Nicht nur ein Frauenkiller

AMOKLAUF, SCHIESSEREI, SANTA MONICA, ISLA VISTA,

Wer wissen möchte, woran die Kollektivdiskussion zwischen Männern und Frauen oft krankt, fand vergangene Woche mit dem Amoklauf eines gewissen Elliot Rodger ein schönes Beispiel. In einer Videobotschaft bekannte Rodger, dass er sich einsam und zurückgestossen fühle von Frauen, die mit anderen und weniger attraktiven Männern als ihm freudig ausgingen. Dafür wolle er sich rächen, sagte er, zog los und erschoss sieben Menschen.

Das ist zweifellos eine schreckliche Tat. Wenig später wurde bekannt, dass der 22-jährige Rodger auch in Männerrechtsorganisationen engagiert war – von denen viele für ihre explizite Misogynie bekannt sind. Tatsächlich tauchten auf Facebook bald auch Seiten auf, die Rodger für seine Tat als Helden feierten.

Die Frauen wiederum machten aus Elliot Rodger einen exemplarischen Fall. Ähnlich wie beim deutschen #Aufschrei vor Jahresfrist begannen Frauen unter dem Hashtag #YesAllWomen zu schildern, welche alltäglichen Belästigungen sie erdulden müssen. Kurz darauf tauchte dann der Hashtag #NotAllMen auf, mit dem männliche Twitterer sich gegen ein vermeintliches Pauschalurteil gegen sie wehren wollten. Schliesslich ist nicht jeder Mann ein potenzieller Elliot Rodger.

Darauf reagierten die Frauen wieder ungehalten und prangerten die Aktion an, die nur ein Versuch sei, um von der alltäglichen sexuellen Gewalt gegen Frauen abzulenken.

Ich finde beides falsch. Tatsache ist, dass jede Frau damit rechnen muss, in ihrem Leben sexuell belästigt oder angegriffen zu werden. Wer es nicht glaubt, soll sich nur mal in seinem Freundeskreis umhören. Jeder kennt eine, die irgendwann vergewaltigt oder verprügelt oder erniedrigt wurde – oder nur mit Glück davonkam. Und jede Frau weiss, dass man gewissen Männern in gewissen Situationen aus dem Weg geht. Und zwar weiträumig. Darüber zu sprechen, muss möglich sein, ohne dass sich gleich alle Männer pauschal verurteilt fühlen. Anstatt sich sofort angegriffen zu fühlen, würde es Männern vielleicht gut anstehen, erst mal zuzuhören.

Umgekehrt weiss nämlich jede Frau, dass nicht alle Männer so sind. Und die, die es nicht sind, sollten sich nicht scheuen, Gewalt gegen Frauen zu verurteilen, gerade gegenüber ihren misogynen Geschlechtsgenossen.

Gleichzeitig ist es aber auch falsch von den Frauen, wenn sie kategorisch ausblenden, dass auch Männer Opfer von Gewalt werden, wie das Beispiel Elliot Rodger zeigt. Bevor er sich aufmachte, seine ehemaligen Klassenkameradinnen zu erschiessen, ging er mit dem Messer auf seine drei Mitbewohner los. Auch unterwegs schoss er auf Männer, ganz zu schweigen von den Polizisten, die ihn stellten, bevor er sich erschoss. Anstatt dass sich Männer und Frauen darüber streiten, wer denn nun das grössere Opfer ist, sollten sie sich überlegen, wie man solche Taten künftig verhindert. Und dazu können wohl beide etwas beitragen.

Bild oben: Auf Facebook wird er als Held gefeiert – Elliot Rodger (auf dem undatierten Bild seines Fahrausweises). Foto: California DMV, AP, Keystone

32 Kommentare zu «Nicht nur ein Frauenkiller»

  • Ricco Morales sagt:

    Der Artikel gibt sich differenziert, aber die Rollen sind klar verteilt: die Täter sind die Männer. Männliche Misogynie ist die Ursache des Problems, die weibliche negative Sicht auf die Männer bloss Reaktion auf männliche Verfehlung. In Wahrheit kommt doch bei Männer wie Frauen schädigendes Verhalten vor. Pauschalisierende Urteile und relexartige Verteidigung des eigenen Geschlechts gibt es hier wie dort. Männliche Gewalt ist für Frauen sicher bedrohlicher als umgekehrt – deshalb nur den Männern die Täterrolle zuzuschreiben greift aber zu kurz.

  • Annalena sagt:

    Keiner der Herren, die sich äussern, würden jemals eine Frau schlagen, sagen sie mindestens. Einer schreibt, “ dass er Situationen kennt wo es nachvollziehbar war“ und ein anderer macht aus Schlägern (sekundäre Gewalt) die wahren Opfer. Und selbstverständlich haben die Herren das Recht auf eine Frau, die ihre Bedürfnisse erfüllt, ihren Wünschen entspricht. Und ihren Herren untertan sind. Und was passiert, wenn der Schläger seines Amtes gewaltet hat? Wird es dann besser? Die Frau fügsamer? Verfügbarer? Und eines unschönen Tages getötet? Ist der Gang zu Beratung/Anwalt nicht die bessere Option?

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