Aufrüstung im Kinderzimmer

Blogmagboysnguns

«Waffenverbot am Kindergarten-Fasnachtsumzug», las ich in der «SonntagsZeitung» und dachte: «Die spinnen komplett.» Dann las ich weiter vom Dresscode für fasnächtelnde Dreikäsehochs. Erlaubt sind Feen, Prinzessinnen oder Zauberer, ebenso Früchtchen und Tiere. Nicht aber Cowboys, Indianer oder Piraten. «Wir danken für ihr Verständnis», heisst es in dem Schreiben, welches die Zeitung zitiert. Damit haben die Verantwortlichen den letzten Rest Vernunft verspielt. Warum nicht gleich Seegurken und Amöben als Kostüme vorschlagen? Das wäre ideologisch und geschlechtlich unverdächtig. Auf Verständnis würde ich jedenfalls eher nicht zählen.

Als Mutter revidiert man viele Vorstellungen. Bevor ich Kinder hatte, war mir die Idee einer Tussi-Tochter ebenso ein Graus wie die eines Waffen liebenden Sohnes.

Dann bekam ich eine Tochter, die sich ein Jahr lang ausschliesslich in Rosarot kleidete. Als der Sohn dann drei war, funktionierte er sein Zimmer zum Waffenarsenal um. Er hortete dort Pistolen (Einschüsser und Sechsschüsser), Gewehre, Schwerter, Dolche und Messer, Pfeil und Bogen, Tomahawks, Morgensterne und Dreizacke. Seine Waffen schleppte er überall mit sich herum und kuschelte sich beim Einschlafen an Schild und Pistole. Dabei ging es nicht um Insignien der Männlichkeit, denn für seine imaginären Kämpfe kleidete er sich in Ermangelung besserer Kostüme auch mal ins rosarote Prinzessinnenkleid der Schwester. Hauptsache königlich, wird er sich gesagt haben. Schliesslich ging es um den Kampf des Guten gegen das Üble. Ich liess die Kinder gewähren, im Vertrauen darauf, dass sich das schon wieder legen würde.

Eurythmie-Trauma

Kinder gehen durch Phasen. Bei meinem Sohn fing es ungefähr im Alter an, als er begriff, dass Geschichten sich immer um Bösewichte und Helden drehen. Helden kämpfen gegen das Böse. Dazu tragen sie Waffen. Und Montessori in Ehren, aber wenn ihre Pädagoginnen vorschlagen, Kinder sollten sich doch Gandhi als Helden zum Vorbild nehmen, dann möchte ich gern wissen, wie ein Dreijähriger das Prinzip der Gewaltlosigkeit begreifen soll, wenn er den Kampf Gut gegen Böse nicht selber durchspielen durfte.

Bis heute habe ich den Verdacht, dass die extreme Waffenliebe meines Sohnes eine Reaktion auf das Waffenverbot in seiner anthroposophischen Krippe war, die als einzige noch einen Platz für ihn frei hatte. «Ein Alptraum» sei das gewesen, sagt er heute. Vielleicht war seine Aufrüstung aber auch bloss eine Nebenwirkung der wöchentlichen Eurythmie-Stunde. Vielleicht rebellierte er mit wildem Morgenstern-Schwingen gegen das Trauma an, in der Krippe körperlos sanft tanzen zu müssen.

Offensichtlich will man mit dem Waffenverbot ein Zeichen gegen Gewalt setzen. Aber das ist ein Missverständnis. Kinder spielen Rollen. Wer das verbietet, verbaut ihnen Erfahrungen, die sie oft später nachholen. Die frühkindliche Selbstbewaffnung hat meinem Sohn nicht geschadet. Er ist ein intelligenter, sensibler und sozialverträglicher Schulbub geworden.

Wenn es den Verantwortlichen um den Gender-Aspekt geht, dann müssten sie konsequenterweise auch verfügen, dass Prinzessinnen Hosen tragen und auf Krönchen, Schleier und Glitzer verzichten müssen. Das wären dann also eigentlich Amazonen – nur ohne Pfeil und Bogen.

Bild oben: Buben mit ihrem Arsenal. (Flickr/artfulblogger)

42 Kommentare zu «Aufrüstung im Kinderzimmer»

  • Peter Meier sagt:

    Vor Jahren habe ich eine Mutter mit Sohn (ca. 5 j.) mit Migrationshintergrund im Bus erlebt. Der Kleine hatte eine Spielzeugpistole dabei und zielte damit auf die Passagiere. Ich gab dann der Mutter zu erkennen, dass ich solches Verhalten im Bus als sehr unpassend empfinde. Mehrere Passagiere schüttelten daraufhin den Kopf über mein Verhalten.
    Nun selbst Vater revidiere ich meine Meinung über Waffen im Spielzimmer. In der Öffentlichkeit finde ich dies aber nach wie vor unpassend. Rollenspiele sind wichtig, aber in der Öffentlichkeit mit Waffen herumfuchteln? Maximal an der Fastnacht.

  • Markus sagt:

    Danke! Und dies aus noch von einer emanzipierten Frau! Vor lauter politischer Überkorrektheit wachsen die heutigen Kinder mit massiven Defiziten auf, welche sich dann im Erwachsenenalter bemerkbar machen. Jungs dürfen nicht mehr rangeln (heute diskutiert man Konflikte bis es einem zu den Ohren rauskommt), keine Waffen mehr tragen (wir Erwachsenen laufen ja Alle mit geladenen Waffen umher), und wir wundern uns, dass immer mehr Erwachsene psychisch Krank werden, weil sie nie gelernt haben Konflikte zu ertragen, damit umzugehehn und (natürlich ohne Waffen) auszutragen (nicht auszusdiskutieren).

  • Philipp Bürgler sagt:

    Wow, die Kinder von Frau Binswanger scheinen bei ihr einen grossen Wandel bewirkt zu haben. Ob Sie nun auch ihre Vorstellungen gegenüber echten Waffen revidieren kann?

  • Ylene sagt:

    Vielen Dank Frau Binswanger! Bei solchen idiotischen, diskriminierenden Vorschriften hätte ich echt Lust, den Nachwuchs als Sauron (mit oder ohne Morgenstern), Lord Voldemort oder Maleficent zu schicken.

  • leuchter sagt:

    boah! danke für den artikel und den rückschluss. das „waffen-verbot“, keine schimpfwörter (welche in filmen vorkommen) nur kuscheln und nix böses. ja aber hallo kommt da etwa eine weicheier-generation auf uns zu? bloss nicht individuel sein sonst ist eine abart und schulpsychologe die folge, bloss keinen lärm machen schön phlegmatisch in der ecke hocken und die pädagogen gemütlich kaffe saufen lassen.
    zwei worte: so nicht!
    was den kindern in verboten wird , wird spätestens im teenie alter nachgeholt!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.