Warum Monica Lewinsky ein Vorbild ist

CLINTON AND LEWINSKY IN 1995 PHOTO.

Ich weiss nicht, ob es Ihnen vergangene Woche auch so ergangen ist wie mir. Vielleicht haben Sie auch daran gedacht, was Sie damals gerade gemacht haben, als die ganze Welt sich für Monica Lewinsky interessierte. Und dafür, was genau Bill Clinton zu ihrer Zeit im Oval Office mit dieser Zigarre angestellt hatte und was das für ein Fleck auf ihrem blauen Kleid war. 1995 war ich Studentin und wurde gerade von meinem damaligen Freund verlassen, nachdem ich ihm eine Affäre gebeichtet hatte. Danach ging ich eine neue Beziehung ein, schloss mein Studium ab, bekam zwei Kinder, ergriff einen Beruf, dem ich heute noch sehr gern nachgehe.

Zu Lewinsky war das Leben weniger gnädig. In dem Essay, den sie vergangene Woche in «Vanity Fair» veröffentlichte, schildert sie, wie sie die letzten zwanzig Jahre damit zugebracht hat, für ihre Verfehlung zu büssen. Die darin bestand, sich auf den falschen Mann einzulassen. Wie sie danach zur Schachfigur in einem Machtspiel wurde und eine nationale Witzfigur. Zielscheibe für Häme, Hass und Spott, und zwar von allen Seiten. Für die Konservativen, die Demokraten, die Feministinnen – es gab niemand, der sich für sie einsetzte.

Bill Clinton bezahlte sicherlich auch seinen Preis, nur war er mächtig genug, nicht zum Opfer zu werden. Im Verlaufe meiner Journalistentätigkeit habe ich ihn einmal auf einer Party angetroffen, auf einer Wolke der Befriedigung über seine weltgeschichtliche Bedeutung schwebte er dahin, allem Irdischen entrückt. Aber Lewinsky wurde zum Opfer gemacht. Sie büsste mit der Zukunft, die sie vielleicht hätte haben können.

Nicht selten werden Opfer dafür, dass sie zum Opfer geworden sind, nochmals gestraft. Mit Verachtung. Opfer sind schwach und es scheint, als fänden viele den Gedanken schwer erträglich, dass wir alle irgendwann schwach werden. Am Ende des Lebens ist jeder ein Verlierer, aber das gesteht man sich ungern ein.

Der wesentliche Punkt bei der Lewinsky-Geschichte ist aber ein anderer. Mit Schwäche, sei sie selbst verschuldet oder nicht, kann man unterschiedlich umgehen. Man kann sie erdulden und das Gefühl haben, man könne eh nichts dagegen tun. Oder man kann aktiv werden. Lewinskys hat sich entschieden, über ihre Geschichte zu sprechen, mit all den absehbaren Folgen: Wieder in der Öffentlichkeit zu stehen, noch mehr Häme erdulden zu müssen. Trotzdem ist sie vorgetreten, doch ohne auf Mitleid zu pochen oder einen Opferbonus zu spielen. Sie hat Verantwortung für ihr Handeln übernommen, aber auch das Unrecht angesprochen, das ihr geschehen ist, weil mächtige Männer sie als Bauernopfer einsetzten. Sie schilderte, wie sie versuchte, das Richtige zu tun – ohne dass man ihr eine Chance gegeben hätte. Das ist eine Lektion in Selbstwirksamkeit: aktiv werden, etwas bewirken wollen, Schuldige benennen, anstatt sich zu schämen.

Ich finde das vorbildlich. Wir leben heute in einer anderen Zeit, aber wir zeigen mehr denn je mit dem Finger auf die Schwächen anderer. Das ist einfacher, als sich eigene Fehler und Schwächen einzugestehen. Oder den Gedanken zu ertragen, dass man selber ein Opfer werden könnte. Ich hoffe, dass Frau Lewinskys Beispiel anderen Mut macht, sich aus der Opferrolle zu befreien. Und ich wünsche Frau Lewinsky, dass sie glücklich wird.

Bild oben: Bill Clinton posiert mit Monica Lewinsky am 17. November 1995. Am gleichen Tag hatten sie angeblich Sex im Weissen Haus.

23 Kommentare zu «Warum Monica Lewinsky ein Vorbild ist»

  • Christoph Bögli sagt:

    Ich kann der Argumentation nicht ganz folgen. Das Problem für Lewinsky war doch gerade, das sie eben nicht als Opfer wahrgenommen wurde, sondern gewissermassen als „Täter“ in Form des Klischees einer sich nach-oben-schlafenden Praktikantin, die scheinbar skrupellos Sex zu ihrem Vorteil einsetzt und sich gleichzeitig auch (völlig unemanzipiert) dafür von einem mächtigen Mann ausnützen lässt. Dass die Realität etwas anders aussah und sie zum Bauernopfer wurde ist zwar auch richtig, aber das macht sie in der allgemeinen Wahrnehmung halt noch nicht zu einem richtigen Opfer geschweige denn Vorbild.

  • Michael Beglinger sagt:

    Ich kann das Anliegen von Frau Binswanger nur unterstützen: Sich zunächst einmal einzugestehen, dass man Opfer ist, und sich hernach aus der Opferrolle befreien, braucht sehr viel Mut und Kraft. Und auch das Wort „Selbstwirksamkeit“ finde ich dabei eine sehr passende Vokabel.

    michaelbeglinger.wordpress.com

  • Irene feldmann sagt:

    Sie wusste was sie tat, der Rest sind ausreden.

  • Monaco sagt:

    @John J Feller:
    Sie reden wirres Zeugs: Die Dame ist Jahrgang 1973 und war längst volljährig – die Affäre war 1996 – können Sie rechnen? Außerdem hat sie am Santa-Monica-College studiert, das ist nicht in London…und ja: sie ist Psychologin…das sagt doch alles. Sie war nie ein Opfer, höchstens ein selbststilisiertes.

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