Der scheinheilige Blick

AUTO, AUTOMESSE, AUTOSCHAU, AUTOSALON, AUTO SHOW,

Lieber «Blick am Abend»

Wir müssen reden. Ich weiss, du bist kein Intellektuellenblatt und willst es auch nicht sein. Aber in jüngster Zeit beschleicht mich der Verdacht, dass du unter einer gravierenden Persönlichkeitsstörung leidest, vielleicht ist es auch Alzheimer – jedenfalls bist du nicht mehr wiederzuerkennen, wie du da orientierungslos vor dich hin salbaderst. Als Pendlerin wusste ich dein Bemühen um leichte Unterhaltung immer zu schätzen. Wenn ich meine müden Knochen mit letzter Energie auf den Zug heimwärts schleppe und die geistige Energie zu gar nichts mehr reicht, dann nehme ich gerne deine himbeerfarbenen Seiten zur Hand, um herauszufinden, welche Geschichten des Tages du weiterziehst. Meistens bleibt mein Blick dann an unfreiwillig komischen Rubriken wie «Single des Tages» oder «Glogger mailt …» hängen, und dann freue ich mich, dass es doch noch Dinge gibt, auf die Verlass ist, und sei es auch nur die rührende Naivität der Selbstbeschreibungen jener Singles oder die fortschreitende Verblödung eines Kolumnisten.

Vergangene Woche aber ist etwas Seltsames mit dir geschehen, beziehungsweise mit mir, als ich dich zur Hand nahm. Anlass war der Auto-Salon in Genf, für Boulevardmedien ein willkommener Anlass, alljährlich einen Haufen sexistischen Müll abzusondern. Doch während das Newsportal «Watson» wacker über «Autoporno» hyperventilierte und bescheuerte Entscheidungshilfe-Karten für Frauen erstellte, die nicht wissen, wie sie ihr Traumauto finden können, machtest du mit der Headline auf: «Stand-Girls vom Autosalon klagen: Die Männer sind peinlich.»

Lieber «Blick am Abend» – wenn ich so etwas auf deiner Frontseite lesen muss, dann bin ich verwirrt. Denn weiter heisst es da:

– Die Hostessen fühlen sich als Freiwild für Salonbesucher.
– «Sie starren uns an und verlangen plump unsere Handynummer.»
– Einige fotografieren mit Schuhkameras unter den Rock.

Das wirft nun natürlich nicht das beste Licht auf die Männer im Allgemeinen und die Auto-Salon-Besucher im Besonderen. Aber warum, lieber «Blick am Abend», machst du denn diese Geschichte – als Medium, das genau mit demselben Schlüsselloch-Geifer-Blick seine Zeitungen verkauft? Hast du etwa Ambitionen, dich zum feministischen Kampfblatt zu mausern?

Nicht doch. Woher diese Geschichte kommt, weiss ich nicht, wohl aber, dass sie übel bigott ist. Der Text dazu ist selbstverständlich mit besagten Hostessen bebildert, alle knapp berockt und in hohen Hacken. Was ja gut und schön ist, aber warum so pseudo-engagiert? Auf den «Blick am Abend»-Boxen, in denen du aufliegst, prangt dazu nämlich die Werbung: Die heissesten Boxenluder vom Auto-Salon. Und auf der nämlichen Titelseite mit der Hostessen-Geschichte eine weitere Werbung für eine deiner unsagbar schlecht gemachten Listen mit dem Titel: «10 Dinge, die Frauen machen und total unsexy sind». Im Text informierst du uns dann über die weiblichen «Tricks, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken». Dazu gehören: Die Duck-Face-Pose, falsche Lippenstiftfarbe, zu hohe Absätze, falsche Fotoposen, zu viel Schminke, Push-up-BH und Haar-Extensions.

Ja, wie jetzt: Wünscht du dir etwa ungeschminkte Frauen in flachen Schuhen und mit kurzen Haaren? Damit sie dann für Männer vom Schlage des typischen Auto-Salon-Besuchers, wie du ihn beschreibst, auch nicht mehr Freiwild sind? Aber worüber willst du dann deine Titelgeschichten schreiben? Oder ist es vielleicht so, dass du selber keine Ahnung mehr hast, was du da eigentlich machst und wie es mit dir weitergehen soll? Und ist das vielleicht auch der Grund, warum es dir Einschaltquoten-technisch so schlecht geht, wie man hört? Ich vermute Letzteres. Und empfehle, dass du dir und uns diesen bigotten Schund in Zukunft ersparst. Genauso wie diese überflüssigen Listen dazu, wie du die Frauen gerne haben, beziehungsweise nicht haben möchtest.

Mit freundlichem Gruss

Michèle Binswanger

31 Kommentare zu «Der scheinheilige Blick»

  • Danny sagt:

    Der „Blick am Abend“ ist da nicht zum ersten Mal scheinheilig. Ein Beispiel jüngeren Datums: Am Tag nach der Ausstrahlung einer Folge des „Bestatters“, in der jemandes Gesicht in kochendes Wasser (oder etwas Ähnliches) gedrückt worden war, ärgerte sich der „BaA“ darüber, dass man dieses Bild mehrere Sekunden lang am frühen Abend sehen konnte. Man solle doch an die Kinder denken! Bebildert war der Artikel mit eben jener Leiche in Grossformat, und das am frühen Nachmittag und so lange sichtbar, wie jemand eben hinsehen wollte.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.