Alles über Jeans

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Möglicherweise, meine Damen und Herren, werde ich im Dienste dieser Kolumne in absehbarer Zeit wegen Verstosses gegen den öffentlichen Anstand verhaftet werden, weil ich jetzt nämlich schon anfange, die Hinterteile wildfremder Damen abzulichten, die vor mir bei Starbucks in der Schlange stehen, doch, glauben Sie mir, ich ziehe kein Vergnügen daraus. Really not. Es geht mir nur um die Illustration der Theorie. Denn am farbigen Abglanz haben wir das Leben, bekanntlich. Die Dame vor mir in der Kasse war eine mittelalte Mutter, ihr Kind dabei, doch die Frage ist: Sind die Jeans, die sie trägt, deswegen Mom Jeans? Nein. Es sind einfach entgleiste Drainpipes. Sieht man häufig, betrüblicherweise. Was aber, werden Sie nun vielleicht fragen, was aber sind überhaupt Mom Jeans? Nun. Dafür gehen wir am besten zurück in der Zeit. Die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Scheint schon ewig zurückzuliegen, huh? Wir wollen uns heute trotzdem nochmal kurz mit dem Vorgang beschäftigen. Beziehungsweise mit einer seiner wichtigsten stilistischen Implikationen – eben Mom Jeans. Wer den republikanischen Kandidaten Mitt Romney leicht abschätzig charakterisieren wollte, charakterisierte ihn als Träger von Mom Jeans. Zum Beispiel tat das Graydon Carter, Chefredakteur von «Vanity Fair», in seinem aktuellen Editorial. Aber bei weitem nicht nur Mr Carter. Mom Jeans – das war sozusagen das Beinkleid als Charakterhypostase: bieder, puritanisch, provinziell.

Mom Jeans, das sind diese Denim-Tanker für jenen Figurtyp, der in der Bekleidungsindustrie euphemistisch als «fraulich» etikettiert wird: Mom Jeans zeichnen sich aus durch eine wenig schmeichelhaft hohe Taille, die irgendwo über dem Nabel sitzt, was das Hinterteil so gross wie Coney Island aussehen lässt (und auch so flach). Stoffmassen wogen und blähen sich. Das Ganze in diesem massiven, lichtblauen Denim, gerne auch mit Bundfalten (denn Mom Jeans werden selbstverständlich gebügelt) oder konisch zulaufenden Beinen (also in der sogenannten Karottenform) und einer Elastanbeimischung. Damit Mom auch die Bluse noch in die Jeans stopfen kann. Dies ganze Grauen ist zu besichtigen in jener inzwischen berühmt gewordenen Werbespot-Parodie aus «Saturday Night Live», die die Mom Jeans LINK zu einer popkulturellen Ikone machte: For this Mother’s Day, don’t give Mom that bottle of perfume. Give her something that says: «I’m not a woman anymore…I’m a mom!»

10 Regeln für Jeans

Das Phänomen der Mom Jeans ist in vielerlei Hinsicht das Gegenstück zu jenen über-technisierten Hollywood-Jeans, die mit der Jahrtausendwende ihren Aufschwang erlebten; hochpreisige Schöpfungen von kalifornischen Herstellern mit so wundervoll klingenden Namen wie Citizens of Humanity, 7 For All Mankind, Earnet Sewn, Paper Denim & Cloth, Rock & Republic oder True Religion. Diese Labels verkauften und verkaufen sich vor allem als Passformwunder, denn sie wisssen, was sich Damen von einer Jeanshose wünschen: lange, schlanke Beine, schmale Hüften, einen prallen Popo. Derartige Luxusjeans sind, besonders in Europa, gesuchte Nischenprodukte. Das Angebot wird durch Limitierungen künstlich knapp gehalten.

Und damit gab es scheinbar im 21. Jahrhundert ganz viele neue Möglichkeiten, Jeans zu tragen. Besonders für Frauen. Hosen aus Jeansstoff waren ja ursprünglich, wie Hosen überhaupt, Männerkleidung. Meine Grossmutter zum Beispiel pflegte die Auffassung, dass Hosen für Damen höchstens vor sechs Uhr akzeptabel sind, und zwar für folgende Aktivitäten: a) Ausführen des Hundes, b) Arbeiten im Garten, c) Aufenthalt auf einem Segelboot. Das mag zwar überholt sein, ganz und gar nicht überholt ist hingegen folgende zeitlose Wahrheit: Der Limbostab des guten Geschmacks liegt gerade bei Jeans unverändert hoch. Beziehungsweise tief. Grundsätzlich gilt nämlich immer noch für Frauen wie für Männer: Wenn man nicht die Figur hat, sollte man gar keine Jeans tragen (Regel Nr. 1). Vor allem enge Jeans gehören zu den aggressivsten, gnadenlosesten Kleidungsstücken auf der Welt, die selbst schon zu Fünfzehnjährigen grausam sein können. Besonders in der Low-Rise-Variante, also mit sehr tiefem Bund. Die mögen irre gut aussehen an adoleszenten Lateinamerikanerinnen, die einen BMI von 19 haben und einen Hintern aus Beton. Der Rest der Schöpfung sollte lieber die Finger davon lassen. Und hier sind die weiteren Regeln für die Auswahl und das Tragen von Jeans:

2. Nichts und niemand hat mehr Sex-Appeal als jemand, der in einer schlichten Standardjeans gut aussieht. Das gilt für Männer wie für Frauen. Standardjeans sind aber ihrem Schnitt nach immer Männerhosen.

3. Jeans sollten nicht zu viel mit Mode zu tun haben. Übertriebene Applikationen sehen wahnsinnig ordinär aus. Ausserdem kann man von zu vielen Swarovski-Steinen blind werden.

4. Über 50 und in Jeans? Das geht höchstens für Gunilla von Bismarck (und sicher nicht für Fritzchen Raddatz).

5. Weisse Jeans? Das geht höchstens für Rolf Eden.

6. Jeans mit Bügelfalte? Das geht für niemanden.

7. Bevor Sie auch nur erwägen sollten, eine Boot-Cut Jeans anzuziehen, denken Sie daran: Draussen ist bald 2013. Also lassen Sie das lieber. Der Zug für Boot-Cut Jeans ist nicht nur vor Ewigkeiten abgefahren, sondern auch bereits lange entgleist. (Allerdings hat man das vor gut 10 Jahren von Stonewashed Jeans auch gedacht. Also machen Sie, was Sie wollen!)

8. Eine zu enge Jeans ist gesellschaftlicher Selbstmord. Falls Sie Ihre Lieblingsjeans regelmässig auf dem Rücken liegend anziehen müssen oder einen Trennschneider brauchen, um in die Hosentaschen zu kommen: Geben Sie das Stück dem Roten Kreuz!

9. Jeansröcke gehören verboten.

10. Beinahe noch schwieriger als die richtige Jeans ist: die richtige Jeans-Jacke. Hier geht eigentlich nur der Klassiker von Levi’s – das Gegenstück zum Little Black Jacket von Chanel.

Dad Jeans

Übrigens ist auch der Gegenbegriff zu Mom Jeans im Schwange: Dad Jeans. Eingeführt ein paar Jahre nach den Mom Jeans nicht zuletzt zur Kennzeichnung des wenig schmeichelhaften, formlosen, lichtblauen und offenbar gefährlich nah am Brustkorb sitzenden Exemplars, das Barack Obama 2009 zu einem Baseball-Spiel trug. Weitere Träger von Dad Jeans: (der frühe) Jerry Seinfeld. Steve Jobs. Simon Cowell. Joe Biden.

Ich bin trotzdem froh, dass Obama Präsident bleibt. Und schliesse für heute mit folgendem Hinweis: Auch wenn mein Liebling Manny aus «Modern Family» sie gut findet – das grösste Vergehen gegen den öffentlichen Anstand bleiben: Jeggings. Eurgh! Hier bleibt mir nichts als die leidenschaftliche Zustimmung zu jenem Menschen, der dazu ins Urban Dictionary eintrug: Should never be worn. Ever. Hurts my eyes.

53 Kommentare zu «Alles über Jeans»

  • Jack Kerouac sagt:

    Ich trage seit meiner Jugend Jeans, und praktisch fast nur Jeans.
    Je nach Jahreszeit aus Denim oder feingeripptem Manchester.
    Ich trage die Marke(n), die zu meiner Figur passen und bequem sind (not Levis).
    Und ich werde sie bis ins hohe Alter tragen, auch wenn inzwischen die Anfangsgrösse (37/38)
    einiges überschritten ist.
    Ich trage auch meinen inzwischen kleinen Bauch (Güggelifriedhof) auch mit Stolz.

    • Kumskaka sagt:

      Hello Jack. Eindrücklich wie du dich als Sal Paradise am New Yorker Broadwax 1950 auf dem Weg in ein Duke Ellington Konzert und in eleganter Begleitung von deinem Kumpel Dean Moriarty verabschiedet hast, als er deine Hilfe brauchte. Da trugst du keine Jeans. Doch er hatte dich zuvor, als ihr „Unterwegs“ wart, in Mexiko mit Fieber allein in der Pampa liegenlassen. Dieser Verräter. Da trugst du Jeans. Nach diesem Bruch schriebst du dein Buch. Mir wurde klar, dass für deine kreative Seite Jeans keine Rolle spielten.

    • Jacques T. sagt:

      Ich trage meine Jeans sehr gerne leicht über den Hüften.
      Ist auch bequemer, und die Lee Cooper sind zum Glück so geschnitten.
      Nicht zu weit – ja nicht zu eng.
      Bei Frauen mag ich gerne auch Röcke über den Knien, oder dann sehr lange. (Soirée).

  • Anna Rosa sagt:

    Das liest sich ja ganz wunderbar. Doch stellt sich bei weiterem Blickwinkel die Frage: Was dürfen denn dicke Menschen tragen? Sie meinen, der Sack sei ja längst erfunden?

    Schauen Sie sich um! Der Mehrheit der Menschen soll diese robuste Beinbekleidung, die einst für einfache Arbeiter und aus prinzipieller Materialnot entstanden ist (inzwischen aber Präsidenten kleidet), vorenthalten bleiben?

    Vergessen Sie’s. Die Jeans ist das einzige Kleidungsstück, dass jedem passt. Gestatten Sie Ihrem dicken Nachbarn die Jeans und seien Sie froh, das er keine Leggings trägt! JEANS (und Toleranz) FÜR ALLE!

  • Anna sagt:

    Dieser Beitrag ist absolut daneben und Menschenverachtend.
    Ja, es ist verwerflich wenn ein Mann in einer Schlange wildfremden Frauen das Hinterteil nicht nur anstarrt sondern auch noch fotografiert.
    Ebenso verwerflich, ist es andere auf Grund ihres Äusseren zu beurteilen. Sie haben ein Wunsch-Aussehen ihrer Mitmenschen, demnach sollten alle schlank sein und nach ihrem Stil-Verständinis angezogen sein. Dabei vergessen Sie, dass jede Person ein eigenes Verständnis von Schönheit und Stil hat und sich schlussendlich nur selber gefallen muss.

    Ich bin übrigens 1.80m gross und habe Grösse 38.

  • Peter Schmucki sagt:

    Ich finde die klassische kurze Lee-Jeansjacke mit Zickzacklinie auf der Knopflochseite immer noch viel sexier als die gerade geschnittene Levis.

  • Ella Müller sagt:

    Über 50 und in Jeans?Ja, klar,das geht! Meine Jeans hatten noch nie Bügel- oder Bundfalten(auch nicht als „Nicht -Mom-Jeans!),sind unten nicht eng geschnitten(aber auch nicht sehr weit)und vorzugsweise in black stonewashed,oder so, d.h.,gleichmässig gebleicht.Meine Oberteile werden selbstverstdl. ÜBER den Jeans getragen.Und:Ich trage seit ich erwachsen bin, immer Pumps dazu!An den „Jeans-von-hinten“-Fotografierenden:Achten Sie mal auch gerne von vorne auf Bäuche und Oberschenkel, vorzugsweise umhüllt von sehr eng anliegenden, meist synthetischen Stoffen, getragen von meist jung, aber auch alt.

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