Der Schatz vor der Haustür

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Wenn Sie das hier lesen, meine Damen und Herren, laufe ich wahrscheinlich gerade in Berlin auf der ITB herum, der weltgrössten Tourismusmesse, wo die Schätze des Planeten ausgebreitet werden vor den mehr oder weniger begierigen Augen von Reise-Fachwelt und Publikum. Und wissen Sie, was mir dazu einfällt? Europa! Ahh, Europa, Du kleiner, zweitkleinster, von seinen Bewohnern so gerne unterschätzter Kontinent! So nah beieinander wird hier dem staunenden Auge des Besuchers so viel geboten – wenn er es denn sehen will. Bisweilen müssen wir Europäer, die wir gern in alle Welt reisen, uns von Besuchern aus Übersee daran erinnern lassen, welche Schätze sich hier bei uns zuhaus auf engstem Raume geradezu aufhäufen. Und ebendiese Schatzkammer, die Europa ist, will ich nun mit Ihnen kurz durchstreifen, meine Damen und Herren. Dafür beginnen wir im Herzen des Kontinents, wo ein kleines, reiches Land liegt, reich auch an Kultur und Geschichte, ein Land, das doch von vielen innen wie aussen gern im Gegensatz zu Europa gesehen wird (obschon es im Grunde Europa im Kleinen verkörpert): Ich spreche natürlich von der Schweiz, unserem lieblichen Heimatland. Dessen Bevölkerung sich in der Vorstellung vieler Menschen vorzüglich mit der Herstellung von Käse, Schokolade und Uhren sowie mit der Verriegelung der Grenzen beschäftigt, und ab und zu liefern Damen und Herren aus aller Welt ihr Geld in Koffern ab. Das stimmt selbstverständlich vorne und hinten nicht. In Wahrheit ist die Schweizerische Eidgenossenschaft einer der ältesten und schönsten Flecken der Welt, mit funkelnden Seen besetzt und beschirmt von majestätischen Bergmassiven, in deren Täler sich Städte und Städtchen schmiegen, die wie zur Labsal und Erquickung müder Herzen hingezaubert aussehen mit ihren windschiefen Häuslein, altererbten Zunfthäusern, verträumten Gässchen und malerischen Ecken und Winkeln. So stellt man sich Europa vor. In Disney World. Die Schweiz ist ausserdem, wie wir gerade wieder erleben, als neutrales Land ein wichtiger Pol und Partner bei internationalen Verhandlungen. Also alles schick. Wir müssen einfach nur ein bisschen aufpassen, gerade hier in der Deutschschweiz, dass wir nicht wieder in eine leicht DDR-artige Düsternis abgleiten, wie sie den Hintergrund für die bis heute bekannteste Filmkreation unserer Heimat abgab: «Die Schweizermacher» von 1978. So viel dazu. Ansonsten dürfte feststehen, dass Genf neben Zürich mutmasslich eine der letzten Städte auf der Welt (ausserhalb von Italien) ist, wo man zu jeder Jahreszeit mit Sonnenbrille und Pelzmantel auf die Strasse gehen kann, ohne schief angesehen zu werden.

Berlin

Von Zürich aus ist man in einer guten Flugstunden in so unterschiedlichen Gefilden wie Barcelona, London … und Berlin. Wohin wir uns als nächstes begeben. Wer in Zürich wohnt, dem kommt Berlin, meine Geburtsstadt, bisweilen vor wie Kalkutta. Ich weiss noch, wie ich mich zwei Tage nach dem letzten Jahreswechsel, den ich in Berlin verbrachte, darüber wunderte, dass immer noch niemand den Feuerwerksabfall auf den Strassen beseitigt hatte. Andere Leute, namentlich Amerikaner, hingegen finden, Berlin heute sei wie New York früher. Da ist was dran. Was nichts daran ändert, dass Berlin immer ganz anders sein wird, gross und laut und herzlich ruppig und mit blauen Flecken übersät und mit einer undeutschen Aura von Weltläufigkeit und Ungerührtheit zugleich. Berlin zieht mehr Besucher als Rom, Barcelona, Athen an. Berlin schläft nie – aber das heisst nicht, dass es stets beschäftigt oder irgendwie hektisch wäre. Berlin ist wie ein Punk, der dir ständig erzählt, was er morgen vorhat. Und Berlin im Winter ist ein grimmiger, düsterer, sibirischer Eispalast, wo ein Wind geht, als sei die Hölle zugefroren. Berlin ist nicht Deutschland, es ist eine Insel, immer noch, und das ist auch gut so.

London und Paris

Die grösste Insel Europas aber ist Britannien, und London, Hauptstadt des Vereinigten Königreichs aus Grossbritannien und Nordirland, ist vom Kontinent nur einen Katzensprung entfernt, doch eine Welt für sich. Wenn man Einheimische in London auf der Strasse versehentlich touchiert, entschuldigen sie sich. Wenn man irgendwo steht und sich orientierungslos umschaut, kommt jemand und fragt, ob man Hilfe brauche. Der öffentliche Raum ist voller Schilder, Gefahrenhinweise und Sicherheitsdurchsagen. Bei Letzteren wird «please» and «thank you» nie vergessen. Die Leute bilden von selbst eine Schlange. Wenn nötig. Egal wo. Wenn nötig mit Wendepunkt. Sich vorzudrängeln hat etwa den gleichen Stellenwert wie Hostienschändung im Vatikan. In seiner unerschütterlichen Höflichkeit wird London von vielen als Gegenstück zu Paris aufgefasst. In der Tat ist Paris eine zauberhafte Ortschaft, und so alt wie Paris, die mutmassliche Stadt der Liebe, ist die Ansicht, dass Paris eine zauberhafte Ortschaft sei – bloss leider von Franzosen bewohnt: ruppigen kleinwüchsigen schwarzbehaarten Leuten mit Baskenmützen und Rotwein-Fahne, die einen andauernd anrempeln. Truman Capote schrieb in «Answered Prayers»: even the French can’t endure France. Or rather, they worship their country but despise their countrymen – unable, as they are, to forgive each other’s shared sins: suspicion, stinginess, envy, general meanness (besagte Qualitäten zeichneten freilich auch den späten Capote und besonders «Answered Prayers» aus). Nun gibt es zweifellos ganz famose Flecken in Frankreich, zum Beispiel Cannes. Man kann im Carlton Hotel wohnen, die Corniche im Cabrio rauf- und die Croisette wieder runterfahren und sich des einmaligen lichtblauen Lichtgemischs aus Himmel und Meer erfreuen, das der Côte d’Azur seinen Namen gibt. Und auch Paris ist inzwischen, dies muss hier nun doch festgestellt werden, sehr viel entgegenkommender als früher – und seit jeher atemberaubend schön. So schön, das es dem «Paris-Syndrom» seinen Namen gab, einer vorübergehenden psychischen Störung und Exaltation infolge des Besuchs der französischen Hauptstadt, erlitten vor allem durch japanische Touristen, die, vermutlich infolge einer Kombination von Jet Lag, Reisestress, Kulturschock, Louis Vuitton und kognitiver Dissonanz zeitweilig ihre innere Balance verlieren und Verfolgungswahn, Angstzustände und Herzrasen entwickeln.

Das Schöne und das Hässliche

Da wir bei klassischen Reisehysterien sind: auch das sogenannte Florenz- oder Stendhal-Syndrom hat mit überragender Ortsschönheit zu tun. Es bezeichnet eine Art psychosomatischen Schock, der sich einstellt, wenn der Reisende in der Fremde mit einem Übermass an Schönheit konfrontiert wird (sei es Natur- oder Kunstschönheit). Florenz, das Juwel der Toskana, ist ein Ort, wo sowas passieren kann (Warschau, zum Beispiel, wohl eher weniger). Jedenfalls schrieb der französische Schriftsteller Marie-Henri Beyle, besser bekannt als Stendhal, 1817 über seine Reise in die Medici-Stadt: «Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Grossen so nahe zu sein» – und dann, nach dem Verlassen der Grabeskirche von Michelangelo, Macchiavelli und Galileo: «Als ich die Kirche verliess, klopfte mir das Herz; man nennt das in Berlin einen Nervenanfall; mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen.» Ja, Florenz ist umwerfend schön. Und das umwerfend Schöne fordert, so funktioniert der Mensch, den Gegenpart des wahnsinnig Hässlichen heraus; das Denken gerade auch in regionalen Antagonismen ist dem Menschen eingeschrieben, beileibe nicht nur dem europäischen. Mit Bezug auf die mutmasslichen europäischen Nationalcharaktere und Mentalitäten wurde dies bereits in entzückender Prägnanz von Arthur Schopenhauer eingefangen, dem Philosophen und Berufspessimisten der Romantik, der vor gut 150 Jahren feststellte: «dass Reisen bilde, ist eine der frechsten Lügen überhaupt. Überhaupt ist es nicht ratsam, fremde Länder durch anderes kennenzulernen als durch ihr Bestes, ihre Bücher, während der Aufenthalt dortselbst zu nichts anderem als Enttäuschung und Streit führen wird: Jede Nation spottet über die andere, und alle haben recht. So wird der Franzose den Deutschen ihre Plumpheit vorwerfen; der Deutsche wird im italienischen Nationalcharakter die vollkommene Unverschämtheit verabscheuen; der Italiener wird feststellen, dass andere Weltteile Affen haben, Europa aber Franzosen hat.»

Oslo und Stockholm

Soweit Herr Schopenhauer in entzückender Prägnanz. Eines dieser Nachbarpaare aber, die sich traditionell relativ kritisch bemustern, sind Schweden und Norweger. Oder, geographisch gewendet, namentlich Oslo und Stockholm. Den Wettstreit dieser beiden nordischen Kapitalen könnte man vielleicht wie folgt auflösen: Oslo ist reicher, Stockholm ist hübscher. Die Schweden haben ausserdem den besten Gruss der Welt, nämlich «hej». Aber das ist nicht der einzige Umstand, der ihre Hauptstadt so unverwechselbar macht. Ein weiterer Umstand wäre der, dass jede Graved-Lachs-Verkäuferin aussieht wie Victoria Silvstedt und alle Männer gerade richtig blond und richtig gross und richtig muskulös sind und eine Gesichtsfarbe haben, als kämen sie eben vom Fjälljakten zurück. Davon abgesehen hat in Stockholm jeder eine Meinung zu Eishockey. Sowie eine Meinung zu Bandy, der milderen Ur-Form von Eishockey, die man von November bis März spielt. Und diese Meinung lautet: Hammarby ist das coolste Bandy-Team! Und schliesslich mokiert sich jeder ordentliche Schwede darüber, dass seine Königin ihren deutschen Akzent nicht los wird.

Der Süden

Der Unterschied zwischen Norwegern und Schweden wäre wohl, südeuropäisch gespiegelt, der Unterscheid zwischen Italienern und Spaniern: Italien mag mehr Schätze haben, aber Spanien ist cooler. Zum Beispiel in Barcelona. Wer nach Barcelona kommt, wird viele Sonnenaufgänge erleben, denn die katalanische Hauptstadt geht sehr spät schlafen. Dafür hält sie Mittagsruhe; viele kleinere Geschäfte machen nach wie vor (und obschon das die EU nicht gerne sieht) am frühen Nachmittag drei Stunden lang Siesta. Und niemand isst vor zehn Uhr zu Abend. In Spanien generell und in Katalonien im Besonderen gilt es als unhöflich, nicht zu reden, wenn man nebeneinander in der Metro sitzt oder am Strassenrand steht und auf Grün wartet oder auch in allen anderen vorstellbaren Situationen. Die Geräuschkulisse im öffentlichen Raum ist deshalb hoch.

Südliches Flair bietet auch der Osten Europas: die Adria, der Meerarm zwischen Italien und Südosteuropa, reich an Geschichte und Weltkulturerbe, ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder an beiden Ufern besuchbar. Königin der Adria bleibt Venedig, schön und schaurig zugleich, und wenn man von Venedig an der Küste südwärts fährt, gelangt man nach Rimini, einstmals mondänes Seebad in der Nähe des Zwergstaates San Marino, dann Teutonengrill, dann Einkaufsparadies für Russen und Araber (und auch für ein paar Chinesen und Japaner) sowie Wochenendtummelplatz der italienischen Stadtjugend. Aktuell will sich Rimini als Kunst- und Kulturdestination etablieren – immerhin blickt es auf über 2000 Jahre Geschichte zurück. Auf der anderen Seite der Adria liegt Kroatien, und hier, weiter im Süden, die aufstrebende Insel Hvar, die Prominenz anzieht wie Beyoncé, Eva Longoria oder Tom Cruise und alsbald mit Saint-Tropez mithalten will (oder wenigstens mit Mykonos). Die Perle Dalmatiens aber ist Dubrovnik, noch weiter südlich, ins Meer gebaut wie Venedig, nach einer wechselvollen Geschichte heute eine der teuersten und elegantesten Metropolen an der Adria.

Das europäische Stereotyp

Ahh, Europa. Das Glück liegt vor der Haustür, und wer wäre nicht fasziniert angesichts der landschaftlichen und kulturellen Unterschiede. Es sind diese Besonderheiten, die Europa in seiner Geschichte auch zum Problem werden konnten; wir alle leben mit Generalisierungen und Stereotypen: russische Seele, französische Romantik, italienische Libido, englischer Humor, deutscher Ordnungssinn, schweizerische Pünktlichkeit. Aber wenn man dies nicht als Einengung, sondern als Bereicherung begreift – um wieviel reicher ist das Leben auf diesem zweitkleinsten Kontinent dann in der Tat! Ein Beispiel für Offenheit und Bescheidenheit zugleich sind die von Dezenz geprägten Kulturen der Benelux-Länder, auch sie eine Keimzelle der europäischen Integration: Holland mit seinen Weltstädten Den Haag, Amsterdam und Rotterdam, und Belgien, das so Schätze wie Antwerpen beherbergt. Und nun denken Sie, zu Belgien gäbe es kein europäisches Stereotyp? Dann lassen Sie mich den amerikanischen Kulturtheoretiker Paul Fussell zitieren, der in seinem Standardwerk «Class» Folgendes konstatiert: «Snobs finden sich vor allem in der Mittelschicht. Der britische Autor Neil Mackwood, eine Autorität auf diesem Gebiet, hat festgestellt, dass die weltweit grössten Snobs sämtlich aus Belgien stammen, und hier handelt es sich um ein Land, was man gleichzeitig als Welthauptquartier der Mittelklasse ansehen kann.» Damit wäre das geklärt.

Bild oben: Berlin kurz vor dem Eindunkeln, 3. November 2013. (Keystone/Kay Nietfeld)