Die wichtigsten Gender-Debatten des Jahres

Domina

Es ist die Zeit der Jahresrückblicke – obwohl es mit Jahresrückblicken ähnlich ist wie mit Weihnachtsgeschenken. Die guten Hausfrauen unter uns haben ihre Geschenke schon vor Wochen besorgt und können Weihnachten entspannt entgegenblicken. Wir andern aber müssen uns sputen. Schauen wir also zurück, welche grossen Gender-Diskussionen uns im Jahr 2013 bewegt haben, und wagen einen Ausblick in die Zukunft.

Die Aufschrei-Debatte

Zu später Stunde an einer Hotelbar führten eine «Stern»-Journalistin und der deutsche Politiker Rainer Brüderle ein Gespräch über das Oktoberfest in München. Der Politiker, so schrieb die Journalistin später, habe dabei auf ihren Busen geguckt und gesagt: «Sie können ein Dirndl aber auch ausfüllen.» Die «Stern»-Journalistin bekannte später, sie habe nicht beabsichtigt, eine Sexismus-Diskussion loszutreten, sondern habe Brüderle lediglich als Vertreter einer in vielen Hinsichten gestrigen Generation darstellen wollen.

Doch es kam anders. Netzfeministinnen griffen die Geschichte auf und ermunterten Frauen dazu, unter #Aufschrei vom alltäglichen Sexismus zu berichten, den man als Frau erlebt. Es folgte eine wochenlange Diskussion über die Frage, was Sexismus ist und was Paranoia. Kritiker sprachen von einem «Tugendfuror», der das Verhältnis zwischen Mann und Frau vergifte. Das grosse Echo der Geschichte zeigte aber vor allem, dass das Thema Männer wie Frauen gleichermassen betrifft und ein Austausch über Sexismus und die Grenzen zur sexuellen Belästigung dringend nötig war.

Sexting und Revenge-Porn

Pro Juventute widmete dem Thema Sexting dieses Jahr eine eigene Kampagne mit dem Claim «Sexting kann dich berühmt machen». Jugendliche sollten über die Risiken intimer Fotos aufgeklärt werden, wenn sie in falsche Hände gelangen. Besonders Mädchen müssen sich bewusst sein, wie schnell intime Bilder zur Waffe werden können, die gegen sie verwendet wird – mit gravierenden Konsequenzen. Dies zeigte der Fall einer Jugendlichen, die sich selber mit einer Ice-Tea-Flasche in kompromittierenden Posen gefilmt hatte. Der Film wurde herumverschickt, und am Schluss ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen die junge Frau, weil sie Kinderpornografie hergestellt und verbreitet habe. Dass auch erwachsene Männer von ein bisschen Aufklärung profitieren würden, zeigte dann der Fall des Basler BVB-Direktors, der Mitarbeiterinnen mit Sexbildern von sich belästigt haben soll. Er wurde inzwischen gefeuert.

Frauen in Führungspositionen

Mit ihrem Buch «Lean In» nahm Facebook-CEO Sheryl Sandberg die Frauen dieses Frühjahr in die Verantwortung, Führungspositionen in der Wirtschaft zu erobern. Dazu sollten sie aufs Ganze gehen, sich im Büro nicht kleinmachen und ihren Ehrgeiz nicht auf dem Altar der Mutterschaft opfern. Das Jahr 2013 präsentierte diesbezüglich eine ganze Reihe schöner Erfolgsgeschichten: Von Sandberg über Marissa Mayer, Christine Lagarde, Angela Merkel, oder gerade eben Mary Barra, welche im kommenden Jahr als erste Frau an der Spitze des grössten US-Autobauers General Motors stehen wird.

Dass der Weg an die Spitze an Frauen andere Anforderungen stellt, ist auch klar. So berichten weibliche Führungskräfte immer wieder davon, dass man sich als Chefin nicht zu sehr «wie eine Frau verhalten» soll, weil man sonst als Chef nicht akzeptiert wird. Es gilt, nicht zu emotional, aber auch nicht zu kalt zu sein, vielmehr sogenannt männliche Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen und Platzhirschgebaren an den Tag zu legen, mit Männern «kumpelhaft, aber nicht zu jovial» zu verkehren, wie eine anonyme Autorin in ihrem Buch «Ganz oben» über ihre Zeit an der Spitze eines grossen Wirtschaftsunternehmens schrieb. Dies als Zeichen der Diskriminierung zu werten, halte ich jedoch für falsch. Wir sind schliesslich nicht alle gleich, und erst die Unterschiede machen die Sache spannend.

Prostitutionsverbot

In den grossen europäischen Ländern wurde diesen Herbst heftig über Prostitution gestritten, die man abschaffen möchte, indem Freier, die käuflichen Sex wollen, bestraft werden. Alice Schwarzer hatte die Diskussion im deutschsprachigen Raum losgetreten, die sich vor allem dadurch auszeichnete, dass sie nicht mehr anhand der erwartbaren Geschlechterlinien verlief. Auffallend viele Frauen bekundeten mit dem schwarzerschen Moralismus Mühe und votierten gegen ein Verbot, während zahlreiche Männer der Feministin beipflichteten und Prostitution als ein auch für Männer unwürdiges und deshalb zu verbietendes Gewerbe einstuften.

Und was haben wir im kommenden Jahr zu erwarten? Journalisten müssen kritisch sein und neigen deswegen zu Pessimismus. Man könnte deshalb hier die Beobachtung anführen, dass Mädchen in jüngster Zeit wieder vermehrt ins Rosa-Prinzessinnen-Hauptsache-gut-geschminkt-Schema gedrängt werden, während Jungs auf dem Pausenplatz den harten Burschen markieren und sich mit entsprechenden Sprüchen den südländisch patriarchalen Kulturen angleichen.

Ob dies als Zeichen eines Backlashs zu werten ist? Ich glaube nicht. Wenn man sich die Diskussionen oben anschaut, ist nicht zu übersehen, wie weit unsere Gesellschaft auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit schon gekommen ist. Ein Weg, den wir weiter beschreiten und auch diskutieren müssen, auch im kommenden Jahr.

Bild oben: Die Domina Terri-Jean Bedford freut sich über ihren Sieg vor dem obersten Gerichtshof von Kanada. Mit zwei Kolleginnen erwirkte sie, das alle geltenden Gesetze gegen Prostitution aufgehoben werden, da diese die Garantie auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Sexarbeiterinnen verletzen.

20 Kommentare zu «Die wichtigsten Gender-Debatten des Jahres»

  • hans huber sagt:

    Hat eigendlich bezgl. Abschaffung der Prostitution je mal jemand die „SexarbeiterInnen“ befragt? Was denken die, wenn ihnen der Job verboten wird? Machen die das alle wirklich SO sehr gegen deren Wille? Oder gilt nicht auch hier der berühmte Satz von Angebot und Nachfrage? Prostituieren wir uns nicht alle indirekt, indem wir Jobs machen, die zwar Geld zahlen, aber eigendlich nicht unserem Bedürfnis entsprechen? Werden diese dann auch verboten? Für mich klingt das etwas nach Don Quixote’s Kampf gegen Windmühlen!

  • Kurt Oertli sagt:

    Die Aufschreidebatte um Rainer Brüderle war einfach nur lächerlich. Auch in weiteren Zusammenhängen wird sofort „Sexismus“ gerufen. Ein missglücktes Kompliment oder ein nicht besonders lustiger Spass genügt dafür. Der Begriff Sexismus wird fast täglich falsch angewandt, für Dinge, die damit nichts zu tun haben. Sexismus ist die behauptete Minderwertigkeit von Menschen eines Geschlechts. Zum Beispiel wenn Männer generell als dumm, unempathisch oder gewalttätig bezeichnet oder als potentielle Vergewaltiger verunglimpft werden.

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