Waxen oder wachsen lassen?

U.S. actress Julia Roberts waves as she arrives at the premiere of the new film Notting Hill in Lond..

Der Mensch pflegt zu seinem Haar ein intimes Verhältnis. Das sagt uns schon die Sprache mit ihren zahlreichen haarigen Redewendungen. Ich verspreche, dass ich sie mir im Folgenden verkneifen werde – trotz meines Themas. Kürzlich nämlich rauschte eine Kollegin in mein Büro und unterrichtete mich empört über einen neuen Körperbehaarungstrend: Das Achselhaar ist zurück, sagte sie, warf ein Magazin auf meinen Schreibtisch und zog ein Gesicht, als hätte darin gerade eine grössere Verschiebung von Plattentektonik stattgefunden. Sie war offensichtlich wenig erfreut.

Das ist erstaunlich. Einem von sinnlosen modischen Imperativen geknechteten  Menschen sollten Trends, die keinen Aufwand erfordern, ja eigentlich höchst willkommen sein. Aber die Sache mit dem Haar ist eindeutig komplizierter.

Das entnahm ich der «NZZ am Sonntag». Der Aufmacher-Artikel des Gesellschaftsbundes widmete sich ganz dem Thema Gesichts- und Intimhaar und wartete mit interessanten Erkenntnissen auf. Zum Beispiel scheint es zwischen männlichem Gesicht und weiblicher Intimzone eine unheimliche Kongruenz zu geben. Nachdem der Bart sich in den letzten Jahren im Gesicht des modebewussten Mannes so stolz wieder ausgebreitet hat, sei dieselbe Entwicklung nun in der weiblichen Intimzone zu erwarten, hiess es. Zum Beispiel habe ein amerikanischer Modeausstatter seinen Schaufensterpuppen in New York Intimbärte angeklebt, während verschiedene Schauspielerinnen in Interviews erwähnt hätten, der Natur zwischen ihren Beinen freien Lauf zu lassen. Mir scheinen diese Indizien zwar etwas dürftig, trotzdem dürfte dem Revival des weiblichen Buschs nichts im Wege zu stehen. Denn alle diese Haartrends, so die Autorin weiter, seien nicht etwa Zufall, sondern glasklarer Ausdruck, dass Mann und Frau sich ihrer Rolle nicht mehr sicher seien.

Ich persönlich glaube kaum, dass sich tiefschürfende psychologische Interpretationen über den Zustand der Gesellschaft von der Länge des Intimhaars ablesen lassen. Etwa, dass das scheinbar wankende Dogma der Intimrasur etwas mit kollektiver pädophiler Veranlagung zu tun hatte, wie das manch eine Feministin behauptete. Dass die Länge des weiblichen Schamhaars mit der Stabilität des Selbstwertgefühls seiner Trägerin korreliert. Oder dass Frauen mit Intimrasur signalisierten, sie hätten am liebsten Sex in Pornoqualität.

Als grosse Verfechterin der Wahlfreiheit würde ich Frauen empfehlen, solche Entscheidungen nach ihrem ganz persönlichen Gusto zu treffen oder beste Freundinnen oder den Partner zu Rate zu ziehen. Schliesslich gilt es zu bedenken, zu welch unglücklichem Klettverschluss-Effekt es bei gewissen Praktiken kommen könnte, wenn der genderverwirrte Vollbartträger auf die vollbehaarte Dame trifft. Aber davon abgesehen ist ja genau dies das Schöne am Intimbereich – dass er intim ist. Und die Frage wachsen beziehungsweise waxen – oder wachsen lassen auch nicht öffentlich verhandelt werden muss.

Bild oben: Was Julia Roberts schon vor 15 Jahren wagte, wird plötzlich zum Trend: Die Schauspielerin mit unrasierten Achselhöhlen an einer Filmpremiere 1999. Foto: Keystone

47 Kommentare zu «Waxen oder wachsen lassen?»

  • Dieter Buchholz sagt:

    Nach dem Artikel in der NZZaS musste man sich schon fragen, ob Gillette der Redaktion die Gratis-Rasierer gestrichen hat, oder ob die (doch so modischen) Redaktoren sich nicht auf dem Weg „zurück zum Planet Affen“ befinden. Wie es auch sein mag, der ästhetischen Erscheinung des Menschen dient diese Publikation sicher nicht – deshalb, schnell vergessen!

  • Peter Pan sagt:

    Mein Doktorvater pflegte zu sagen: „Wissen Sie, der Mensch fängt erst beim Akademiker an.“ Wenn ich die einzelnen Kommentare so lese, denke ich, wie recht er doch hatte.

    • Jeanclaude sagt:

      Schön zu wissen, dass Sie offenbar promoviert haben. Hoffentlich haben Sie beim Abfassen Ihrer Dissertation nicht am vorgegebenen Thema vorbei- oder abgeschrieben wie in diesem Fall. Sonst müsste man sich fragen, ob es sinnvoll ist, zum Menschen befördert zu werden.

    • Ach so! sagt:

      Auch Joseph Goebbels war Akademiker!

  • Pia Strub sagt:

    Hinweis an die Heterogesellschaft: Vorallem in der Schwulenszene ist der gepflege Bart im Trend, da gibt es wohl kaum ein Abgleich mit der Intimpracht der Frau und nicht jede Frau mit lebenskräftigem und nicht abgeholztem Intimwuchs mag Männer zwischen den Beinen.

    • Luisa sagt:

      Wie jedes Kind entdeckte ich, dass Männer unterschiedlich behaart sind. Meine Grosi erklärte mir das so:
      „Als die Affen noch auf den Bäumen lebten, waren die Stämme schief. Ein paar rutschten auf dem Hintern runter. Die haben keine Haare auf dem Rücken. Einige wollten zurück, die wurden von denen auf den Bäumen kopfvoran runter geschmissen. Die haben keine Haare auf der Brust.“ „Und die mit Haaren auf dem Rücken?“ „Die wurden heruntergeschüttelt!“ Diese Erklärung kommt mir immer in den Sinn, wenn über Haare gestritten wird.
      Ueber Frauenbehaarung sagte sie nichts… Also lassen wir’s!

  • Martin Johansson sagt:

    Bei der Frage nach behaart oder unbehaart geht es auch um Körperhygiene und ästhetische Präsentation vor den Mitmenschen. Behaarte Intimstellen neigen zu Pilzbefall, Hautentzündungen und Körpergeruch, da sich Unreinheiten dort eher festsetzen. Natürlich mag es Leute geben, denen das egal ist oder die eine haarige, pickelige und nach Schweiss riechende Erscheinung anziehend finden. Körperpflege wird dann zum Thema, wenn man (v.a. engen) Kontakt zu anderen Menschen hat. Machen Sie einen Versuch: Malen Sie bei schönen Pinup-Fotos Achsel- und Schamhaare hin; immer noch schön?

    • rimaka sagt:

      FALSCH! Das Gegenteil ist der Fall. Die Schamhaare dienen dem Schutze und haben wichtige, auch erotisierende Funktionen. Die Natur hat sie nicht zum Entfernen bestimmt, sonst würden sie dort nicht wachsen. Pickel gibt es vom wegmachen. Sogar im Gesicht gibt es Männer die allergisch auf die Rasur reagieren. Körperrasur ist NUR eine Modeerscheinung und sonst gar nichts. Wer im Intimbereich übel richt, pflegt sich nicht recht. Totalrasur bei Männern finde ich abtörnend.

    • Michael Harabúz sagt:

      Haarig ist nicht gleich pickelig und nach Schweiss riechend.Wo leben Sie den eigentlich?

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