Verträgt der Kapitalismus Transzendenz?

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Zu Beginn heute ein Wort von Wolfgang Neuss, der nun leider auch schon 25 Jahre tot ist: «Es muss schon immer eine kleine Tristesse durch einen Ekstatiker schwingen. Wenn da nur Freude ist, traut man dem Frieden nicht.» Dies ist ein schönes Motto für unser heutiges Thema: Wir leben in einer stark ideologisierten Zeit, meine Damen und Herren, und der Geschäftsmann ist eine Ikone ihrer Abscheu. Besonders der Finanzgeschäftsmann ist zum Teufelsbild verkommen: Nicht nur die Verfechter einer sogenannten Robin-Hood-Steuer und bärtige Kommunistinnen, die inzwischen Kostüm und Schleifenbluse tragen (ja, ich meine Frau Wagenknecht), sondern auch weite Kreise der allgemeinen Bevölkerung sehen in ihm inzwischen jene Sorte Mensch, deren einzige Regung Griesgram und Gier darstellen. Man hält Investmentbanker für Leute, die ihr Gewerbe direkt aus der Hölle betreiben, feinerer Impulse und Zeitvertreibe nicht fähig in ihrer tölpischen Grobheit; für Krämerseelen, die immer dieselben Redewendungen benutzen, dafür öfter mal die Anzüge wechseln. Dämonen des Kapitals, unter deren groben Krallen das Heiligste auf den Erwerbssinn geeicht und das Unberührbare zur abgegriffenen Münze wird, mit der sie sich falschen Anwert kaufen.

Ist das so? Kann der moderne Geschäftsmann noch an Höheres glauben? Worinnen besteht seine Metaphysik? In der Glücksmaximierung durch Life Coaching oder den Modeströmungen einer sogenannten Gegenwartsphilosophie, der es vor allem darum geht, Individuen in ihr Optimum zu bringen, mit Hilfe von Siegelring-Spiessern wie Eckart von Hirschhausen oder wellnessmässig operationalisierten Versionen von Yoga und Kabbala, zum Beispiel? Oder ist, wie es unsere Campingfreunde von Occupy (Wo sind die eigentlich hin?) glaubten, eben der verwerfliche Raffkapitalismus selbst der Glaube des Geschäftsmanns? Eine Hand wäscht die andere, so hiesse dann der Prüfstein seiner Frömmigkeit. Die Excel-Zinstabelle wäre sein Katechismus, Wettkampf sein Gebot, Wucher sein Gebet. Erwerb hiesse seine Glückserwartung, Rabatt seine triste Erbauung, Besitz das Ding, in das er seine Ehre setzt. Der Börsenbulle wäre sein Götze, die Spesenabrechnung sein Beichtstuhl, die Steuererklärung die Audienz seines Gewissens. Letzteres scheinen zumindest die Deutschen zu denken.

Oder ist es ganz anders? Wenn man Religiosität ganz allgemein und undogmatisch als Glauben an Höheres definiert, dann gab es, seit es Geschäfte gibt, auch den religiösen Geschäftsmann, den Mäzen, den Philanthropen, den Charakter, der, wie beispielsweise Andrew Carnegie, davon überzeugt war, dass reich zu sterben eine Schande sei. Auch existiert dieser Schlag noch, vorzüglich in den Vereinigten Staaten von Amerika, die nur für bärtige Kommunistinnen das Land des Bösen sind. Warren Buffet zum Beispiel, oder Bill Gates. Doch trotzdem ist, gerade weil wir in ideologisierten Zeiten leben, eine ideelle (nicht: ideologische) Auffrischung des Geschäftsmannes dringend geboten, eine Rückbesinnung auf jene Idee nämlich, der er alles verdankt und der wir alles verdanken und die leider gerade gar nicht in Mode ist. Ich meine den Liberalismus. Der ist ebenfalls ein Glaube an Höheres, nämlich an die Freiheit des Menschen. Und Freiheit ist das, was individuelle Spiritualität erst möglich macht. Viele der Gegner eines sogenannten Neoliberalismus wissen gar nicht, was Liberalismus überhaupt bedeutet, nämlich: die politische Philosophie der Autonomie, des freien Individuums. Der Liberalismus ist die Folie, vor deren Hintergrund die klassischen Geschäftsmannstugenden zu sehen sind – wie auch das Streben nach Höherem, der Aufschwung zur Transzendenz. Also sowohl Ideale von Verhaltenskontrolle, Selbstverwirklichung und Eigenheimerwerb wie auch Selbstlosigkeit, Demut und Nächstenliebe.

Wenn man an den Liberalismus glaubt, ist Wettbewerb nicht geistlos, sondern konstruktiv, auch in seiner vermeintlichen Destruktion, die Joseph Schumpeter «kreative Zerstörung» nannte, weil sie in der Tat eine Umwidmung von Ressourcen zu produktiverer Verwendung bedeutet. Im Grunde gleicht diese Robustheit des Marktes dem Konzept der «Antifragilität» von Nassim Taleb: Es geht um positive Schockrezeption, um Evolution durch Störung, um Stabilität gerade durch Schwankungen. Der unverzerrte, lautere Leistungswettbewerb, der konstruktive Agon, bringt nach Nietzsche und Burckhardt auch kulturelle Blüte. Sogar ein scheinbar in der Wolle gefärbter Marxist wie Max Horkheimer erkannte gegen Ende seines Lebens, «dass die Entfaltung des Menschen mit der Konkurrenz, also dem wichtigsten Element der liberalistischen Wirtschaft, zusammenhängt. Durch den Wettbewerb im Wirtschaftlichen ist auch der Geist gefördert worden. Der Gedanke, es fördere den freien Menschen, wenn es in der Gesellschaft keine Konkurrenz mehr gäbe, scheint mir ein optimistischer Irrtum zu sein.» Denn was ist der Kulturstand der Gesellschaft, ökonomisch betrachtet? Ein öffentliches Gut. Zum Beispiel ein öffentlicher Diskurs, der ohne Feindbilder, Klischees und Stereotypen auskommt. Bis auf das von der bärtigen Kommunistin, natürlich.

Bild oben: Woran glaubt ein Geschäftsmann? Michael Douglas spielte im Film «Wall Street» den skrupellosen Kapitalisten Gordon Gekko. Foto : PD

14 Kommentare zu «Verträgt der Kapitalismus Transzendenz?»

  • Heinrich von Machwitz sagt:

    Wo liegt der Has im Pfeffer? Bei der Verfälschung des Wettbewerbs! Gerade jene Finanzinstitute, die (nach wie vor) von einer faktischen Staatsgarantie profitieren, kennen keine Transzendenz. Im Gegenteil: Es bestehen Anreize, zu hohe Risiken einzugehen (z.B. Hypothekenramsch) oder sogar kriminell zu werden (z.B. Libor). Und wenn der Mitarbeiter 50 ist, wird er zulasten der Allgemeinheit entsorgt. Und (nochmals) gerade diese Institute sind für den Zahlungsverkehr systemrelevant. Da liegt Einiges sehr im Argen. Ich plädiere (immer noch) für ein Trennbankensystem, wie es die Amis früher hatten.

    • Medalarn sagt:

      Mit Verlaub, Auslöser der Finanzkrise waren keine Retailbanken, sondern Investmentbanken. Substantiell höhere Eigenkapitalquoten (20% und höher, im Vergleich zu den otalen Aktiven, nicht den risikogewichteten) sind einem Trennbankensystem klar vorzuziehen

  • fufi sagt:

    Wenn W.B. oder B.G. die Hälfte ihres Vermögens „spenden“, dann ist die behaltene Hälfte halz immer noch rund 1’000’000 mal höher als meines.
    Und wenn ICH die Hälfte meines Vermögens spenden würde, wäre das CASH. Nicht „Wertpapiere“, wo schon morgen NICHTS mehr wert sein können.
    Aber die PR ist gut!

    Und dennoch:
    Ein Vermögen von, sagen wir mal, „bloss“ 4 Milliarden aufzubrauchen, im geschätzten Lebensrest von 40 Jahren, tja, das wären denn etwa 100 Mio. per anno.

    Liberalismus ist gut, SEHR GUT sogar, wenn’s ums DENKEN geht!
    Aber leider NICHT, wenn’s ums SOZIALE Denken geht!

  • Maynard's Follower sagt:

    … of religion and traditional virtue –
    that avarice is a vice,
    that the exaction of usury is a misdemeanor,
    and the love of money is detestable,
    that those walk most truly
    in the paths of virtue and sane wisdom
    who take least thought for the morrow.
    We shall once more value ends above means
    and prefer the good to the useful.
    We shall honour those who can teach us
    how to pluck the hour
    and the day virtuously and well,
    the delightful people
    who are capable of taking
    direct enjoyment in things,
    the lilies of the field
    who toil not, neither do they spin.

    JOHN MAYNARD KEYNES (1930)

    • Jacques sagt:

      John Maynard Keynes (1883-1946) war Positivist – und anscheinend so etwas wie ein oekonomisch- religiöser Führer oder Guru. Aber bereits Friedrich Nietzsche (1844-1900) meinte: Gott ist tot. Sein Lehrer Arthur Schopenhauer appellierte an das Mitleid (Mitleids-Ethik), und dessen Lehrer, Immanuel Kant, wiederum an die praktische Vernunft. Dass die Vernunft bei Religiösen oft auf der Strecke bleibt, hatten unterdessen in F auch Voltaire und Rousseau, bereits seit der Aufklärung (Siècle des Lumières) festgestellt…

    • Henry sagt:

      Ja ja, langfristig sind wir alle Tod. Das ist die Rhetorik von Keynes, als ob das Ertrinken in Geld einen vor dem Schulden-Tod bewahren könnte. Der schöpferische Bankrott wird unsere einzige Lösung sein. Und der wird kommen, er lässt sich per se gar nicht verhindern.

  • Hans Jecklin sagt:

    Man kann den Zweck der Wirtschaft auch ganz nüchtern sehen: Dienst an der Gesellschaft durch Verfügbarstellen der benötigten Leistungen. Gewinn braucht es, nur schon allein zur Erneuerung und Sicherung der Unternehmen. Bewusstsein über die gesellschaftliche Wirkung des eigenen unternehmerischen Verhaltens würde auch in einem kapitalistischen System zu gesellschaftsdienlischer Wirtschaft führen. – Eine Verwurzelung im eigenen Urgrund verhilft zur Reflexion der eigenen Motivation und damit des Verhaltens. Sich und sein Fühlen, Denken und Handeln zu beobachten ist Transzendenz. And so what?

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