Einfach Armani

Giorgio Armani acknowledges the audience at the end of the Giorgio Armani Autumn/Winter 2014 collection during Milan Fashion Week

Giorgio Armani wird 80, meine Damen und Herren. Gerade war Nicole Kidman in Cannes bei der Premiere von «Grace of Monaco» in Armani Privé zu bewundern. Dann wurde gemeldet, dass Giorgio Armani als neuer offizieller Ausstatter des FC Bayern München übernimmt. Armani ist überall. Wie immer. Nur sieht man ihn selten. Viel seltener als, zum Beispiel, seinen Altersgenossen Karl Lagerfeld. Die Welt der Mode ist eigentlich ein Pausenhof. Und Giorgio Armani ist eine einmalige Erscheinung auf diesem Pausenhof, denn er wirkt so: diskret. Ja, Herr Armani, bekannt für Purismus und klare Linien und reine Leichtigkeit und wundervolle Silhouetten, für schneeweisses Haar und braun gesprühte Haut und seltsam kühle Augen, scheint die Diskretion geradezu zum Gestaltungsprinzip erhoben zu haben; ein Prinzip, auf dessen Grundlage er in den letzten 40 Jahren ein milliardenschweres Konglomerat errichtet hat, an dessen Spitze er immer noch persönlich steht, und das ist inzwischen selten in der Welt der Mode. LVMH scharrt gewiss schon mit den Hufen.

Armanis Welt deckt von Haute Couture bis Haushaltswaren, vom Restaurant übers Blumengesteck bis zum Mobiltelefon so ziemlich alle Lebensbereiche ab. Vor allem Anziehsachen, natürlich. Modisch abgedeckt hat Signore Armani alle und alles, vom Vatikan bis zu den Carabinieri, von Sophia Loren bis Dita Von Teese, vom American Gigolo bis zum Dark Knight. Und trotzdem scheint er ein wenig abseits zu stehen, auf dem Pausenhof; das, was er tut, wirkt, obschon Mode, geradewegs gegen die Mode gerichtet. «Die Essenz von Stil liegt darin, etwas Komplexes auf einfache Art auszudrücken», sagt er, und Kritikern, die ihm fehlende Entwicklung attestieren, hält er das Wort «Konsistenz» entgegen. Mir half das kürzlich sehr, als ich an der Mailänder Fashion Week wegen eines Terminproblems die Armani-Show versäumte. Trotzdem konnte ich mich wunderbar mit allen Spezialisten über die Kollektion unterhalten, indem ich feststellte: «Armani ist eben Armani.»

Armanis Attacken

Andererseits war Herr Armani wiederum nicht so furchtbar diskret, als er im Februar 2008 neben Anna Wintour stand, der notorischen Chefin der amerikanischen «Vogue». Armani äusserte sich anlässlich der Ausstellung «Superheros» im New Yorker Metropolitan Museum of Art, die er zusammen mit Frau Wintour kuratiert hatte, und zwar sagte er, er persönlich könne nicht nachvollziehen, wieso so viele Leute Anna Wintour nicht ausstehen könnten; ihm selbst sei sie egal. Diese offene Konfrontation war reichlich sensationell für den Pausenhof, ein Milieu, wo man sonst Küsse in die Luft und Messer in die Rücken platziert. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass es bekanntlich Anna Wintour zu verdanken ist, dass die Mailänder Modewoche von sieben auf vier Tage zusammengedrückt wurde. Vielleicht auch damit, dass Frau Wintour der Ausspruch zugeschrieben wurde, die Armani-Ära sei vorbei.

Ähnliche Einschätzungen zur Armani-Ära hörte man von Cathy Horyn, die bis zum Januar dieses Jahres bei der «New York Times» für die Laufstegberichterstattung verantwortlich zeichnete und von Armani nach angeblich herabsetzenden Kommentaren über seine Couture-Schau im Januar 2008 in Paris mit einem Bann belegt wurde. (Frau Horyn, eine für ihren Freimut bekannte Dame, wurde im Laufe ihrer Karriere übrigens auch schon verbannt von Carolina Herrera, Dolce & Gabbana, Saint Laurent / Hedi Slimane und anderen. Pausenhof eben.)

Cathy Horyn hatte geschrieben, dass eine selbstreferenzielle Ironie nicht vorkäme im ewigen Kreis der Vorstellungswelt des Herrn Armani, weshalb aus seiner beigefarbenen Wunderkiste niemals ein Knaller von einem Kleid erstehen könnte. Über den darauf folgenden Bann durch Armani schrieb Horyn später, ein derartiges Reaktionsmuster spiegle die typische selbstherrliche Attitüde älterer Designer, die in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts gross geworden seien, der Dekade des neureichen Power Dressing und der unreflektierten Markenhysterie.

Den Verweis auf Armanis augenscheinlich unlösbare Verbindung mit den Achtzigerjahren lieferte Cathy Horyn dann auch eine runde halbe Dekade später wieder. Da traf sie Giorgio Armani zu einem Mittagessen (oder, genauer: Beinahe-Mittagessen); es war also wieder alles im Lot (oder jedenfalls beinahe). Und Frau Horyn schrieb mit Blick auf Herrn Armani: In the late ’80s, his aesthetic vision — the radical, soft-shoulder silhouette, the monochromatic palette — still sparkled with newness. He was at the peak of his creative powers and his mastery of Hollywood star power.

Arroganz und Reserve

Und seither? Für Cathy Horyn jedenfalls bleibt Armani rätselhaft. Und ein wenig enigmatisch scheint er in der Tat. Ein Rätsel in Mitternachtsblau? Giorgio Armani stammt aus einfachen Verhältnissen und hat eine phänomenale Karriere hingelegt – was übrigens der Werdegang der meisten Modeschöpfer seiner Generation ist. Trotzdem ragt er aus dem Getümmel um den Laufsteg wie ein Monolith aus dem Nebel. Oder ist er einfach nur unfassbar? Ist er ein kühler, herablassender, einsamer Perfektionist – oder einfach bloss diskret, durchdrungen von Arbeitsethos und jeder Art von Drama abhold? Gerne werden Zitate von ihm verbreitet wie: «Elegance is not about being noticed, it’s about being remembered.» Horyn hingegen schreibt: The greatest obstacle to understanding a person is almost always our limited perception. And with Mr. Armani, another former executive said, «We all want him to be somebody else».

Fest steht nur: Armani spiegelt – wie seine Schöpfungen – jenen Zwiespalt aus Arroganz und Reserve, der so typisch ist für die höheren Sphären unserer Zeit; eine im Kern dandyhafte und narzisstische Ambivalenz, die schon Julian Kaye auszeichnete, den von Richard Gere verkörperten und von Giorgio Armani angezogenen «American Gigolo», der in Beverly Hills in seinen fabelhaften Anzügen so makellos auftritt und dann, zu Hause, wenn er seine Garderobe zur Anprobe auf seinem Bett ausbreitet, wie ein unsicherer Statist seine Persönlichkeit probt. Armani hat es etwas anders ausgedrückt: «Je me cache derrière moi» – Ich verstecke mich hinter mir selbst. Herzlichen Glückwunsch!

Bild oben: Eine einmalige Erscheinung auf dem Pausenhof: Giorgio Armani bei der Mailänder Fashion Week im Februar 2014. Foto. Alessandro Bianchi/Reuters

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