbar zu machen. Dafür muss sich der Betroffene, also der Beschenkte, mit dem Panikauslöser, beispielsweise mit der pastellfarbenen Lavendel-Nackenrolle, auseinandersetzen. Legen Sie die Nackenrolle vor sich und fixieren sie diese. Ein meist qualvoller und langer Marsch durch die Hölle der Angst beginnt. Doch Ängste kann man überwinden. Zum Beispiel hatte ich in der Primarschule Angst vor Lepra, weil unsere Religionslehrerin, ein gewisses Fräulein Schnelle, so tat, als könne man das ganz leicht bekommen. Dann mussten wir singen. Ein Beispiel dafür, dass Glaube Berge versetzen kann. Have a joyful Christmas!

Im Bild oben: Eher unpersönlich: Ein Geschenk wird in einem Kaufhaus eingepackt. (Keystone)