Mysteriöse Männerdepression

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Arme Männer. Keine Woche vergeht, ohne dass nicht ein neues Problem entdeckt wird, an dem sie neuerdings leiden sollen. Besonders aktuell im Bereich Körperwahrnehmung zu beobachten, wo vom starken Geschlecht erwartet wird, dass es sich zu trimmen hat und mit entsprechender Muskelmasse aufwartet. Moderat betrieben ist dagegen auch nichts auszusetzen, zumal ein besseres Körperbewusstsein meistens dazu führt, dass man sich auch sonst besser fühlt.

Doch schon kommen die Warner. Exzessiver Sport, so belehrte mich ein Freund vergangene Woche, könne ein Anzeichen von Männerderpession sein. Ebenso Aggression, Drogenmissbrauch und Alkoholkonsum. Besorgt, dass die meisten meiner männlichen Bekannten vielleicht unter einer unerkannten Männerdepression leiden könnten, fragte ich Google und stiess auf der Seite Depression.ch auf folgende Definition: «Männer, die an einer Männerdepression leiden, fühlen sich nicht krank. Das gehört zum Krankheitsbild. Nur hie und da nehmen die betroffenen Männer ein Gefühl von Erschöpfung oder Traurigkeit wahr.»

Wenn ich mir diese Definition so anschaue, kann es nur einen gültigen Schluss geben: Nicht nur ich, sondern auch ein guter Teil meines Umfelds leidet an einer Männerdepression: Ich fühle mich nicht krank, fühle mich aber gelegentlich niedergeschlagen, ja manchmal sogar erschöpft – kurioserweise meistens während der prämenstruellen Phase. Heisst das vielleicht, ich leide unter einer Männerdepression, oder könnte es sein, dass dieser Eintrag sträflich unspezifisch ist? Als ich noch ein bisschen weitergoogelte stiess ich unter dem Titel «Bloss kein Gequatsche» auf eine Reportage über eine auf Männerdepressionen spezialisierte Klinik. Männer, heisst es da, seien anders depressiv als Frauen und müssten anders behandelt werden. Dies sei deshalb nötig, weil Männer vor Frauen Hemmungen hätten, über Gefühle zu reden. Ausserdem zeigten sie wenig Interesse an den üblichen angebotenen begleitenden Beschäftigungstherapien «Sie lehnen die üblichen stationären Programme wie Seidenmalerei, Körbeflechten oder Tanzen in der Regel ab.» Das fand ich dann wieder wenig erstaunlich.

Eine klinische Depression ist wahrhaftig nichts, worüber man Witze reissen könnte – aufgewachsen mit einer schwer depressiven Frau im näheren Umfeld ist mir dies wohl bewusst. Genau deshalb finde ich die Tendenz ärgerlich, sich bei der kleinsten Missstimmung als depressiv zu bezeichnen und in die umsorgenden Arme von Medizinern und Pharmaindustrie zu begeben. Sicher ist es gut, wenn man Männer mit spezifischen Symptomen nicht ins Seidenmalen schickt, sondern auf sie zugeschnittene Therapieformen findet. Aber ihnen pauschal zu versichern, alles, was ihnen Spass macht, könne ein Krankheitssymptom sein – vor allem, wenn sie sich nicht krank fühlten, ist doof.

Bild oben: Körperkult als Ausdruck einer Depression? Boxer beim Training. (Foto: Getty)

14 Kommentare zu «Mysteriöse Männerdepression»

  • Christoph Bögli sagt:

    Diese psychische Pathologisierung der Gesellschaft nervt doch eh nur noch, es gibt ja kaum ein Verhalten oder eine Stimmung, die nicht für eine Störung herhalten muss. Alleine dass man nicht aufgrund einer Situation einfach mal schelcht drauf sein darf, sondern sich gefälligst gleich zu therapieren habe (wohl damit man bloss niemandem auf die Nerven geht), ist absurd, wenn aber nun noch ein normales Stimmungsbild und Sport als Depression verbucht werden ist das nur noch jenseitig. Insbesondere ist sowas auch eine Frechheit jenen gegenüber, die an einer echten Depression leiden..

  • Christian Baer sagt:

    Ich mache seit Jahren Sport, kam aber irgendwie nicht weiter. Letzthin hat sich bei einem zufälligen „Strassentest“ der Lungenliga herausgestellt, dass ich, ohne es zu wissen, Asthma habe. Jetzt nehme ich Medikamente und es geht mir besser. – Seither finde das Erkennen und Behandeln einer selber nicht wahrgenommenen Krankheit überhaupt nicht doof. – Und die Depression ist eine Krankheit.

    PS: Ich bin zwar, liebe Frau Binswanger, nicht immer Ihrer Meinung, aber fürwahr, schreiben können Sie.

  • Muttis Liebling sagt:

    Es gibt sehr wenige Patienten mit einer echten Depression, aber unheimlich viele mit Depressiönchen.
    Die echte kann man nicht übersehen und landet entweder in der Psychiatrie oder auf dem Friedhof.
    Die anderen landen eher in Frauenzeitschriften oder in anderen Massenpublikationen.

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