Wie man wirkungsvoll Nein sagt

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Wir haben ihn unlängst schon einmal zitiert, meine Damen und Herren, jenen treffenden Ausspruch von Jacques Peretti im «Guardian»: «So wie die Inuit angeblich 50 verschiedene Worte für Schnee haben sollen, hat man in Hollywood 50 Worte für ja, die allesamt nein bedeuten.» Und in der Tat hat die Los-Angeles-Methode der Verneinung (LAM) den Vorteil, dass sie sehr geschmeidig abläuft – wie so vieles in Los Angeles. Bei mir persönlich zum Beispiel heisst «Es klappt bestimmt ein andermal!» ungefähr: «Es wird niemals dazu kommen.» Und wissen Sie, was «Das müssen wir unbedingt mal machen!» bedeutet? Richtig: «Es wird niemals dazu kommen.» (Und ich bitte an dieser Stelle um Verständnis bei den Legionen von Menschen, denen ich das eine oder andere schon gesagt habe; und zwar mit dem Hinweis: manchmal auch nicht. Manchmal heisst es auch genau das, was es heisst. You figure it out. Good luck!) Denn es ist ja so: Wir alle werden ständig mit Anliegen bedrängt. Und sogar wenn diese Anfragen oft nett klingen und noch öfter nett gemeint sind – manchmal will man einfach nicht. Manchmal will man einfach nicht nett sein und gesellig und hilfsbereit, sondern auf dem Sofa liegen und «WebTherapy» schauen und dazu nährstoffarme Kalorienbomben aus Polyethylenverpackungen vertilgen. Ich sage nicht, dass ein Nein immer richtig ist. Aber es kann so herrlich befreiend wirken. Und deshalb folgen hier nun, zu Ihrer Befreiung, fünf beispielhafte Anliegen der Umwelt an Sie sowie die Wege zu deren Verneinung. Frisch ans Werk:

  1. «Wollt ihr uns am Wochenende in unserem Haus in Antibes besuchen?»

    Oder alles, was sonst in diese Kategorie gehört, zum Beispiel: «Wollt ihr am Freitag zu Ursulas Flötenkonzert kommen?» Oder: «Sollen wir nicht mal wieder zusammen essen gehen?» – Diese Kategorie von Anfragen ist im Grunde die am einfachsten zu erledigende. Wenn Sie früh genug gefragt werden, greifen Sie einfach zurück auf den unerschöpflichen Kanon von höflichen Standardausflüchten (die Liste dazu finden Sie hier). Falls die Frage kurzfristig kommt, erfinden Sie einfach eine ansteckende, womöglich ein bisschen abstossende, aber nicht völlig gesellschaftsunfähige und auf jeden Fall wieder verschwindende Krankheit (Erkältung, Kopfläuse, Brechdurchfall). Oder erklären Sie einfach, Sie wären zum fraglichen Datum leider bereits Ihrerseits in Ihrem Wochenendanwesen in Bad Ischl.

  2. «Steht mir das?»

    Sehr gefährlich. Fast so gefährlich wie: «Seh ich darin dick aus?» Hier ist Diplomatie gefragt. Und das wiederum ist die diplomatische Umschreibung für: Sie müssen unter Umständen lügen, dass sich die Balken biegen. Der Grad der Diplomatie richtet sich, wie immer, nach dem Grad der Bekanntheit. Gehen wir vom Extremfall aus: Falls eine flüchtige Bekanntschaft Sie auf irgendeinem Anlass in einem unmöglichen Aufzug fragt: «Steht mir das?» – dann müssen Sie einfach irgendeine schöne Einzelheit und Kleinigkeit finden. Oder erfinden. Nach dem Muster: «Ja, deine schlanken Fesseln kommen in diesem Kleid aus senfgelbem Tüll sehr gut zur Geltung.»

  3. «Könntest du meine Katze füttern, wenn ich weg bin?»

    Beziehungsweise: meine Blumen giessen. Oder meinen Olm entwurmen. Sie wissen, was ich meine. Zur Ablehnung verweisen Sie a) auf Ihre massive Katzenallergie/Blumenallergie/Olmallergie. Oder Sie sagen b): «Ohh, zu dumm, dann bin ich selbst nicht da.»

  4. «Willst du Sex?»

    Falls diese Anfrage im Rahmen einer gefestigten Beziehung erfolgt, kann man einfach sagen: «Eurgh, was denn, jetzt? Nö danke. Frag mich in ’ner Stunde noch mal.» Aber es kann ja auch sein, dass die Frage in der zerbrechlicheren Beziehungsfestigungs- oder -anbahnungsphase auftaucht. Oder dass Sie in irgendeinem Kontext irgendjemand fragt, mit dem Sie nun partout keinen Sex haben wollen, also einfach auf gar keinen Fall, sogar wenn das Krebs heilen würde. In derlei Fällen ist es am besten, auf eine momentane körperliche Unpässlichkeit auszuweichen, also zum Beispiel: «Im Grunde furchtbar gern, aber ich war in einen Massensturz verwickelt und habe mir beide Handrücken verstaucht.» Oder, für die dauerhafte Abwimmlung: «Das geht leider nicht. Ich bin allergisch gegen meinen eigenen Schweiss.»

  5. «Willst du mich heiraten?»

    Auweia. Schlimmer gehts gar nicht. Wie konnten Sie es nur so weit kommen lassen? Egal, die Frage können Sie sich später stellen. Jetzt muss gehandelt werden. Geantwortet. Keine Antwort ist hier allerdings auch eine Antwort. Falls Sie abgebrüht genug sind (oder unter Schock stehen), zögern Sie lange. Das sollte reichen. Falls Sie noch abgebrühter sind, wiegen Sie den Kopf und machen: «Meh.» Das alles aber hängt zuallererst davon ab, wo Ihnen die Frage überhaupt passiert. Und wann. Im Bett? Im Bad? Im Restaurant? Falls beispielsweise ein ganzes Fussballstadion zusieht, ist es zulässig, erst mal Ja zu sagen, um den Fragenden zu schützen. Damit gehen Sie keinesfalls eine bindende Verpflichtung ein. Allerdings sollten Sie die Sache klären, bevor Einladungen verschickt werden. Oder Ringe gekauft. Sonst werden Sie am Ende noch schadenersatzpflichtig. Viel Glück!

Im Bild oben: Das Umfeld war wohl zu diplomatisch bei der Outfit-Kritik: Katy Perry, Lil‘ Kim und Richard Simmons an den MTV Music Awards 2013. Fotos: Reuters

16 Kommentare zu «Wie man wirkungsvoll Nein sagt»

  • Georg sagt:

    Mein erstes Wort heisst immer „NEIN!“ geht nicht, kann ich nicht, möchte ich nicht etc.
    Eine Begründung des Neins ist ja nicht schwierig, wenn man viel beschäftigt ist. Zur Not findet man ja immer eine Beschäftigung um das Zeitliche Loch zu füllen. Es gibt ja so viele Freizeitangebote.
    Eigentlich sollte es selbstverständlich möglich sein zu sagen, „ich mag, oder ich will nicht“, ohne detailliert darauf eingehen zu müssen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren oder das Desinteresse des Gegenübers zu zeigen. Irgendwann stimmt eine Chemie immer, nur nicht jetzt aber sicher ein andermal.

    • tststs sagt:

      Mmmmhhh, bei mir ist’s genau umgekehrt. „Nein“ kommt bei mir nicht so oft vor; dafür erlaube ich mir, dies jeweils unbegründet im Raum stehen zu lassen 😉

  • Joerg Hanspeter sagt:

    „Da habe ich bereits einen Termin.“ ist viel besser als all die konstruierten Ausreden. Nie genau erklären, was für eine Art von Termin das ist, sonst kann es zu peinlichen Situationen führen, wenn man gesehen wird.

  • Henry sagt:

    Man sollte eher vorsichtig sein beim „nein“ sagen, vielleicht verpasst man was…. Sind es denn nicht die Sachen, die man am meisten bereut, die man nicht gemacht hat ?

    • Philipp Rittermann sagt:

      im guten ja. im schlechten sind es wohl die dinge, die man bereut, die man nicht richtig gemacht hat. (oder nicht aus überzeugung).

    • Henry sagt:

      Aber manchmal, lieber Herr Rittermann, sind doch die „schlechten Dinge“, sozusagen posthum, doch die interessantesten……Unser Geplänkel bezieht sicher selbstredend immer auf Pkt. 4, niemals auf Pkt.5 !

  • Massimo sagt:

    Das Problem ist doch nicht, wie sage ich Nein. Meiner Meinung nach ist das Problem bei denen Leuten, die nicht verstehen (wollen) was ein NEIN heisst.

  • Thomas M. Germann sagt:

    Wenn wir Kinder und unsere Mama am Familientisch wieder einmal zu ergründen suchten, weshalb dieser oder jener nicht an ein Dorffest, an eine Geburtstagsfeier oder an eine Beerdigung kommen wollte, sagte mein (inzwischen alter) Papa jeweils nüchtern: „Wenn er nicht will, dann will er nicht.“ Damit war die Diskussion beendet.
    Selber habe ich heute keine Hemmungen mehr, die Frage nach dem Grund meines Neins mit „Keine Lust“ zu beantworten. Damit mache ich mir selbstredend nicht immer Freunde. Na und? Die Autonomie, von der man meinen möchte, sie sei modern, ist mir das Höchste.

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