Debatten aus dem Intimbereich

VERGEWALTIGUNG, METEOROLOGE, SHOWMASTER, WETTERFROSCH,

Autorin Sibylle Berg ist unzufrieden. Die Frauen fehlen, so stellt sie in ihrer letzten Kolumne auf Spiegel online fest, wenn es um grosse Debatten geht. Frauen diskutierten zwar gerne mit, nur seien es immer die Jungs, welche diese Debatten anreissen würden, so Berg. Es sei denn, die Debatte drehe sich in irgendeiner Weise um Sexkompetenz von Intimbehaarung bis Belästigungen. Dass Frauen aber nur in Weichschnäbeler-Debatten als Leader akzeptiert und ansonsten vom bösen Feuilleton ignoriert werden, findet Frau Berg nicht in Ordnung.

Nun muss man verstehen, wie dieses Debattendings so funktioniert. Darunter versteht man eine Art Rudelverhalten von Journalisten, bei dem einer mit einer steilen These vorprescht, weitere folgen nach, man wirft sich das Thema zu und schleppt es durch Talkshows und Feuilletons, bis es keinen Mucks mehr von sich gibt, also mausetot ist. In der Schweiz wird dieser Moment meist markiert durch das Auftreten der notorisch verschnarchten NZZ, die den Balg als letzte auch noch schänden darf.

Frau Berg nun hat eine Vermutung, warum Frauen keine harten Debattenthemen lancieren. Entweder nämlich fehle den Frauen das Zeug zu grossen Thesenpapieren, wofür man eben krass polarisieren, jemanden in die Pfanne hauen oder Ähnliches muss. Oder aber die Jungs wollten den Frauen partout nicht folgen, wenn sie sich harten Themen zuwenden, wie «Datenpolitik, Krimkrise, Lanz-Rücktritt». Ernst genommen würden sie nur bei weichen Themen.

Trifft das zu? Bei den in den letzten Jahren von Frauen lancierten Debatten ging es wirklich meist um Sex, Familie oder ums Frausein allgemein, insofern hat Frau Berg recht. Doch Frauen polarisierten dabei genau so krass wie Männer. Bascha Mika wäre da etwa zu erwähnen, die als Grund für den Männerüberhang in den Führungsetagen kurzerhand die Feigheit der Frauen diagnostizierte. Oder Alice Schwarzers Prostitutionsdebatte. Oder natürlich die Aufschreidebatte über die Alltäglichkeit sexueller Belästigung.

Die zweite Frage lautet demnach: Liegt das nun an den Frauen, dass sie nur bei Themen aus dem Intimbereich gross auftrumpfen – oder sind die männlichen Kollegen tatsächlich nur dann gewillt, im Rudel mitzulaufen, wenn ein männlicher Kollegen vorausgaloppiert, wie Frau Berg andeutet? Es sind verschiedene Gründe denkbar, warum Frauen weiche Themen favorisieren: Weil es sie mehr interessiert, weil sie hier eine von männlichen Kollegen unbesetzte Nische entdeckt haben oder weil sie nur dann ernst genommen werden. Der Punkt ist aber, dass sie ihre Weichschnäbeler-Debatten keineswegs unter Ausschluss der Männer führen. Ob Aufschrei, Quote oder Prostitution – auch Männer galoppierten den Frauendebatten freudig hinterher.

Womit wir zur letzten Frage kommen: Sind Debatten um weiche Themen schlechter als die um harte Themen? Wenn ich mir anschaue, welche Themen in den vergangenen zwei bis drei Jahren überhaupt noch als Debatten geführt wurden, dann waren die oben genannten Frauenthemen gut vertreten. Natürlich kann man nun bemängeln, dass Frauen sich selten die harten Themen wie «Datenpolitik, Lanz oder Krimkrise» zur Brust nehmen, wie Frau Berg es sich vielleicht wünscht. Darin waren aber auch die Männer nicht sonderlich erfolgreich, wie das Beispiel von Sascha Lobo zeigt. Seit Jahren versucht er einsam in Sachen Datenpolitik vorzupreschen, aber es rennt keiner hinterher. Vielleicht sollte er mal Alice Schwarzer um Rat fragen.

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Bild oben: Alice Schwarzer ist immer für eine Debatte gut. Foto: Ronald Wittek/Keystone

21 Kommentare zu «Debatten aus dem Intimbereich»

  • Martin Frey sagt:

    Wenn Frauen über Intimitäten plaudern, dann interessiert das Männer nun mal. Und zwar durchwegs, was in der Natur der Sache liegt. Der Umkehrschluss ist spannender. Interessieren sich Frauen einfach weniger für Themen, die Männer interessieren? Und überlassen Frauen deshalb gerne alle Themenfelder mit viel Zahlen und trockenen Fakten gerne den Männern? Kennt jemand eine Frau die sich gerne mit der Familiensteuererklärung auseinandersetzt? Sich freiwillig ins Controlling versetzen lässt? Abendfüllend über Spreads und strukturelle Defizite Griechenlands diskutieren will? Fragen über Fragen…

  • Sascha Weibel sagt:

    Der Satz über die NZZ ist grossartig. Schon eine Weile nicht mehr so gelacht.

  • Urs Kym sagt:

    Es ist nicht so, dass es keine Frauen gibt, die harte Themen/Debatten lancieren und dabei nicht über weiblich-sexuelle Befindlichkeiten referieren. Es ist nur so, dass solche Frauen ignoriert werden. Die noch nicht so lange verstorbene Oriana Fallaci bereits vergessen ? Weiss Frau Berg überhaupt, wer das war ?

  • Zähmer sagt:

    Sibylle Berg empfiehlt, ausgerechnet Alice Schwarzer zu fragen? Um Göttinnen willen … Gibt es wirklich Frauen, die sich im Ernst mit dieser zutiefst gehässigen und absolut negativen Person identifizieren können?

  • Katharina B. sagt:

    Wer sagt denn, welche Themen „hart“ und „weich“ sind?
    Und wer oder was ist „Lanz“?

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