Ist Lesen in Mode?

LEIPZIGER BUCHMESSE,

Es gibt eine Auffassung, meine Damen und Herren, wonach heutzutage, jedenfalls in unserem Teil der Welt, der Verbrauch materieller Güter die Kulturtechnik des Lesens ersetze. Während der Mensch früher Identitätserprobung und Selbstfindung vermittels Lektüre praktiziert hätte, geschehe dies heute durch Konsum; eine hochdifferenzierte Warenwelt impliziere dabei einen Zwang zur Festlegung, indem jeder kleine Kauf zum Akt der Persönlichkeitskonstitution gerate und Authentizität quasi nur eine Variable in diesem ewigen Spiel der Tauschwerte sei. Das Neue werde in der Konsumgesellschaft zum Wert an sich, die Welt und die Dogmen des Konsums breiteten sich aus in alle Sphären, bis in die Politik, die den Wähler und Bürger zum Konsumenten herabstufe, der ständig nurmehr auf den nächsten Reiz warte.

Ich bin, was den treuen Leser dieses Magazins nicht überraschen wird, entschieden nicht dieser Auffassung. Zunächst teile ich nicht die Einschätzung, dass Lesen aus der Mode wäre. Genauer: Ich teile nicht die Auffassung, dass in unseren herrlich beschleunigten Zeiten die alte, gemächlichere Kulturtechnik des Lesens verdrängt würde durch eine neue des entfesselten Konsums materieller Güter. Wenn Sie mich fragen, verhält es sich vielmehr so, dass das Buch als Gut genau jene Dynamik mitmacht, die die Experten für sämtliche anderen Güter von Unterhosen über Joghurt bis zu Pfeffermühlen feststellen: Es (das Buch) durchläuft eine vielfache modische Differenzierung.

Das heisst: Literatur (oder das, was mit diesem Etikett heutzutage versehen wird) wird durchaus nicht ignoriert; sondern sie wird konsumiert, konsumiert wie alle anderen menschlichen Artefakte, und wenn die Modisierung alle Bereiche durchdringt, so natürlich auch die des geschriebenen Worts; wenn zunehmend sämtliche Produkte der Mode unterliegen, so auch Bücher: Die Literatur erlebt einfach eine komplexe Ausdifferenzierung, und so wie manche Konsumenten eine sinnstiftende Alltagsästhetisierung und die Illusion eines balancierten Daseins durch den Kauf probiotischen Joghurts erfahren, so realisieren dies andere durch den Erwerb und Konsum von Büchern mit Titeln wie «Anständig essen» oder «Empört Euch!» oder «Mobbing». Da besteht kein qualitativer Unterschied. Das, meine Damen und Herren, ist Literatur als Modeerscheinung. Und auch wenn ich ein Buch wie «Anständig essen» nicht mit der Kneifzange anfassen würde, so möchte ich doch gerne festhalten, dass die beschriebene Ausdifferenzierung der Angebotspalette an Literatur zunächst per se weder gut noch schlecht ist, sondern rein phänomenal. Mit wiederum anderen Worten: Es gibt Literatur (wir verwenden dies Wort hier qualitätsneutral) für jeden Geschmack, und eigentlich war das auch schon immer so, Literatur war stets Modeströmungen unterworfen, bloss ist heute, wie bei Joghurt, das Spektrum breiter denn je.

«Modern» vs. «modisch»

Natürlich ist das dann bei genauerem Hinsehen doch wieder in dem Sinne bedenklich, als dass «modisch» ja bedeutet, einer Konvention zu entsprechen, und diesbezüglich lassen sich mit Blick auf den gegenwärtigen Kulturstand zwei Konventionen ausmachen, die die Waren- und damit auch die Bücherwelt prägen, nämlich Verflachung (und das ist euphemistisch für Verdummung) einerseits und Ideologisierung andererseits. Und das lässt dann so Titel erscheinen wie Susanne Fröhlichs Molligentrostbücher für weibliche Singles (= extrem ausdifferenzierte Verdummung) einerseits und Tendenzliteratur für den selbsterkannten politisch korrekten Gutmenschen andererseits, zum Beispiel verfasst von Frau Juli Zeh, die in der Schreibschule gelernt hat und streng im Dienste der Partei tippt, eine typisch deutsche Erscheinung. (Typisch deutsch ist auch, dass die Partei gelegentlich wechselt.)

Und dies bringt uns zur eigentlichen Tragik: der schlechten Qualität, der Belanglosigkeit, der Unerheblichkeit gerade jener zeitgenössischen Literatur, die sich irgendwie als «kritisch» versteht (wobei Literatur, die sich als irgendwas versteht, eigentlich von vornherein immer schlimm ist). Der abgeschmackte Einwand einer endlos desavouierten linken Kulturkritik, die, sich wie üblich im Tone vergreifend, eine globalisierte Warenkultur zum neuen Totalitarismus erklärt, der den Menschen nötige, seine innere Leere mit der Erfüllung ständig frischer Konsumimperative zu übertünchen, dieser Einwand zeigt, so plakativ und dogmatisch er ist, unwillkürlich ein anderes Manko auf, und dies ist in der Tat beklagenswert: Die offenbar inhärente Tragik der modernen, freien, emanzipierten Konsumgesellschaft besteht darinnen, dass sie keine oder jedenfalls wenig geistvolle Gegner hat, namentlich nicht auf dem Feld der Literaten.

Das Paradoxon, dass Bücher scheinbar daneben stehen, ausserhalb des Systems, doch in Wahrheit bloss differenzierte Angebote im Rahmen der vorhandenen Konsumstrukturen sind, wie etwa das erwähnte Machwerk einer gewissen Frau Duve namens «Anständig essen», das die Selbstsattheit schon im Titel trägt, ist vielleicht typisch für die Kulturlandschaft unserer Tage. Der durch diverse gefühlte Wirtschaftskrisen forcierte Trend zu Weniger, die ostentative Übung im Verzicht, ist in der Tat ein Wohlstandsphänomen und eine Modeerscheinung, und insofern ist die damit verbundene Literatur tatsächlich eine Modeerscheinung. Das allein wertet diese Art von Literatur nicht ab – wohl aber der Umstand, dass sie missionarisch wirken will, dass sie belehrend und altklug und naiv ist, wie die künstlerisch wertlosen Romane von Damen wie Juli Zeh oder Annette Pehnt. Das sind Leute, die in sozialkritischen Gemeinplätzen baden, deren höhere Dummheit sich als pawlowmässig automatisierte kritische Geste in Anschlag bringt, die dünkelhaft jeder Situation aufgepfropft wird. Eurgh! Literatur mit Zielsetzung ist, wir sagten es schon, immer schlecht. Wie Golo Mann 1972 aus Anlass von Heinrich Heines 175. Geburtstag feststellte: «Zur Theorie der Revolution braucht man keine Dichter; wissenschaftliche Schriftsteller braucht man dazu, einige gute, viele mittelmässige.»

Kulturformen des Humors

Golo Mann beendet seinen Heine-Essay, mit Bezug auf jene berühmten Verse aus dem «Wintermärchen», wie folgt: «In unseren Weltgegenden wenigstens haben wir ja heute Brot genug für alle Menschenkinder, und Zuckererbsen auch, wenn darunter etwa die Fülle nützlicher und unnützlicher Kaufhausware verstanden werden soll. Wir haben den Himmel den Engeln und den Spatzen überlassen. An die Welt ohne Sünde, die Lustgesellschaft, die permissive society – auch an sie sind wir unglaublich nahe herangekommen. Aber Rosen und Myrthen sind ausgeblieben. An ihrer Stelle plagen uns viele graue Schlacken.»

Was also ist die Lösung? Was würde eine Literatur auszeichnen, die nicht modisch, sondern modern ist? Die Antwort auf all diese Fragen ist nicht neu und besteht aus einem Wort, einer Qualität, einer Kulturpraxis, die im deutschen Sprachraum verlorenzugehen droht, obschon die deutsche Sprache ihr reiche Möglichkeiten öffnet. Ich rede von: Ironie. Die Kunsthaltung der Ironie ist mit jeder literarischen Gattung verträglich, in der Tat ist ihr auch immer etwas Tragisches eingeschrieben, eine gewisse Melancholie; doch wird sie namentlich in Deutschland mit Humor in Verbindung gebracht, und Humor wird in Deutschland – und im deutschsprachigen Raum überhaupt – vor allem materiell, also inhaltlich verstanden, er gilt als Beruf, als ein Fach; nicht als Haltung, nicht als Form des Auftritts und Ausdrucks, wie in der angelsächsischen Sphäre.

Dieses Verständnis von Humor als Profession und Disziplin führt dann dazu, dass Komik ein hermetischer Bereich wird, wo schmerbäuchige Verlierertypen oder ein homophober Versicherungskaufmann mit Zeugen-Jehovas-Hintergrund als sogenannte Comedians Massenerfolge feiern. Und den gehobenen Anspruch bedienen Kolloquien und selbstgekürte Kabarettisten, die spätabends auf 3sat ihre entbehrlichen Privatmeinungen und Erlebnisse beim Ikea-Einkauf als Pointen anbieten. Und irgendwo dazwischen trötet dieses schwule Backpfeifengesicht aus der deutschen Provinz, das gerade mit seinem sogenannten «Quatsch Comedy Club» das arme Zürcher Kaufleuten malträtiert. Eurgh!

Ironie ist niemals fortschrittlich

Der deutsche Sprachraum, die Heimat von Heine und Fontane, von Kerr und Kästner, verliert seine Fähigkeit zur Ironie. Warum ist das so? Nicht zuletzt weil der Hort der Sprache, die Literatur, dort grossteils noch immer von einem miesepetrigen Betrieb verwaltet wird, der seit 1945 und bis heute reflexartig jede Form von Humor beargwöhnt. Dass für die Vertreter der deutschsprachigen feuilletonistischen Mittelklasse Humor mit Literatur schlechterdings unvereinbar ist, hängt zusammen mit einem Kunstverständnis, welches noch aus der Romantik herrührt – beziehungsweise aus jenem verunglückten Strang der Romantik, der nichts von der Autonomie des Kunstwerkes hält, sondern Kunst allübergreifend engagiert und gesellschaftlich belangvoll haben möchte, und das heisst natürlich auch: entsublimiert und möglichst humorfrei. So wie bei Juli Zeh. Die Ironie nicht mal dann erkennen würde, wenn man ihr damit auf den Kopf haute.

Schliesslich aber wird Ironie im politisch korrekten deutschen Sprachraum heute auch deshalb wenig geachtet, weil ihr in der Tat ein konservatives Element eingeschrieben ist. In den (ihrerseits ironischen) Worten von Thomas Mann: Ironie ist niemals fortschrittlich. Womit er meinte: Sie schreitet nicht voran, ohne sich umzudrehen, sie ist leiser, bedächtiger, sie versucht, im Unernst das Gute zu bewahren, sie kennt die fehlerhafte Verfassung des Menschen und weiss doch, dass dem Fortschritt die Zukunft gehört. Fundamentalisten sind niemals ironisch. Ebendies postulierte Thomas Mann in seinen 1918 erschienenen «Betrachtungen eines Unpolitischen», einem leicht monströsen Essay, worinnen der Dichter den ironischen Konservativen mit dem doktrinären Zivilisationsliteraten kontrastiert. Letzterer wolle den Fortschritt «mit Peitsche und Sporn» vorantreiben.

Und auch heute noch scheint gerade Deutschland ein Landstrich zu sein, wo politisierende Schriftsteller und moralisierende Wutbürger (was für ein deutsches Wort!) ihr Geschäft mit Peitsche und Sporn betreiben. Aber leider breitet sich diese antiliberale Haltung auch in unserer schönen Schweiz, bisher der einzigen Feste eines beinahe angelsächsischen Pragmatismus in Europa, immer mehr aus. Wie Herpes. Vielleicht jedoch könnte man ja stattdessen, wenn man schon dauernd von neuer souveräner Bürgerlichkeit spricht, tatsächlich einmal die bürgerliche Tugend der ironischen Gelassenheit versuchsweise wiederbeleben. Das wäre viel mehr als nur eine literarische Revolution. Das wäre ein Umdenken in allen gesellschaftlichen Bereichen. Gegen Humor als Beruf und gegen die Humorfreiheit als öffentliche Übereinkunft und gegen die Ideologisierung des politischen Diskurses. Aber das ist Arbeit. Schliesslich gilt auch hier das Diktum der eisernen Tochter eines Lebensmittelhändlers aus Grantham: Nothing is more obstinate than a fashionable consensus.

Bild oben: Stand eines Buchverlags an der Leipziger Buchmesse 2014.
Foto: Hendrik Schmidt (EPA)