Hallöchen XL-Popöchen

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Das ist ein Blog zur Selbsthygiene. Was ich damit meine ist Folgendes. Eine Freundin hat im Schweizer Monat einen  Artikel mit dem Titel «Mythos Gender» geschrieben.

Der Text ist ein Tirade gegen das allgegenwärtige Gender-Geschwafel. Und er trifft ins Schwarze. Denkt man zunächst. Ich kann es ja auch nicht mehr hören und noch weniger mag ich es lesen, wenn die «SonntagsZeitung» wieder von dem ganz ganz schlimmen Zickenkrieg zwischen Vollzeit- und Teilzeitmüttern schreibt. Wenn es wieder eine sehr entsetzlich findet, wie ein Magazin einen Star per Photoshop aufgehübscht und vollverschlankt hat. Wenn darüber gewehklagt wird, dass Jugendlichkeit für Frauen so viel wichtiger ist als für Männer. Dass Frauen ab vierzig Botox, Facelift und Fettabsaugen erwägen müssen. Vermutlich habe ich über jedes dieser Themen auch schon geschrieben, trotzdem musste ich meiner Freundin recht geben: Das alles geht mir mittlerweile an meinem nicht gelifteten Arsch vorbei. Dachte ich zunächst.

Dann dachte ich etwas länger darüber nach. Die Freundin ist irgendwas in den Dreissigern, intelligent, gut ausgebildet, single, kinderlos, hat einen guten Job und mag ihr Leben, so wie es ist. Kein Wunder findet sie Genderfragen langweilig. Das tun die meisten Frauen, die keine Kinder haben und auch nicht unmittelbar planen, welche zu kriegen. Denn bis es so weit ist, können sie so tun, als seien sie genau gleich wie Männer – abgesehen vielleicht von ihrem Interesse an Stöckelschuhen. Die grossen Unterschiede zeigen sich erst mit Kindern – und damit stellen sich die entsprechenden Fragen. Und plötzlich ist das Interesse da. Wider Willen. Oft genug habe ich das erlebt.

Für Männer gilt das übrigens auch, sofern sie sich bemühen, es anders zu machen als ihre Väter. Das stellte ich am Sonntag fest. Ich war dann wieder mal auf einem Podium zum Thema Kind oder Karriere und bevor die Diskussion losging, dachte ich: Dieser «Kind oder Karriere»-Scheiss hängt mir ja so zum Hals raus. Schon die Frage: «Kind oder Karriere». Was heisst denn heute schon Karriere? Wie viele Menschen, Männer oder Frauen können denn eine klassische Karriere überhaupt noch machen? Soll doch jede selber entscheiden. Mit mir sass ein Ex-Männerbeauftragter auf dem Podium und während der Diskussion rügte er mich wegen meiner Haltung. Wer die Gesellschaft verändern wolle, müsse politisch denken, sagte er. Wer Männern die Vaterschaft schmackhaft machen wolle, müsse die nötigen Weichen stellen. Er hat ja recht, denn während Frauen schnell mal Geschmack am Arbeitsleben finden, scheint der Umgang zumindest mit Babys für Männer emotional sehr anstrengend zu sein. Freiwillig tun die das nicht. Und weil Mutterschaft auf der anderen Seite eine volle Hormondröhnung ist, so dass man kaum mehr klar denken kann, ist es wichtig, zu verdeutlichen, dass Kinder schnell gross werden. Mutterschaft ist schön, aber ein Frauenleben, das nur darauf setzt, ist ein armes Frauenleben. Gerade, wenn die Frauen auch noch in Bildung investiert haben. Der Männerbeauftragte sah übrigens sehr mitgenommen aus. Er hat vor kurzer Zeit ein Kind bekommen und lebt jetzt genau das 50/50-Modell, das er propagiert. Ich hoffe nur, dass er durchhält.

Als die Diskussion aber losging und ich ins Publikum sah, in dem viele junge und sehr interessierte Frauen sassen, musste ich meinen anfänglichen Widerwillen aber zügeln. Für mich mag die Frage, wie man einen Beruf und eine Familie gleichzeitig stemmen kann nicht mehr so entscheidend sein, weil ich die harten Jahre hinter mir habe. Aber für viele dieser Frauen ist die Frage nach wie vor drängend – und wenn man nicht darüber spricht und sich nicht mit dem Thema auseinandersetzt, landen die meisten eben in der klassischen Falle: Sie stecken für die Kinder mal ein paar Jahre zurück und wenn sie wieder engagiert in den Beruf einsteigen könnten, sind die Chancen weg. Dasselbe mit den Fragen nach Body Image.

Letztens fiel mir ein Klatschheft in die Hände, Titelgeschichte war: «Hilfe, mein Po wird immer dicker». In der Strecke wurde Stars vorgestellt, die «zugenommen haben», mit jeweils zwei Fotos: Früher, als sie  schlank waren, und dann heute mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen, beschriftet mit «Hallöchen XL-Popöchen»  oder «Sie wird ihr Wohlfühl-Bäuchlein einfach nicht los.» Die Geschichte war so dummdreist, dass ich sie beinahe wieder lustig fand, aber auch ein Zeugnis von der bösartigen Idiotie mancher Medien. Ich hätte mich darüber aufregen können, aber so nahe ging es mir nun doch nicht – bis meine zwölfjährige Tochter auftauchte und ich das Schundblatt schleunigst in den nächsten Abfalleimer warf, bevor sie es erblickte – aus Angst, sie würde sich die Gemeinheiten zu Herzen nehmen.

Als ich dann den Artikel meiner Freundin nochmals las, kam ich zum Schluss, dass ich ihr doch nicht ganz recht geben kann. Nicht, dass diese Genderthemen diskutiert werden, nervt mich, sondern wie. Die Opferhaltung verurteile ich, die Einseitigkeit und die Neigung zur Denkfaulheit, die viele dieser Artikel umweht. Wenn jedoch Menschen klug darüber reflektieren, was es heisst, als Mann in dieser Gesellschaft aufzuwachsen oder als Frau, dann ist das zu begrüssen. Denn nur weil es mich noch nicht oder nicht mehr so sehr betrifft heisst das nicht, dass  das Thema vom Tisch ist. Und wenn es nur darum geht andern zu sagen: Denkt doch nochmal nach, denkt etwas weiter. Vielleicht können dann alle noch etwas lernen.

Bild oben: Plakat gegen Sexismus, 2003. (Keystone/Eddy Risch)

26 Kommentare zu «Hallöchen XL-Popöchen»

  • Peter M. sagt:

    Genderthemen hin oder her: Ein knackiges m/w Popöchen ist nun mal viel reizvoller – XL-Popöchen, nein Danke. Mit Bewegung und halbwegs vernünftigem Essen ist bereits viel erreicht…

    • Oliver M. sagt:

      Denk doch nochmal nach. Denk etwas weiter, als nur bis zum Popöchen.

    • THom sagt:

      Ein knackiges XL-Popöchen hat durchaus auch seine Reize, man wende seinen Blick an den aktuellen Karneval in Rio 😉

    • Dilek Demirel sagt:

      Eine eingermassen gesunde Lebensführung ist natürlich wichtig, doch was hat ein lüsterner Blick mit Lebensqualität zu tun? Rein goar nix. Und ein Stück Schoggikueche dann und wann? Jede Menge! Falls sie eine Tochter haben, sollten Sie ihr beibringen, dass sie den lüsternen Blicken nicht zuviel Wichtigkeit beimisst. Das wird sie auf jeden Fall glücklicher durchs Leben spazieren lassen.

  • Irene feldmann sagt:

    Wir lernen das Leben lang, wenn wir es zulassen…..:) und das ist der Punkt. Individuell steht immer über allem….

  • reader sagt:

    „armes Frauenleben“ – aha, sehr klug reflektiert, bravo….

  • Ricco Morales sagt:

    Der Aufruf zu einer klugeren Gender-Debatte mit weniger Geschlechterkampf und Opferhaltung ist sicher zu begrüssen, dieser Blog könnte doch einen Anfang machen! Oder die kluge Freundin, die erfrischend frei ist von antagonistischer Rhetorik, verhärteten Denkmustern, eingeengter Perspektive und persönlichem Frust. Und trotzdem politisch denkt, einfach aus Menschensicht, nicht aus Frauensicht.
    Die Beschäftigung mit Gender wird ohnehin nicht so schnell verschwinden, viele Leute (Forscher, Gender-Beauftragte, Medienleute) verdienen ihren Lebensunterhalt bereits in diesem Gebiet…

  • Marcel Zufferey sagt:

    Der ehemalige Männerbeauftragte lebt also ein Modell, dass sich kaum jemand leisten kann oder will auf dieser Welt: Mit solchen „Vorbildern“ kann folglich auch niemand etwas anfangen. Weil sie ein Leben leben, dass auf die meisten Paare so ähnlich wie ein Science Fiction-Film wirkt: In keinem einzigen, europäischen Land machen 50/50-Paare mehr als 7 Prozent aus! Die meisten Paarkonstellationen sind keine Frage der Freiwilligkeit, sondern ökonomischer Zwänge. In Zukunft wird sich nur etwas verändern: Es wird mehr Haupternährerinnen geben. Dasselbe wie heute also, einfach umgekehrt.

    • Joerg Hanspeter sagt:

      Das mit den „ökonomischen Zwängen“ ist in der Schweiz ein Ausrede. Selbst wenn beide ungelernte Hilfsarbeiter wären, könnte man als vierköpfige Familie über die Runden kommen, zur Not halt mit 60 + 60 statt 50 + 50 %. Das man vermutlich in den meisten Fällen Einschränkungen in Kauf nehmen muss ist eine Tatsache, aber das muss man in der Regel schon wissen, wenn man sich für Kinder entscheidet.

    • Marcel Zufferey sagt:

      Als ungelernte Hilfsarbeiter beide 60/60, sorry, aber träumen Sie? Warum glauben Sie, gibt es nächstens eine Mindestlohn-Initiative, in der 4’000.– brutto (!) gesetzlich fest geschrieben werden sollen, Herr Joerg? Und warum denken Sie, gibt es europaweit nur so wenige Fifty-Fifty-Beziehungen, selbst in Skandinavien? Machen Sie sich doch einmal ein paar Gedanken zur sozialen Wirklichkeit: Die Reallöhne sind in den letzten 20 Jahren hierzulande nur gerade um magere 10,9% gestiegen. Zieht man aber die Krankenkassenprämien ab, resultiert sogar ein Minus!

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