Das Rumpeln der Seekuh

Hafenkran03_270p

Wir müssen heute mal ein lokalpolitisches Sujet behandeln (wofür ich alle Leser jenseits der Zürcher Stadtgrenzen um Verständnis bitte): Ich wollte eigentlich gar nichts zu diesem ostdeutschen Hafenkran sagen, der unlängst unter dem Etikett «Kunst» am Zürcher Limmatquai aufgestellt wurde, aber dann habe ich neulich zu meiner morgendlichen Tasse Breakfast Earl Grey den Fernseher eingeschaltet und dachte: «Oh, supi, ist das ein Film mit Rebel Wilson, den ich noch nicht kenne?» Nein. Das war nicht «Bachelorette II». Es handelte sich stattdessen um Sibylle Omlin. Der Name wurde eingeblendet. Was die Frage nahelegt: Wer ist das? Eine «Kunstexpertin». Auch das wurde eingeblendet. Falls man es aus dem Museumsshop-Halstuch noch nicht deduziert hatte.

Frau Omlin sprach über den Hafenkran und würzte ihre Sätze gerne mit: «Ich als Kunstexpertin.» Auch dabei war der Zürcher Alt-Stadtrat Martin Waser – und alt, um nicht zu sagen: erschreckend obsolet sowie unglaublich kinnladerunterklappend naiv war die Kunstauffassung, die sich hier zur Geltung brachte: Kunst ist, wenn man drüber redet. Es ging darum, dass der Kran so faszinierende Diskurse anstifte und deshalb Kunst sei. Womit diese Diskurse befasst sind oder sein sollen (ausser mit dem Aufstellen eines schrottigen Krans), blieb durchaus ungesagt. Ich jedoch möchte an dieser Stelle all unseren Diskursheinis und -heinas von Herzen gern Folgendes mitgeben: Wenn sich jemand vor meiner Haustür erbricht, spreche ich darüber. Deshalb ist das noch keine Kunst.

Der Kran ist mir wurscht. Ich habe nichts dagegen, ihn als besucheranziehende Rummelplatzattraktion aufzustellen – aber genau so sollte er laut Kunstexpertin O. gerade nicht verstanden werden. Das wäre ganz schlimm und banausenhaft. Well. Fest steht: Im Verhältnis zur Sphäre der Kunst ist dieser Kran genau das Gleiche wie eine Casting Show: Prätention und Kitsch. RTL-Kunst. Ein Monument der Belanglosigkeit und Geistesarmut des heutigen Kulturbetriebs. Und natürlich auch ein Monument der linken Macht in der Stadt Zürich.

Apropos: Jan Morgenthaler, Künstler (wir verwenden diesen Begriff hier leichtfertig), Vater des Krans, mischt in seinen Auftritten Allüren und Herablassung mit naiver Begeisterung, wenn er über den Kran sagt: «Er hat etwas Animalisches. Als wir ihn kippten, gab er Geräusche von sich, rumpelte über den Boden, so ganz tief, wie ein Elefant oder eine Seekuh oder irgendwas.» Das ist wunderbar. Für den Aufsatz eines elfjährigen Mädchens. Und dann schliesst Herr Morgenthaler: «Wir haben viele Fragen: Hat ein Kran noch soviel Kraft, ein Schiff anzulocken? Oder liegt das Glück im weiten Horizont? Oder hilft Träumen gegen Fernweh? Wir haben lauter solche Fragen.»

Ja. Ich habe auch viele Fragen. Namentlich diese: Hallo? Hall-ooh? Ist da draussen irgendjemand mit common sense? Stört sich irgendjemand daran, dass dieses Gerede so peinlich und trivial ist, dass man am liebsten weinen möchte? Bleghh! Ich weiss, dass das zeitgenössische Kunstgeschäft vor allem Bullshit produziert und von Bullshit lebt; aber was ist mit dem Anstandsgefühl und Bullshitdetektor aller billig und gerecht Denkenden? Was hilft gegen diese super-prätentiöse Provinzialität? Träumen? Bestimmt nicht. Wake up, you good people of Züritown, wake up. Ansonsten hätte ich hier noch ungefähr 1,000 Kran-Witze, die Sibylle Omlin involvieren; vielleicht kann man ja das als Diskursanstoss gelten lassen? Ich habe lauter solche Fragen.

113 Kommentare zu «Das Rumpeln der Seekuh»

  • Erwin sagt:

    Herr Tingler

    Genial geschrieben, genau meine Rede. Kunst ist das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Offenbar erscheint den Befürwortern dieses „Projektes“ bereits das Aufstellen von Altmetall (bzw. eines teuren Haufen Schrotts) als kreativ, ist es aber nicht. Für mich steht Kunst für „Können“, ist somit das Resultat einer Fertigkeit des Künstlers. Meine Quiz-Frage: welche liegt hier vor? (Tipp: könnte was mit Geld zu tun haben…)

    • teo meier sagt:

      viel glück im 19. jahrhundert mit deiner auffassung von kunst („.. fertigkeit des künstlers..“ darum gings schon vor über 300 jahren nicht mehr..) seither ist einiges wasser die limmat runtergekommen.. lieber erwin.. schön, dass du dich hier als kunst-hinterwäldler outest.. den mut hätte ich nicht.. respekt!

    • Philipp Rittermann sagt:

      lieber herr meier. ihre schreibe ist der grund dafür, dass die wahren künstler erst nach ihrem tod einen gewissen wert erlangten. wobei ich wert lege auf „wahre…“.

  • maximilian eisen sagt:

    Danke Herr Tingler, sie haben mir aus dem Herzen gesprochen. Ich habe mich auch gefragt, ob die Stadträte resp. deren Präsidentin an extremem Mangel an Phantasie leiden, da sie so einen rostigen Hafenkran benötigen, um vom Mittelmeer zu träumen. Aber solche Exzesse passieren eben, wenn Politiker, die glauben, etwas von Kunst zu verstehen, entscheiden. Was hat doch die Stadtpräsidentin anlässlich einer öffentlichen Gesprächsrunde mit Herrn Leutenegger gesagt: Ich mache auch Kunst! Herr von Matt kürzlich am Radio zur Definition von Kunst: Alles, was jemand zur Kunst erklärt, ist Kunst!

  • Alex sagt:

    Yes. Gute Schreibe. Der HK ist nur eines: bieder

  • Patrick Eppenberger sagt:

    Vorschlag eines Nachfolgeprojektes für „Zürich Transit Maritim“
    Nach dem Motto „never change a winning team“ soll die temporäre Kunst-Installation „Zürich Desertifikation Urban“ auf dieselbe, inhaltlich und gedanklich höchst anspruchsvolle Art zum Nachdenken anregen.   Als Herzstück der Ausstellung sollen ca. 50’000 m3 echter Saharasand aus Nordafrika nach Zürich an den Sechseläutenplatz „migrieren“ und mitten in Zürich Sandwüste mit bis zu 5 Meter hohen Dünen entstehen lassen.
    Als ästhetischer Höhepunkt würde mit der Zeit durch den Wind das Wrack eines abgestürzten Flugzeugs freigelegt …

    • Irene feldmann sagt:

      Als vom FACH kann ich da nur sagen Mister eppenberger, sie haben die Rechnung ohne den Regen gemacht…:) doch ihre Idee hat potential:::)))))

  • Gertrud Schneider sagt:

    Wie kann man, ohne sich zu widersprechen, argumentieren, dass etwas ein Zeugnis von Geistesarmut und ein Monument der Belanglosigkeit sei, wenn man doch der postmodernen Theorie anhängt, dass alles gleichwertig sei: RTL, 3sat, Hafenkran, Francis Bacon, Thomas Mann und Philipp Tingler?

    • Thomas M. Germann sagt:

      Die Gleichwertigkeit bezieht sich auf eine Kategorie. Oder wollen Sie etwa behaupten, dass aus postmoderner Sicht ein Iglu, ein D-Mark-Stück und eine Säure-Base-Titration gleichwertig seien? Die Kategorie hier heisst Kunst. Um Gleichwertigkeit im postmodernen Sinn zu postulieren oder zu konstatieren, wird vorausgesetzt, dass es sich überhaupt um Kunst handelt. Wie schon mehrfach festgehalten, fehlt es beim Hafenkran am Schöpferischen und auch am Übervernünftigen, weshalb es sich eben nicht um Kunst handelt. Die Frage nach der Gleichwertigkeit erübrigt sich also. 🙂

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.