Sexting ist cool!

bonbons270x270

Wäre ich heute eine Jugendliche, ich würde den ganzen Tag Sexting betreiben. So sähe mein Plan aus, der die Sorgenfalten von Erwachsenen zu Gletscherspalten in deren schockgefrorenem Antlitz werden lassen sollte. Nicht, dass ich Sexting gut fände, im Gegenteil, ich selber führe Workshops mit Jugend­lichen zum Thema Castings durch, zeige auf, wie man seriöse Filmangebote von unseriösen unterscheidet, und warne vor dem Verschicken von freizügigen Bildern.

Aber ich verstehe jeden jungen Menschen, der die Warnungen von Eltern, Lehrern und Jugendarbeitern in den Wind schlägt und aus Trotz das Verbotene tut. Denn während wir von den Jungen Vorsicht im Umgang mit ihren Fotos verlangen und sie vor bösen Menschen warnen, die diese verbreiten könnten, fluten wir sämt­liche Kanäle mit Bildern von Fremden, die öffentlich zum Abschuss freigegeben werden. In der Welt der Social Media bedeutet Abschuss: Lächerlichmachen, Erniedrigen, mit Obszönitäten bedenken.

So fotografiert eine Bekannte mit Vorliebe dicke Menschen beim Essen in Schnellrestaurants, um sie dem Rudel sensationshungriger Freunde zur Belustigung zu servieren, garniert mit Kommentaren à la «so hält sie ihre traumhafte BMI35-Figur» oder auch mal «ohne Worte», weil die aus der Hose quellenden Fettpolster einer üppigen Dame wie jeder gute Bildwitz auch ohne verbalen Zusatz funktionieren. Ein selbst ernannter Modewächter hat nichts Besseres zu tun, als «Stylingsünden» von Passanten heimlich abzulichten und zu veröffentlichen. Leggins an kurzen Beinen, so liest man bei ihm, sei der «Mode-Holocaust» oder verursache zumindest «Augenkrebs».

Andernorts werden Bilder von Damen mit aufgespritzten Lippen oder den sichtbaren Folgen misslungener Schönheitsbehandlungen als ganz besonderer Nervenkitzel für die Wächter der Toleranzgrenze angeboten. Und keiner sagt: Gehts euch noch gut? Hat euch irgendwer ins Hirn masturbiert? Glaubt ihr allen Ernstes, dass Leggins, dicke Hintern und geliftete Gesichter die Menschheit bedrohen? Offenbar verwirkt, wer sich gehen oder verunstalten lässt, zwar nicht sein Recht auf Leben, aber doch sein Recht am eigenen Bild. Denn natürlich werden die zu Verspottenden ohne deren Wissen und Einverständnis fotografiert. In den erwähnten Fällen sind die Gesichter gut zu erkennen. In anderen hat der Fotografierende den minimalen
Anstand, sie nicht zu zeigen. Eine Grenzüberschreitung ist beides. Bei Prominenten aller Art mag ein gewisses Quantum an medialer Blossstellung angehen, aber nicht etwa, weil diese der Preis der Berühmtheit wäre,
sondern überhaupt deren Voraus­setzung ist. Ich kann nicht gleichzeitig aus der Masse herausragen und in ihr untergehen.

Aber es sind ja gerade auch die unvorteilhaften Bilder ganz normaler Menschen, die jahrelang durchs Internet geistern. Inzwischen sind mehrere Fälle von versuchtem oder durchgeführtem Suizid aufgrund solcher Blossstellungen verbürgt. Wäre ich heute eine Jugendliche, ich griffe auch zum Handy, um wenigstens diejenigen Bilder von mir in Umlauf zu bringen, die mir vorteilhaft erscheinen. Die Folgen können fatal sein. Das von uns Erwachsenen verurteile Fehlverhalten von Jugendlichen war und ist immer auch ein ausgezeichneter Wegweiser für unsere eigenen Gruppenzwänge und Tabus. Aber welche Kampagne warnt uns vor unserem Tun?

Kommentarfunktion deaktiviert.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.