Süsses hinter Gittern

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Die sogenannte digitale Revolution ist zu Ende, meine Damen und Herren, laut Konsensus massgeblicher Sachverständiger leben wir im Grunde schon in einer postdigitalen Gegenwart. Das ist die Zeit, wo alle enttäuscht sind, weil angeblich etwelche Geheimdienste ihre Facebook-Seiten patrouillieren wie eine durchgedrehte Ex-Freundin. Einstige Schätze des mediatisierten Lebens werden zu Müll, zum Beispiel die Anzahl virtueller Freunde. Die allgegenwärtigen Medientechnologien hinterlassen nicht nur Berge von Elektronikschrott, die dann in Afrika auseinandergeklaubt werden, sondern auch immaterielle Abfallprodukte: Pseudoinformationen, Pseudoskandale, die triviale Resonanz virtueller Netzwerke, die Kommerzialisierung niederer Instinkte, Verwischung der Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem – also alles, was in die beiden postdigitalen Hauptkategorien «Spam» und «Schamlosigkeit» fällt. Die Ernüchterung hat gerade erst begonnen. Wir durchwaten die Trümmer und den Müll, der zwischen Grenzen und Zentren der postdigitalen Kultur herumschwirrt, die Ruinen der digitalen Revolution. Sie wird nun zu Staub, während wir damit kämpfen, neue Wege in der Einöde ihrer Folgen zu finden. Und heraus ragen Monumente der Ungleichzeitigkeit. Zum Beispiel dieser Süssigkeitenautomat. Den ich neulich am Berliner U-Bahnhof Kurfürstendamm für Sie fotografiert habe. Wo man analoges Geld reinwirft und dann Süssigkeiten rauskommen (wenn man Glück hat). Eingesperrte Süssigkeiten. Sieht ein bisschen traurig aus, überdauert aber anscheinend die Zeiten. Gibt es eigentlich diese ziemlich furchtbare Süssigkeit noch, die aussieht wie ein kleines Spiegelei mit Schokoladenboden? Weiss das jemand?

11 Kommentare zu «Süsses hinter Gittern»

  • gabriela sagt:

    Diese Spiegeleier gibt es zur Osterzeit (also in den nächsten Tagen) beim Detailhändler Ihres Vertrauens.

    • Philipp Tingler sagt:

      Danke, Gabriela. Es handelt sich also um Ostersaisonware. Was ja bei Spiegeleiern irgendwie per se schon ein bisschen irre ist.

  • Philipp Rittermann sagt:

    da kann ich helfen, herr doktor. das sind die legendären „fondant-eier“. es gibt sie noch – beispielsweise hier -> http://luehders.ingwer.de/produkte/2-ostern/

  • Henry sagt:

    Sie haben ja so recht, nur haben es noch nicht alle verstanden. Wie aufregend ist doch die reale Welt gegenüber dieser virtuellen, wo man ja doch nur Dinge tut, die man eigentlich doch nicht tut, oder eben nur theoretisch. Aber nachdem meine Teeny-Tochter am vergangenen Samstag, da „whatsapp“ für ein paar Stunden ausfiel, keinen weiteren Sinn für ihre irdische Existenz sah „…mein Leben ist vorbei…“, werden wir wohl Heerschaaren an Psycholgen benötigen um eine halbwegs funktionierende reale
    gesellschaftliche Beschäftigung miteinander wieder herzustellen…..

  • marie sagt:

    wunderschöner text! bei mir im quartier hat es auch so einen automaten, den ich nicht selten benutze. meist mitten in der nacht, wenn ich nicht schlafen kann und ich keine schoggi zur hand habe. aber je nach dem, was ich raus lasse, donnert es in das auffangbecken mit sehr lautem getöse (meist ist es die cola petflasche), was tote erwecken kann. dann schaue ich mich um, ob jemand zuschaut. denn ich halte in der hand meist unmengen schokolade, was mir dann peinlicher ist, als dass ich im morgenmantel und puschen vor diesem gerät stehe.
    ich bin froh, gibt es diese noch. hat was tröstliches.

  • marie sagt:

    tröstliches, lindernd, wehmütige… weil süsses offenbar immer noch verführerisch wirkt. so wie die erinnerung an die erste verführung in der kindheit, bei mir war es der alpenstock. kennt jemand den noch?

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