Was macht einen guten Flughafen aus?

Passengers relax as they watch the 2014 World Cup Group F soccer match between Iran and Nigeria, at Guarulhos International Airport

Ich bin häufig auf Flughäfen, meine Damen und Herren, aber ich liebe sie trotzdem. Ob es sich um Monster handelt wie Hongkong oder Dallas-Fort Worth oder um idyllische Flecken wie Hilo auf Big Island, Hawaii, oder eher rustikalere Anlagen wie den Hosea Kutako International Airport von Windhoek, Namibia. Oder um diesen schlichten Landestreifen auf der Osterinsel. Ich liebe Flughäfen, das Kommen und Gehen, die Lounges und Geschäfte, das internationale Reisepublikum. Und sogar die kleineren und grösseren Herausforderungen, wie neulich, als in Quito das Reservierungssystem ausfiel, oder wenn man im Terminal in Frankfurt mal wieder über schlafende Passagiere steigen muss, weil Lufthansa mal wieder streikt. Auch das bringt einen weiter, irgendwie.

Allerdings bin ich auch kein Geschäftsmann. (Well, höchstens in eigener Sache; aber jedenfalls nicht im klassischen Sinne.) Mögen Geschäftsleute Flughäfen? Zunächst ist man versucht zu sagen: na klar. Na klar mögen Geschäftsleute Flughäfen. Das scheint sogar irgendwie wesensimmanent. Schliesslich hat doch die Kaste der Geschäftsmänner in der zivilen Luftfahrt eine eigene Beförderungsklasse inspiriert, eine Klasse, die, obschon vielerorts deutlich heruntergekommen, das Etikett «Business» trägt, als wären sämtliche ihrer Insassen dem Müssiggang abhold. Jedoch, und hier beginnen die Probleme, jedoch häufen sich in postkrisenhaften Zeiten die CTP-Verschärfungen. «CTP» steht für «Corporate Travel Policy», also jenes Set von Statuten, das beispielsweise festhält, ab welcher Fluglänge von Geschäftsleuten die Businessclass gebucht werden kann. Oder das, was von ihr übrig ist. Diese kritische Reisedauer beträgt heute bei vielen multinationalen Unternehmen bereits über 10 Stunden – eine Zumutung!

Der käufliche Status

Des Weiteren war gerade neulich wieder in der «International Herald Tribune», einem Zentralorgan für Geschäftsleute, zu lesen, dass auch die Vorteile von Vielfliegern bei nahezu allen Airlines schmelzen, die Lounges immer voller werden, die Upgrade-Wartelisten immer länger, genau wie die Schlangen vor dem Priority Check-in. Denn während die Airlines schrumpfen und fusionieren und gleichzeitig die Zahl der Statuspassagiere ständig wächst, sind die Vielfliegerprogramme von einem elitären Belohnungsschema nicht zuletzt für Geschäftsleute heute zu einer wichtigen zusätzlichen Einnahmequelle von Fluggesellschaften geworden, indem sie sich zum Beispiel mit Kreditkartenunternehmen zusammentun und Statusvorteile zum Kauf anbieten.

Letztlich heisst das: Heute werden nicht mehr in erster Linie die belohnt, die viel fliegen (und das sind immer noch vor allem Geschäftsmänner), sondern die, die viel zahlen. Gerade letzte Woche hat beispielsweise United Airlines angekündigt, dass dort inskünftig Meilen nicht mehr nach der geflogenen Distanz, sondern nach dem bezahlten Ticketpreis gutgeschrieben werden. So handhaben es auch Delta, Jet Blue und Southwest. Und beim Star-Alliance-Verbund, dem auch die Swiss angehört, richten sich die Meilengutschriften schon lange vor allem nach der Beförderungskategorie, dann erst nach der abgeflogenen Distanz. Mit den zunehmenden Tarifdifferenzierungen in ein und denselben Beförderungsklassen ist das angezeigt. Aber damit nicht genug: Alles, was früher Loyalitätsauszeichnung war – bevorzugtes Boarding, Lounge-Zugang, Upgrades –, lässt sich heute von jedem dazukaufen. Oder notfalls über kleine Tricks ergattern: Im Vielfliegerprogramm von Aegean Airlines zum Beispiel, die zu Star Alliance gehört, ist der Goldstatus vergleichsweise schnell zu erreichen, sodass findige Flieger sich einfach bei Aegean anmelden, dann sämtliche Flüge bei allen 26 Star-Alliance-Gesellschaften dort gutschreiben lassen, um anschliessend als Goldmitglied wiederum bei allen Mitgliedsgesellschaften anerkannt zu werden. Smart, huh? Oder ein bisschen tragisch?

Fünf Kriterien für einen guten Flughafen

Parallel zum Fliegen sind für den Geschäftsmann auch die Flughäfen anstrengender geworden, besonders die für ihn wichtigen grossen internationalen Drehkreuze: überfüllte nervtötende Moloche mit abgerammelten Terminals, zeitraubenden Prozeduren und demoralisiertem Personal. Das ist schade. Denn das trägt bei zu einer bedauerlichen Entwicklung unserer Zeit: dass der Geschäftsmann immer weniger ein soziales Wesen ist. Früher waren Flughäfen und ihre Lounges auch Orte des gesellschaftlichen Austauschs, ja, des Geschäftes selbst; heute sucht der Geschäftsreisende seine Aufenthaltsdauer zu minimieren und starrt ansonsten auf sein iPad.

Also stellen wir uns doch mal die Frage: Wie müsste ein idealer Flughafen sein, für den Geschäftsmann und die Geschäftsfrau – aber nicht nur, sondern, im Grunde, für uns alle? Es finden ja andauernd Flughafenrankings statt, bei denen Nutzerfreundlichkeit, Effizienz, Verkehrsanbindung und generelle Aufenthaltsqualität bewertet werden. «Aufenthaltsqualität» schreit freilich nach Konkretisierung, und da wären die Top-5-Kriterien, wenn Sie mich fragen, die folgenden:

1. Es gibt einen Starbucks. (Denn nicht nur der Geschäftsmann braucht Kaffee.)

2. Es gibt einen Duty-free-Shop, der diesen Namen verdient. (Denn nicht nur der Geschäftsmann braucht schnelle Mitbringsel. Und Alkohol. Und Zigarren.)

3. Englisch wird gesprochen und verstanden (also keine Chance für Paris CDG – oder jeden anderen französischen Flughafen).

4. Es gibt eine Lounge, die diesen Namen verdient (mit internationaler Presse und Interweb und so Sachen).

5. Die Sicherheitskontrollen verlaufen getrennt nach Beförderungsklassen. (Und alles andere ebenfalls.)

Das wären die harten Fakten. Und jetzt zu den weichen. Falls Sie Geschäftsmann oder -frau sind, möchte ich Sie nun gern direkt ansprechen: Befreien Sie sich von dem Zwang, jede Minute am Flughafen irgendwie pseudoeffizient nutzen zu müssen. Reisen, auch geschäftlich, bleibt schliesslich immer auch das Abenteuer einer anderen Zeitlichkeit. Klappen Sie Ihren Laptop zu, und tauchen Sie ein in das internationale Reisepublikum, eine ganz besondere Form der menschlichen Gesellschaft, der vielfältiges exotisches Zubehör ein Gepräge des Mondänen und Weitherkommenden verleiht. Und dann kaufen Sie irgendwas, was Sie nicht brauchen. In einem Duty-free-Shop, der diesen Namen verdient.

Im Bild oben: Kein Ablöscher für erfahrene Flugreisende: Der Airport in São Paulo als Ruheraum. Foto: (Reuters/Murad Sezer)