Rede mit dir selbst

reinenervensache

«Wie bitte?», fragte der freundliche Verkäufer bei Barneys in Beverly Hills. Ich zuckte zusammen. Was hatte ich gerade gesagt? «Nein, das eher nicht!», hatte ich gesagt, während ich ein quergestreiftes Penguin Polohemd prüfend am Bügel in die Höhe hob. Allerdings wurde dieser Kommentar von mir nicht in Richtung Verkäufer abgegeben. Sondern ich hatte, wie es beim Einkaufen meine Gewohnheit ist, mit mir selbst gesprochen. Quasi laut gedacht. «Uch, nichts», erwiderte ich eilig an den Verkäufer gewandt, «ich habe nur mit mir selbst geredet, wissen Sie. Sie müssen entschuldigen. Ich bin Linkshänder. Meine hirnelektrischen Aktivitäten laufen ganz anders ab als bei normalen Leuten.»

In der Tat rede ich andauernd mit mir selbst. Und ich muss dazu nicht mal allein sein. Ich führe nicht bloss beim Einkaufen Monologe, sondern auch beim Autofahren oder unter der Dusche oder wenn ich durch die endlosen Zimmerfluchten meines Zuhauses irre und wieder einmal die Fernbedienung für das Home Entertainment Center suche. Ich gebe kleine Kommentare ab, bewerte die Welt und ihre Geschöpfe – oder mich selbst, wenn ich beim Anziehen oder Umziehen für die nächste Verpflichtung vor dem Spiegel stehend mit mir rede. Diese monologische Neigung wird, wie bei vielen Leuten, manchmal als Dialog mit einem mehr oder weniger fiktiven Gegenüber verbrämt. Ich habe zwar keine Haustiere (oder Hausgeister), aber ich spreche ohne weiteres auch mit Dingen, besonders, wenn es sich um Objekte handelt, die nicht funktionieren. Ich glaube an die beseelte Tücke des Objekts. Dann kann es schon mal vorkommen, dass ich einen Fahrkartenautomaten anschreie oder einem Nasenhaarschneider drohe. (Und wenn die Drohung nicht fruchtet, so brauche ich Gewalt.)

Ist das normal? Nun, wenn man darauf achtet, sind zum Beispiel Hollywoodfilme, die uns ja wichtige Standards in Bezug auf Normalität vorgeben, voll mit Charakteren, die mit sich selbst oder mit Dingen oder mit Tieren reden, und diese Monologiker sind keineswegs nur Schurken und Psychopathen. Neulich wurde zum tausendsten Mal der phantastische Film «Jaws» (auf deutsch «Der Weisse Hai») im Fernsehen wiederholt, und da ist mir aufgefallen, wie oft eigentlich Chief Brody, dargestellt von Roy Scheider, mit dem Hai redet, den er jagt. Eigentlich quasselt er bis zum Schluss unaufhörlich auf den Hai ein, bis das arme Tier, das ja nicht mal Ohren hat, explodiert. Im grandiosen Finale erklärt Brody der Bestie überflüssigerweise noch: «Ich jag‘ dich in die Luft!», um dann, von Leidenschaft mitgerissen, anzufügen: «Fahr‘ zur Hölle, du Schwein!» Genau dasselbe habe ich neulich zu meinem Nasenhaarschneider gesagt. Aber bei Brody ist es irgendwie noch ein bisschen unlogischer, schliesslich handelt es sich um einen Hai und nicht um ein Schwein. Deswegen heisst der Film ja auch nicht «Das Weisse Schwein». Doch ich schweife ab. Im Grunde wollte ich was ganz Anderes erzählen: Eigentlich habe ich «Jaws» ja schon tausend Mal gesehen – aber was passierte, nachdem der Hai gerade den raubeinigen Captain Quint verschluckt hatte und nun die Reling der Orca durchkaute und den armen Roy Scheider bedrängte? Folgendes: Ich lag ganz alleine auf dem Sofa, liess die Knistertüte mit Snyder’s Pretzel Pieces in meiner Lieblingsgeschmacksrichtung Honey Mustard & Onion sinken und rief: «Au weia!»

Der Konsum von Kulturgütern ist also offenbar eine weitere Gelegenheit, die zum Selbstgespräch einlädt. Beziehungsweise zum monologischen Gespräch mit den Darstellern. Ich weiss noch, wie mein Grossvater jeden Abend den Gruss des Fernsehnachrichtensprechers erwiderte. Der Mensch ist nun mal ein redseliges Wesen. (Well, jedenfalls in meiner Familie.) Und ansonsten zeigt uns der Fall von Chief Brody, dass das Selbstgespräch wichtige psychohygienische Funktionen erfüllt. Denn abgesehen von der herrlich kathartischen Wirkung, die damit verbunden ist, einen heranbrausenden Monsterhai oder einen nicht funktionierenden Fahrkartenautomaten anzuschreien, kann man sich im Selbstgespräch auch anfeuern. «Du schaffst das schon!», flüstere ich mir zum Beispiel im Fahrstuhl zu, wenn ich mit einem Hang-over zur Tankstelle laufe, um Milch zu kaufen. Oder ich spiele zu erwartende mögliche Auseinandersetzungen (etwa mit Angelika Bretterkleber, der Politesse in meinem Quartier, oder dem Check-in-Personal bei Finnair) schon mal im Voraus halblaut mit verteilten Rollen im Selbstgespräch durch. Inklusive finnischem Akzent. Dann bin ich besser vorbereitet. Sie sehen: Selbstgespräche können wichtig für die Seelenruhe sein. Und sind insofern und deswegen vollkommen normal! Vollkommen normal! Oh! Habe ich das jetzt laut gesagt?

Im Bild oben:  In «Reine Nervensache» (Warner Brothers Frankreich) kümmert sich Billy Crystal um das Seelenheil von Robert de Niro.