Porno-Kritik

Vorweg eine Bemerkung, meine Damen und Herren: Finden Sie das nicht auch grossartig, dass 77 Prozent der Franzosen der Meinung sind, das Privatleben ihres Präsidenten sei – seine Privatsache. Wenn Sie mich fragen, ist diese Gelassenheit einer der charmantesten Züge unserer französischen Nachbarn. Der «Economist» schrieb diese Woche: «Wäre Amerika ein besserer Ort, wenn sich dort das politische Personal benehmen könnte wie François Hollande, Ségolène Royal, Valérie Trierweiler, Nicolas Sarkozy, Jacques Chirac und François Mitterrand, und die Bevölkerung gegenüber Sex so entspannt eingestellt wäre wie in Frankreich? Wahrscheinlich würden mehr Talente in die Politik gehen, wenn sie nicht erwarten müssten, dort bei lebendigem Leibe zerlegt zu werden für normale menschliche Schwächen. Es gäbe mehr Jack Kennedys und weniger Mitt Romneys.»
Und nun zum eigentlichen Thema, das, wie immer, gar nicht so fern liegt. Wir wollen nämlich heute zu einer vorurteilsfreien kulturkritischen Würdigung des Pornofilms antreten. Irgendjemand muss es ja machen. Um etwas Gelassenheit in die Debatte zu tragen. Und so stellen wir uns die nüchterne Frage: Was hat «Porno» mit «Akt» zu tun?
Nun, das einsilbige Wörtlein «Akt» hat bekanntlich mehrere Bedeutungen. Mein (uralter) Duden listet drei auf:
1. Abschnitt eines Theaterstückes;
2. Handlung, Vorgang [umgangssprachlich v.a.: Liebesakt (und das wiederum ist, was der Duden vergisst, ein Euphemismus für: Sexualakt)];
3. (künstlerische) Darstellung des nackten Körpers.
So weit dazu. Die nächste nüchterne Frage lautet: Könnte es sein, dass sich der Porno irgendwie in der Schnittmenge dieser drei Bedeutungsebenen lokalisieren lässt? Dies wäre ja ein Hinweis auf eine mögliche kulturelle Bedeutung. Beleuchten wir also zwecks einer Würdigung des Pornofilms dessen Akt-Komponenten lexikalisch. Und zwar von hinten. Ich meine: in umgekehrter Reihenfolge. Zuvor noch ein Hinweis: Wenn wir hier von «Porno» respektive «Pornofilm» sprechen, meinen wir nur solche Filme, in denen als Protagonisten ausschliesslich urteilsfähige, zustimmende Erwachsene (fachsprachlich: consenting adults) auftreten. Alles andere ist von vornherein zu verurteilen und einer Diskussion unwürdig.
I. (künstlerische) Darstellung des nackten Körpers
Das hier ist das 21. Jahrhundert. Wir sind alle total frei und emanzipiert, wir können über Sex reden, ohne die Stimme zu senken, und wenn wir ohne Schuldgefühle nackt sein wollen, dann tun wir das eben! Allerdings gibt es bestimmte Sachen, die man nackt niemals machen sollte, egal wie emanzipiert man nun ist. Es sei denn, man hätte zufällig einen Körper wie Tyson Beckford (oder, zum Beispiel, Toni Collette, die hat immer noch einen phantastischen Körper, ebenso wie Jennifer Aniston übrigens). Zu diesen im unbekleideten Zustand nicht ratsamen Dingen gehört etwa das Sitzen auf Barhockern (was mehr Leute nackt tun, als Sie jetzt vielleicht vermuten) oder auch Husten (Sie können sich ja mal, wenn Sie sicher allein sind, nackt vor den Spiegel stellen und husten – Sie werden das ganz sicher nicht wiederholen).
Daraus ersehen wir erstens und allgemein, dass jede Darstellung des nackten Menschen, die dessen Sitzen auf Barhockern involviert, von Gemütern mit durchschnittlichem Schönheitsempfinden (wie dem Verfasser dieser Zeilen) als unschön zurückgewiesen werden muss.
Zweitens ist im Hinblick auf den pornographischen Film im Besonderen zu beachten, dass sich die allermeisten professionellen (!) Porno-Darsteller zuallererst lediglich in einem Punkt vom überwiegenden Rest der Bevölkerung unterscheiden: Sie sehen nackt besser aus als angezogen. Dies heisst aber noch lange nicht, dass sie nackt auf Barhockern sitzen könnten. Und selbst wenn sie nicht auf Barhockern sitzen, sind sie deshalb noch nicht notwendig sexy. Denn dazu gehört irgendwie ein bisschen Verkommenheit.
Verkommenheit ist sozusagen der klassische künstlerische Anspruch des Pornofilms, also das, was ihn vom richtigen Leben abgrenzt, wo es eigentlich recht selten verkommen zugeht, leider. Nun ist es aber so: Der industrielle moderne Pornofilm präsentiert sich nicht selten irgendwie klinisch und akrobatisch. Er hat seinen eigenen Anspruch vergessen. Übrigens genau wie der Laden, in dem er verkauft wird. In den unschuldigen Zeiten vor Globalisierung und Digitalisierung waren Sexshops düstere Lokale im Rotlichtviertel. Mit Plastikstreifenvorhang vor dem Eingang. Hinter dem Ladentisch ein unappetitliches, tätowiertes Halbweltwesen (womöglich auf einem Barhocker), das Menthol-Zigaretten rauchte. Die Sorte, die man niemals nackt sehen will. Mit Bikinizonen grösser als San Marino. Diese Sexshop-Variante ist allerdings, genau wie der gute alte Tante-Emma-Laden, im Aussterben begriffen. Heute muss der Sexshop mit dem Internet mithalten. Denn warum gehen die allermeisten Leute ins Internet? Wegen Klatsch, Katzenbildern und Porno.
Wir aber deduzieren daraus: das Gegenteil von Kunst heisst nicht: Natur, es heisst: Geschäft.
II. Handlung, Vorgang (umgangssprachlich v.a.: Liebesakt)
Im Pornofilm ist der Akt die Handlung. Das macht die Auswahl zum Problem. Denn die ist riesig. (Riesig sind übrigens auch ein paar der in den Sex-Megastores angebotenen Gerätschaften zum unzüchtigen Gebrauch, von denen die eine Hälfte mutmasslich unrealistische Erwartungen im sexuell unerfahrenen Teil der Kundschaft inspiriert und die andere Hälfte mutmasslich unters Waffen- und/oder Betäubungsmittelgesetz fällt, aber das nur am Rande.)
Selbst wenn man auf bestimmte Spezialvorlieben fixiert ist, etwa spezielle Positionen für Übergewichtige, steht man einem unübersehbaren Angebot von pornographischem Filmmaterial gegenüber. Die öffentliche Zurschaustellung von Tabus hat tatsächlich ein nie-gesehenes Ausmass angenommen. Oder, in den Worten von Hildegard Knef: Sex ist heutzutage nicht mehr eine Frage der Freiheit, sondern des guten Geschmacks. Der irritierte moderne Mensch ist bekanntlich darauf konditioniert, jede auch noch so intime Handlung am aktuellen Standard einer total informierten Lifestyle-Öffentlichkeit zu messen. Falls aber der aktuell andauernde Porno-Tsunami ein Sittenspiegel unserer zunehmend pornografisierten Gesellschaft sein soll, dann kann man sich nur wundern, dass jährlich beispielsweise in unserem Nachbarland Deutschland bloss etwa 11’000 Verletzungen registriert werden, die was mit Sex zu tun haben (Verletzungen des Schamgefühls nicht eingerechnet).
Wenn der Akt die Handlung ist, bestünde ja eine Möglichkeit darin, nach dem Titel des Films zu entscheiden. «Schmutz» zum Beispiel klingt schlicht in einem Ingmar-Bergmann-Sinn und gleichzeitig irgendwie ziemlich romantisch, aber «Anale Grande» oder «Monsterbusen – Garantiert keine Gesichter» präsentiert sich eher im Sinne einer inhaltlichen Entscheidungshilfe. «Make a Wish and Blow» oder «Your Face or Mine» weisen hingegen auf ein ausländisches Fabrikat hin. Doch keine Angst: Immer mehr ausländische Pornofilme werden synchronisiert. Obschon es wohl auf ewig das Schicksal des Pornofilms bleiben wird, dass man ihn ohne grossen Verlust auch ohne Ton konsumieren kann. Oft ist dies sogar notwendig.
Man könnte auch nach den Szenenbildern auf den Verpackungen auswählen. Diese reichen von eher harmloser Werbung für Nacktkultur bis zu Darstellungen, die in unerhörter Weise geschlechtliche Reize aufpeitschen. Aufwendigere moderne Produktionen legen gesteigerten Wert auf eine gewisse Kulisse. Nicht: Handlung. Der Akt ist die Handlung. Damit sind wir bei Punkt III.
III. Abschnitt eines Theaterstücks
Falls nämlich auf der Verpackung ausserdem eine Inhaltsangabe des Films angegeben ist (und ich bewundere Leute, die sowas schreiben können), muss man sich bei der Beurteilung dieser Inhaltsangabe immer vor Augen halten, dass der Pornofilm zwar auch aus einer Abfolge von Akten aufgebaut ist, dass diese Akte aber im Gegensatz etwa zum klassischen Drama voneinander relativ unabhängig sind. Sie können in der Regel Pornos ohne grössere Einbussen auch nur ausschnittsweise oder von hinten nach vorne konsumieren, und die meisten Benutzer tun ebendas. Ja, man könnte sogar behaupten, das für die Konsumation eines Pornofilms die (inzwischen meist virtuelle) Vorlauftaste wichtiger ist als die Abspieltaste.
Dies wiederum bedeutet keineswegs, dass der Pornofilm a priori keine Botschaft vermitteln würde (und ihm allein deshalb der Kunstgehalt abzusprechen wäre). Im Gegenteil: Seine kulturelle Botschaft besteht im Transport unsterblicher Mythen, die, obschon sie eben ein mythisches Verhältnis zur Wahrheit haben, für unsere total informierte Lifestyle-Öffentlichkeit nichtsdestoweniger relevante Standards setzen und verstärken. Diese Mythen ändern sich nie. Das haben Mythen ja so an sich. Und dafür braucht man keinen Dialog. Da ist zum Beispiel der Mythos, dass dumme Leute gut im Bett wären. Dann der Mythos, dass man den Charakter am Gesicht ablesen könne. Ferner der Mythos, alle Nonnen seien insgeheim verdorben. Oder wenigstens die blutjungen, monsterbusigen. Ausserdem der (spezifisch nordamerikanische) Mythos, dass College-Lehrer eine Brille tragen (auch wenn ihre Bizeps grösser sind als Baseballs). Schliesslich der Mythos über schwarze Männer … Halt. Eigentlich ist das gar kein Mythos.
IV. Schlussbemerkung: Das Wesen der Scham
Wir sind am Ende. Ich bin am Ende. Am Ende unseres kleinen kulturwissenschaftlichen Traktats über das Wesen des Aktes am Beispiel des Pornofilms. Oder umgekehrt. Und ordnungsgemäss folgt hier nun abschliessend eine praktische Nutzanwendung auf das Leben, nämlich der Hinweis auf: die Gefahren. Und mit Gefahren meine ich nicht, dass die Hervorbringungen der Porno-Industrie eventuell bei formbaren Heranwachsenden unrealistische Erwartungen in Bezug auf sexuelle Kompetenz oder die Grösse von Geschlechtsmerkmalen inspirieren. Nee, ich meine: Scham.
Die gute alte Scham. Es gibt sie noch, selbst in unseren Zeiten von Medienexzessen und Sven Epiney und unerreichbaren Idealen von wahrer Romantik. In einer Gesellschaft des Spektakels, der wandlosen Intimräume, der Ortlosigkeit des Wollens und Verzweckung des Körpers. In einer Gesellschaft, die oft genug ihr Heil auf das Dümmste und Gemeinste gestellt zu haben scheint und in der all das Feine und Leise, das der Musse und dem Eigensinn des Individuums entblüht, verkümmert. In einer Gesellschaft, die sich einer problematischen, gefährlichen Vermischung des Öffentlichen und Privaten hingibt. Wir erleben diese Vermengung der Sphären in allen Bereichen: in der Politik beispielsweise, wo sie zu Pseudo-Skandalen führt, oder in der Sphäre von Kunst und Show-Geschäft, wo sie zu Pseudo-Berühmtheiten führt.
Wo waren wir? Richtig: Scham. So wie die Kunst darunter leidet, dass man heutzutage immer weniger zu sublimieren braucht, so wird die Sex-Industrie eines Tages realisieren, dass der völlige Verlust von Scham ihr nicht hilft. Denn Scham und Lust sind verschwistert. Egal was das Privatfernsehen sagt.
Bild oben: Szene aus «Magic Mike». (Foto: Iron Horse Entertainment)
30 Kommentare zu «Porno-Kritik»
Ich weiss, heute schwimmt jeder gegen Mainstream, der sich nicht der unmoralischen Situationsethik der Gegenwart beugt. Mir egal, bin trotzdem anderer Meinung. Porno hat nichts mit Kunst zu tun! Rein gar nichts bis übehaupt nichts. Porno ist die neue Droge der heutigen Generation und wird (hat schon) imensen Schaden in dieser und kommenden Generation anrichten. Hier mal ein etwas kritischerer Kommentar (zum drauf rum hacken) Bitte schaut auch die Website mal an (English). Vor allem wer Kinder gross zu ziehen hat, viel Glück! mit diesen Herausforderungen! http://www.fightthenewdrug.org/
Es gibt auch Porno den Mann und Frau durchaus als Kunst bezeichnen kann, dieser ist aber nicht unbedingt Mainstream wie Sie das nennen würden. Was mir aber sehr schräg und schon wie eine Sekte vorkommt ist der Link den Sie gepostet haben. Könnte mir gut vorstellen das dahinter so was wie Scientology oder die Mormonen stecken. Auch so kann man mit Porno Geld verdienen 🙂
Absolut köstlich. Dafür hätten sie wenigstens eine „Oscarnominierung“ für den besten Artikel dieses Jahres verdient.
„…so wird die Sex-Industrie eines Tages realisieren, dass der völlige Verlust von Scham ihr nicht hilft. Denn Scham und Lust sind verschwistert. Egal was das Privatfernsehen sagt.“
Auch das Fazit einfach Gold wert. Das können sich auch viele Privatleute hinter die Ohren schreiben. Es kommt schon gar keine Lust mehr auf wenn man all die Körper sieht, die in Kleidern die der Fantasie keinerlei Spielraum lassen herumlaufen.
Hr.Tingler,ihr Artikel ist einfach zu gut.Sie erheben das Thema auf eine Stufe,das es m.E. gar nicht verdient.Männer werden meist auf ihr Geschlechtsteil reduziert-Frauen werden meist im Ganzen gezeigt. Wer wen diskriminiert,weiss ich nicht.Intellektuell(hab kein anderes Wort)gut formuliert und gedanklich durchgearbeitet bieten sie ein Einblick in eine Sichtweise,die seinesgleichen sucht.Ich weiss nicht wie Frauen darauf“abfahren“,aber als Mann frage ich mich zeitweise ob zu viel Porno nicht die Libido infolge Abstumpfung stört bzw.zerstört? Aber vielleicht bin ich ein unverbesserl.Romantiker
Wunderbar, Hr Tingler! Vor allem mit den letzten Zeilen fassen Sie etwas in Worte, was ich nur unterstreichen kann: ‚Lust und Scham sind verschwistert‘. Genau. Und daher sehen meine Kollegen und ich – als Gegenpol zur ständigen Verfügbarkeit von Porno, Sex und Intimstem – auch immer mehr Lustlosigkeit. Was mich am meisten beelendet ist eine Generation, die mit vermeintlichem Wissen über alles aufwächst, der die emotionale bzw soziale Komponente von Sexualität und das Erlernen von wirklicher Beziehungsfähigkeit aber oft vorenthalten wird.
Was hier über Mitt Romney steht, ist Diskriminierung der Mormonen, welche Religionsgemeinschaft auch in der Schweiz Anhänger hat, mit niedrigstem Anteil an Kriminellen und minimaler Bedürftigkeit nach Sozialhilfe, schon weil man sich auch selber hilft. Romney war besonnen und wäre den nicht wenigen US-Präsidenten mit krassen Charakterschwächen wohl vielleicht vorzuziehen. Das Problem beim Fremdgehen ist das Lügensystem, und wer so lügt, wie man es machen muss bei dieser Praxis, ist nach Kant zwar weniger brutal, aber charakterlich nicht besser als ein Mörder. Sehe ich zwar nicht so streng.
Hier wird niemand diskriminiert. Anders als bei den Mormonen, die Homosexuelle diskriminieren. Und Frauen. Und schwarze Menschen. Also eigentlich so ziemlich jeden, der nicht so ist wie Mitt Romney.