Das Wesen der Berühmtheit

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Am Mittwoch war ja mal wieder Probealarm, meine Damen und Herren. Um die Funktionsfähigkeit von rund 7800 stationären und mobilen Sirenen in der Schweiz zu überprüfen. Ich war natürlich nicht darauf vorbereitet. Ich meine, als die Sirene losging, sass ich am Schreibtisch und schaute «Hot Problems». Dann sah ich zuerst mal auf die Uhr, worauf ich dachte: «Hm, halb zwei, sehr wahrscheinlich Probealarm, der ist doch immer um diese Zeit; es wäre doch hochgradig unwahrscheinlich, dass ausgerechnet auch um halb zwei irgendeine Katastrophe passiert …» Trotzdem sah ich mal nach unter Bevoelkerungsschutz.admin.ch (welche Adresse mir geliefert wurde, als ich bei Google «Probealarm Schweiz» eingab). Und darauf erschien folgende Anzeige: Service unavailable. Worauf ich aufgab. Man muss sich ja auch in sein Schicksal fügen können. Was muss man überhaupt machen bei einem richtigen Alarm? Weiss das irgendjemand? Das Radio an? Und wenn dann «Wind of Change» von den Scorpions gespielt wird? Katastrophaler gehts doch kaum!

Und nun zu unserem eigentlichen Thema: Vor einem guten halben Jahrhundert hat die famose Schriftstellerin Dorothy Parker folgendes Statement zum Wesen und innersten Kern Hollywoods abgegeben: Once I was coming down a street in Beverly Hills and I saw a Cadillac about a block long, and out of the side window was a wonderfully slinky mink, and an arm, and at the end of the arm a hand in a white suede glove wrinkled around the wrist, and in the hand was a bagel with a bite out of it.

«Wenn die zeitgenössische Literatur keinen Mozart mehr kennt, so bin ich wenigstens ihr Cole Porter»; dieser Satz, schön wie er ist, stammt womöglich auch von Frau Parker, genau weiss ich das nicht mehr, passen würde er jedenfalls. Und liesse sich wie folgt fortschreiben; wenn die Filmindustrie auch heute niemanden mehr beschäftigt wie Dorothy Parker, so hat sie doch wenigstens – Sofia Coppola. Deren Film «The Bling Ring» ist eines der aktuellsten Statements zu Hollywood. Und zum Zustand der Mediengesellschaft überhaupt. Er zeigt eine Fetischisierung des Konzepts «Celebrity» – als logische Folge verschiedener gesellschaftlicher Entwicklungen: Materialismus, Infantilisierung, Pornografisierung, die zunehmende Aufhebung der Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem, die mediale Kommerzialisierung ordinärer Neugier. Das alles führt in «The Bling Ring» zu Protagonisten von der Art gefrorener später Teenager; Protagonisten, für die das gilt, was Martin Scorsese zu den Hauptfiguren seines neuen Films «The Wolf of Wall Street» sagte: «Sie haben Spass. Aber das ist auch alles. Sie können sich selbst nicht aushalten.» Egos wie Wassermelonen, Schiessbudenfiguren und Götzen eines armseligen Kleinheitswahns (wie Tucholsky sagen würde), ein Wachsfigurenkabinett trivialer Tröpfe. Von tragischer Unerheblichkeit. Also das Gegenteil von berühmt. Es ist auch Zeichen dieser Mediengesellschaft, dass Worte ihr Gegenteil bedeuten: Celebrity das Gegenteil von «berühmt», Reality das Gegenteil von «wirklich».

Und dann gibt es «Girls». Das wollte was ganz anderes sein. Die Fernsehserie der Autorin Lena Dunham, die auch die Hauptrolle bekleidet, verfolgt vier junge Damen von Mitte Zwanzig bei ihrer Lebensweg- und Sinnfindung in New York City. «Girls» will authentisch sein. Reality soll hier wieder das Leben vorstellen: Geworfenheit und Harnwegsinfektionen und nackte Körper jenseits von Celebrity-Photoshop-Normen (nun, im Wesentlichen ein Körper jenseits von Photoshop-Normen, nämlich der von Lena Dunham). «Girls» ist als Arte-povera-Variante von «Sex and the City» tituliert worden, was geistreich ist, aber nicht ganz zutreffend; zutreffender erscheint mir das, was ich neulich in irgendeiner amerikanischen Publikation, deren Name leider verloren gegangen ist, gelesen habe: «Girls» sei das Äquivalent eines Selfie: einigermassen kurzweilig, solange es nicht zu prätentiös wird, aber nie über sich selbst hinausweisend. Auch nach der zweiten Staffel nicht. Dieses jedoch, der Verweis, ist die Qualität von Kunst – und übrigens eine Leistung, die beispielsweise gute amerikanische Mainstream Sitcoms wie etwa «Mom» vom Chuck Lorre mühelos erbringen. Das Problem mit «Girls» ist nicht, dass es sich selbstbesessen und hipsterish vor einem Soundtrack von emotionalem Indie Folk abspielt. Sondern dass das alles ist. Eine Harnwegsinfektion aber macht noch keinen Lebensbezug.

Alle grosse Kunst (oder die meiste) ist selbstbesessen – doch sie ist ausserdem transzendent. Nicht so «Girls». Übrigens im Gegensatz zu «Sex and the City». «Sex and the City» war, wenigstens in seinen Anfängen, bevor es zur eigenen Parodie wurde und die vier Heldinnen sich nur noch benahmen wie Abziehbilder von Schwulen, durchaus neu, frisch, befreiend, über sich hinausweisend, denn es basierte auf einer fundamentalen Einsicht, die «Girls» ignoriert: Der Bedeutungshorizont der Selbstbestimmung ist sozial; das moralische Feld wird durch die Gesellschaft eingepflockt. Die Charaktere in «Girls» jedoch bleiben Inseln, Hipsterinseln, die durch popkulturelle Referenzen treiben. Dazu gehört auch Lena Dunhams rührendes Verhältnis zur Berühmtheit. Und ihr Verhältnis zu Photoshop war dann doch anders als viele dachten: Nachdem Bilder von ihr in der amerikanischen «Vogue» den Normen des Blattes gehorchend unlängst digital aufgemöbelt wurden, hatte Frau Dunham, umgeben von Wogen der Entrüstung, selbst gegen die ansatzweise Sarahjessicaparkerisierung ihrer Erscheinung eigentlich nichts einzuwenden. Wir schliessen mit Mrs Parker (der anderen): «This wasn’t just plain terrible, this was fancy terrible. This was terrible with raisins in it.»

Bild oben: Emma Watson in Sofia Coppolas Film «The Bling Ring». (Foto: American Zoetrope)