Gesichter des Bösen

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Aww, das süsse Real-Housewife-Leben, verehrte Leserschaft! Nachdem wir für den Sommer das Hardtop von unserem SL entfernt haben (wozu man beim R107 zwei Personen braucht), liege ich auf dem Sofa, trinke Whisky aus einem Ralph-Lauren-Kaffeebecher und höre aus dem Fernseher, dass eine mir natürlich völlig unbekannte, jüngst leider verstorbene ostdeutsche Schriftstellerin zu Lebzeiten von der Kritik als «leise Stimme der Vernunft» bezeichnet worden sei.

«Leise Stimme der Vernunft», sage ich darauf zu Richie, dem besten Ehemann von allen, «dies wird wohl nie über mich festzustellen sein.»

«Nein».

«Im übrigen», fahre ich fort, «überlege ich, ob ich mich inskünftig nicht vielleicht Putzi Petite nennen sollte. So heisst die Handpuppe der wundervollen Mutter von Fiona Wallice in Web Therapy

Worauf Richie erwidert: «Wenn irgendein Name nicht zu dir passt, dann ist es Putzi Petite

Und dann hatte ich auch noch Zeit, endlich mal ein Gesicht zu entdecken. Erinnern Sie sich an Faces in Things? Und oben sehen Sie, was ich in unserer Küche gefunden habe: Evil Zwiebel. Funny, huh? Apropos Zwiebel: Können Sie sich noch an den sogenannten Zwiebellook erinnern? Das ist die biedere Umschreibung dafür, wenn man ziemlich viele Schichten übereinander trägt. Eine Hochphase des Zwiebellooks waren die neunziger Jahre des letzten Jahrtausend. Was mich wiederum daran denken lässt, dass ich beim Training häufig gezwungen werden, Mad About You zu sehen, weil das dann gerade auf SRF zwei und also auf vielen Bildschirmen im Gym läuft, und dass im Grunde die Neunziger, nicht etwa die Siebziger oder die Achtziger, modemässig die furchtbarste Dekade der Nachkriegszeit waren: mit so Beuteljeans bis unter die Brustwarzen und Jeansblusen mit aufgerollten Ärmeln und Schulternähten auf den Ellbogen. Nichts passte. Von den Haaren gar nicht zu reden. Yikes!

Scharia und Beverly Hills

Und dann wäre da noch, jenseits aller Real-Housewife-Sorgen, das Problem mit dem Beverly Hills Hotel, meine Damen und Herren. Ich liebe das Beverly Hills Hotel, und wir sind mehr als einmal dort abgestiegen, wenn wir in jenem wundervollen, zauberhaften Vorort von Los Angeles waren, nach dem es benannt ist. Beziehungsweise umgekehrt, möchte man sagen, denn das Beverly Hills Hotel, 102 Jahre alt, war buchstäblich eines der ersten Gebäude von Beverly Hills. Herzstück. Immerhin so sehr Herzstück, dass die von mir verehrte Essayistin Fran Lebowitz die Stadt Los Angeles einst wie folgt definierte: «Los Angeles, laws AN juh lus, or laws ANG guh lus, Calif., is a large citylike area surrounding the Beverly Hills Hotel. Alphabet und pronunciation were both borrowed from the English …»

Beverly Hills ist eine meiner Lieblingsortschaften, aber das wird Sie ja nun nicht überraschen. Doch nun wird das Beverly Hills Hotel augenblicklich von etwas anderem umgeben, nämlich einer Kontroverse. Denn es gehört dem Sultan von Brunei, der ebendort (also in Brunei) schrittweise das islamische Scharia-Strafrecht einführt. Das sieht Strafen vor wie Auspeitschen, Amputationen sowie Tod durch Steinigung (zum Beispiel für Homosexualität oder Ehebruch), was die zivilisierte Welt zu Recht als abstossend und vorsintflutlich empfindet, oder, in den Worten der Talk-Show-Instanz Jay Leno: «What year is this? 1814? Come on people, it’s 2014.»

«Evil flourishes when good people do nothing, and that is pretty much what this is,» hat Jay Leno ausserdem bei dieser Gelegenheit festgestellt. Leno gehört, zusammen mit Ellen DeGeneres, Sharon Osbourne, Rob Reiner und Richard Branson, zum Beispiel, zu der zahlreichen Hollywood-Prominenz, die wegen der Scharia-Einführung in Brunei zum Boykott des Beverly Hills Hotel aufgerufen hat – respektive zum Boykott der Sultan-Hotelgruppe «Dorchester Collection», zu der neben dem Haus am Sunset auch noch andere berühmte Fünf-Sterne-Adressen gehören (in der Schweiz das Le Richemond in Genf). Die Künstler-Agentur ICM, die einige der grössten Stars in Tinseltown vertritt, hat bekannt gegeben, das Beverly Hills Hotel von der Spesenliste zu streichen. Zur Dorchester Group gehört ebenfalls das Le Meurice in Paris, besonders populär während der Fashion Week, und Hedi Slimane, Creative Director von Yves Saint Laurent (oder Saint Laurent Paris, wie Sie wollen), erklärte, das Haus YSL würde derart repressive und menschenrechtsverletzende Kodexe wie die Sharia nicht tolerieren und: «no employees of the House will stay in any Dorchester Collection properties until the Sultan of Brunei repeals such laws and positions, which have no place in a civilised society.»

Das Ganze scheint einfach und richtig, wird aber, wie jede moralische Angelegenheit, durch genauere Inaugenscheinnahme der Wirklichkeit kompliziert. Das Magazin Time (und nicht nur dieses) wies darauf hin, dass diverse Luxushotels (und übrigens auch Luxusmarken) sich im vollständigen oder teilweisen Besitz von Potentaten aus Scharia-Ländern wie zum Beispiel Saudi-Arabien befinden, ohne deswegen von irgendjemandem boykottiert zu werden. Niemand boykottiert ausserdem beispielsweise Mariah Carey, die unlängst (für anderthalb Millionen Dollar, wie berichtet wurde) auf einer Party für Prinz Azim sang, den Sohn des Sultans von Brunei. Und so weiter. Sowas lässt sich freilich immer auflisten. Soll man deshalb gar nichts tun? Oder was anderes?

Das Beverly Hills Hotel ist augenblicklich jedenfalls ein ziemlich verlassener Platz. «It was like being in a five-star version of The Shining», schrieb Maureen Callahan, Reporterin der «New York Post», die durch seine verlassenen Korridore wanderte. Ein Grossteil des Personals von rund 650 Personen müsse gegenwärtig zuhause bleiben, es gebe keine Neueinstellungen und keine Beförderungen. Und der Sultan (dem übrigens auch das ebenfalls legendäre Hotel Bel-Air gehört, falls Sie dachten, dahin auszuweichen) … was ist mit dem Sultan? Nun, dem kann das alles wurst sein. Sein Vermögen beläuft sich auf geschätzte 20 Milliarden Dollar. Da kann das Beverly Hills Hotel jahrelang leer stehen, ohne dass er es auch nur bemerken würde. Aber trotzdem muss man ja was machen. Sagt die leise Stimme der Vernunft. Oder war ich das?

8 Kommentare zu «Gesichter des Bösen»

  • Irene feldmann sagt:

    Mentale Freiheit, das richtige zu tun weil Geld und Extremismus prostituiert nicht alle….

  • Ricco Morales sagt:

    Klar sollte man etwas machen! Wie auch gegen:
    – Kinderarbeit (Billigkleider)
    – unhaltbare Arbeitsbedingungen (iphone)
    – Umweltverschmutzung (chinesische Schrottprodukte)
    – Unterdrückung und Totalitarismus
    – Polizeiwillkür (Ägypten)
    – Klimaerwärmung (persönlicher Fussabdruck)
    – illegale Besetzung und Annexion (aktuell Russland)
    – Tierquälerei (Industriefleisch)
    – Mädchenbeschneidung
    – Lohndiskriminierung
    – etc. etc.
    Und dann dranbleiben! Leider überfordern soviel moralische Ansprüche die meisten von uns hoffnungslos, meistens bleibt es bei punktuellem Aktionismus…

    • Henry sagt:

      Nun, das hängt davon ab, ob Sie diese Ansprüche an sich oder an andere stellen. Im ersten Falle sehe ich keine ernsthafte Alternative zu einer ordentlichen Naßrasur, vorallem im Bereich der Halsschlagader, analog zu Adalbert Stifter…..

    • Ralph sagt:

      In Ihrer an sich guten Liste fehlt so manches, speziell möchte ich aber zwecks Herstellung des nötigen Gleichgewichts die Bubenbeschneidung hinzufügen.

    • Astrid Meier sagt:

      Mädchenbeschneidung ist ein weiterer Grund, Ägypten zu boykottieren. Ist dort weiterreistet, über 80% der Frauen sind beschnitten.

  • Stefan T. Serafin sagt:

    Auch ins Ambassador und Cocoanut Grove kann man nicht mehr hin…Schade

  • Jacques sagt:

    „Beverly Hills Hotel“ – und so viele Namen werden um einen herumgeschlagen. California – ist für mich die Zeit, als die Blumenkinder herumhüpften, sehr naiv zwar, aber gut gehüpft; und als die Doors eben diese Blumenkinder aus ihrem „Schlaf“ aufgeweckt hatten; Realitätssinn bitte: „The Doors are open – ‚There Are Things Known, and Things Unknown, and In Between Are the Doors‘ – William Blake.“ Mit dem Alabama-Song bis „The End“ – oder auch den div. Stürzen von Jim Morrison auf die Blachen vom Chateau Marmont Hotel – bis Paris ging es so weiter…

  • Thomas M. Germann sagt:

    Ich halte mich an den römischen Dichter Juvenal: „Lucri bonus est odor ex re qualibet.“ — „Woher der Gewinn auch stammen mag, sein Geruch ist gut.“ (Saturae 14,204 f.)
    Das möchte man gerne auch jenen unter die Nase reiben, welche den Kampf gegen Geldwäscherei regeln, wobei hier einmal eine detaillierte Evaluation des Nutzens angezeigt wäre. Der nächste Coup, der geplant wird, ist das Verbot, mit mehr als Fr. 100’000 bar zu bezahlen. Wir sind bezüglich des Normzweckes bereits auf der ungefähr vierten Meta-Ebene angelangt. 😉

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