Skandalös bieder

bm

Eine geschätzte Kollegin warf vergangene Woche mit einer Kolumne eine interessante Frage auf. Im Online-Magazin «Clack» wundert sich Meret Steiger, was der Reiz daran sein soll, Star des Tages im «Blick» zu werden. Warum all die Speditionsexpertinnen und Coiffeusen aber auch Studentinnen und Schülerinnen Schlange stehen, um sich für den «Blick» auszuziehen und mit peinlichen Zitaten garnieren zu lassen, um den Voyeurismus der Stammtischnation zu bedienen. Sie findet das, wenn ich es richtig verstanden habe, ein bisschen bieder. Und wo sich der Geifer Bahn bricht, nämlich in den anonymen Online-Kommenatren zu den Bildern, auch ein bisschen gruslig. Doch dann schliesst Meret Steiger mit dem merkwürdigen Satz, dass sie selbst sich nur für eine Zeitschrift ausziehen würde, nämlich fürs «Penthouse».

Das gab mir zu denken, wobei ich feststellen musste, dass ich dieses simple Thema höchst kompliziert finde. Grundsätzlich taugen diese halbnackten Girls, die ja eher Muttis und Studis sind, nämlich kaum mehr zum Skandal. Höchstens vom elitären Standpunkt, weil sie bieder rüberkommen. Das sagt Frau Steiger, die sich ja nur für «Penthouse» ausziehen würde. Und obschon ich nicht ganz verstehe, wo genau der Unterschied liegt, ob man sich für «Blick» oder «Penthouse» auszieht, weiss ich doch, dass es bezüglich Wirkung einen ganz entscheidenden Unterschied macht.

Dass das Reservoir an Frauen, die sich nackt im «Blick» zeigen wollen, unerschöpflich ist, erstaunt mich erst mal gar nicht. Männer schauen gern, Frauen zeigen sich gern – und die Rubrik «Star des Tages» zapft nur brachliegende Ressourcen an. Die andere Frage ist, was es bedeutet, wenn Frauen einzig und allein deshalb auf den Titelseiten erscheinen, weil sie Titten und Ärsche an die frische Luft halten. Und ob da nicht die Gefahr droht, dass Frauen entwürdigt und im Kontext des Arbeitslebens nicht mehr ernst genommen werden. Und ob Männer so vielleicht gar dazu konditioniert werden könnten, Frauen bloss als Sexobjekte zu sehen.

Dies jedenfalls sind die Argumente einer Petition, welche in England gerade zu reden gibt. «Turn your back on page 3» nennt sich eine Gruppe von Initiantinnen, die am 17. November zur nationalen Kundgebung gegen Möpse und Strapsen in der «Sun» aufgerufen haben. Bereits 17’000 Unterschriften sind zusammengekommen, um das Anliegen zu unterstützen, welches die Initiantinnen in einem offenen Brief an Dominic Mohan, Chefredaktor der britischen Tageszeitung, formuliert hatten. Schliesslich würden auch nicht die Nachrichten unterbrochen, um schnell ein paar Bilder von nackten Frauen dazwischen zu schneiden. Auf ihrer Facebook-Seite und auf Twitter machen die Initiantinnen deutlich, was sie stört, indem sie zeigen, dass solche Sexbilder immer und immer wieder im Kontext reisserischer Artikel über Vergewaltigungen und Kindsmissbrauch publiziert werden.

Das ist natürlich störend, vor allem in dem Mass, wie es die britische Boulevardpresse betreibt. Und tatsächlich geht es hier immer um eine Frage des Masses, denn was heute an Kleiderordnung noch durchgeht, galt noch vor zwanzig Jahren als pornographisch. Ich persönlich glaube auch nicht, dass Männer durch den Anblick von Frauen in Boulevardmedien zu Gewalt gegen Frauen konditioniert werden. Ebenso wenig finde ich, dass Frauen per se degradiert werden, wenn sie sich nackt zeigen. Allerdings ist es ja gerade die Boulevardpresse, die alles daran setzt, Frauen aufgrund ihres sexualisierten Körpers zu skandalisieren, was dann wieder tiefe Einblicke in die Doppelmoral erlaubt. Und ich mache mir auch keine Illusionen darüber, wie am «Blick»-Konferenztisch über die Girls diskutiert wird. Vielleicht würden sich diese dann weniger für ihren Auftritt begeistern.

Vielleicht sind die «Blick»-Girl mir deshalb irgendwie peinlich. So wie es peinlich wäre, wenn die Arbeitskollegen Bilder nackter Frauen in den Büros hängen hätten. So kann man doch einfach nicht arbeiten. Das stelle ich immer wieder fest, wenn ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Printscout den Blick nach News durchforsten sollte und mich regelmässig dabei ertappe, wie ich Zeit verplempere, indem ich selbstvergessen den Star des Tages anglotze. Hallo Über-Ich, könnten Sie vielleicht mal das Es disziplinieren? Und jetzt stelle man sich vor, dort würden nicht bloss Füdlibacken und nett verpackte Euter gezeigt, sondern richtige «Penthouse»-Bilder? Mein Gott.

Vielleicht bin ich ja bieder, aber ich finde, man sollte gewisse Dinge trennen. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Pornografie, und trotzdem stört es mich, wenn ich mir in einem Kinofilm plötzlich explizite Sexszenen anschauen muss. Und ich möchte auch nicht, dass die Tagesschau plötzlich unterbrochen wird, um ein paar Frauen in Strapsen einzublenden. Könnten wir uns nicht einfach darauf einigen, dass es Zonen geben sollte, in denen es keine Titten braucht? Und vielleicht ist eine Zeitung, die über Politik und Wirtschaft und Vergewaltigungen und Kindsmissbrauch berichtet, wirklich nicht der ideale Platz dafür.

Bild oben: «Blick»-Ausgabe mit Star Lea vom 14. Oktober 2009.

45 Kommentare zu «Skandalös bieder»

  • Katharina sagt:

    Einmal mehr finde ich Ihren Schlusssatz treffend!
    Nichts gegen erotische oder auch pornographische Bilder – aber für alles gibt es doch einen richtigen Ort und eine richtige Zeit.
    Das Schlimme an der Pornographie ist nicht, dass es sie gibt, sondern dass man sich ihr z.Z. kaum entziehen kann. Ich würde lieber *freiwillig* Pornographie konsumieren! Und zwar dann, wenn mir drum ist. Und nicht im Bus, nicht zum Frühstück und auch nicht während den Nachrichten.

  • Tanja von Muralt sagt:

    Es ist wirklich erstaunlich, dass diese halbnackten Girls in den Boulevard-Zeitungen überlebt haben, angesichts der gigantischen Konkurrenz.
    Weil im Zeitalter des Internets ist die Entfernung zwischen Presse und Pornografie radikal geschrumpft. Sie beträgt in jeder Richtung nur noch einen einzigen Click, egal ob es sich um schlüpfrige Bildli oder abartigste Perversionen handelt (Sex mit Tieren, Kinderpornos usw.)

  • Elisabeth Brunner sagt:

    zum ganzen Nackedei-Rummel: wo bleibt denn da die Gleichberechtigung? Ich als Leserin (Jg. 1940) wünsche mir doch schön abwechslungsweise je einen nackten Mann und eine nackte Frau.

  • Eddy Beutter sagt:

    Werte Frau Binswanger,
    Die ganz Thematik scheint mir ein wenig überbewertet und verdient nicht mehr als eine vielleicht etwas simplistische Erklärung: Man versucht mit heute leider etwas primitivem „Glüsteler-Journalismus“ den stetigen Schwund an Auflagen einzudämmen und somit auch einigen profilsüchtigen eine Plattform zu bieten, anstelle sich mal nachhaltig mit der Qualität des Inhalts auseinanderzusetzen. Das jedoch braucht ein wenig Selbstkritik, nicht Jedermanns Sache. Scheinbar funktionniert unsere Konsumgesellschaft eben so heute, schade.

  • Martin sagt:

    Ich kann mich Katharina nur anschliessen. Man wird mit solchen Bildern ständig konfrontiert – ob man will oder nicht. Ich frage mich manchmal, was für ein Frauenbild sollen da Kinder und Pubertierende bekommen? Neben einer Schiesserei wird eine halbnackte Frau abgebildet – warum? Im Autosalon stehen hübsche Frauen neben den Autos – weshalb? Im Rai-TV tragen alle Frauen kürzeste Miniröcke – Grund? Die Frauen sind sich für nichts du doof und werden nur zu Dekorationszwecken eingesetzt und um Männer bei Laune zu halten. Das wirkt auf mich nur billig, peinlich und fantasielos.

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